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Archäologie - Halle (Saale):Schamanin von Bad Dürrenberg: Lagerplatz wird untersucht

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Halle (dpa/sa) - Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt haben bei Dehlitz (Burgenlandkreis) vermutlich den rund 9000 Jahre alten Lagerplatz der Schamanin von Bad Dürrenberg ausgegraben. "Mit dem Lagerplatz bei Dehlitz erhalten wir nun erstmals einen Einblick in die Lebenswelt der Menschen zur Zeit der Schamanin. Damit fügen wir unserem Bild dieser Epoche ein weiteres wichtiges Puzzleteil hinzu", sagte Landesarchäologe Harald Meller. Das Areal liegt auf über 100 Meter Höhe, ungefähr sieben Kilometer Luftlinie südlich des Kurparks von Bad Dürrenberg. Es gibt von dort einen freien Blick auf den Ort, an dem die Schamanin bestattet wurde. Der Blick der Schamanin im Grab war nach Süden gerichtet.

Das Grab der Schamanin wurde 1934 in Bad Dürrenberg zufällig beim Anlegen eines Wasserleitungsgrabens entdeckt. Die etwa 30- bis 35-jährige Frau war aufrecht, in hockender Haltung mit einem Kleinkind vor der Brust in einem aufwendig gestalteten Grab mit einer Fülle an Beigaben beigesetzt worden. Dazu gehörte ein Kopfschmuck aus Rehgeweih und Tierzahn-Gehänge. Den Erkenntnissen von Experten zufolge war sie eine spirituelle Spezialistin und Anführerin ihrer Gruppe. Seit 2019 fanden Nachgrabungen statt.

Auf dem Lagerplatz lebten den Angaben zufolge zeitweise rund 100 steinzeitliche Jäger und Sammler. "Möglicherweise gehörte die Schamanin zu dieser Gruppe", sagte Archäologe und Projektleiter Jörg Orschiedt.

Zusammen mit Grabungstechniker Andreas Siegl und fünf Mitarbeitern gräbt Orschiedt noch bis Mitte September den Platz auf einer Geländekuppe nahe der Saale aus.

Die Archäologen bargen zahlreiche Steingeräte, Knochen- und Geweihreste sowie Mikrolithen. Das sind für die Mittelsteinzeit typische sehr kleine Feuersteinspitzen mit wenigen Zentimetern Größe. In Dehlitz wurden sie durch gezieltes Zerbrechen und Retuschieren kleiner Steinklingen hergestellt. Sie dienten unter anderem als Pfeile, die zur Jagd verwendet wurden. "Die transparenten, leicht grau-braunen Mikrolithen am Lagerplatz, entsprechen den Funden aus dem Grab der Schamanin", sagte Orschiedt. "Allerdings gibt es am Fundplatz kaum Kratzer oder Werkzeugformen, die auf eine Weiterverarbeitung von Jagdbeute hindeuten. Wir gehen daher von einem zeitweise, wohl auch mehrmals genutzten Jagdlager aus."

Auf den Platz aufmerksam wurden die Archäologen, nachdem der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Wolfgang Bernhardt dort in fünf Jahren mehr als 7000 Steinartefakte von der Oberfläche absammelte. "Das ist eine immense Fundmenge für einen mittelsteinzeitlichen Fundplatz und die Feuersteinartefakte sind von einer enormen Qualität, vergleichbar denen aus dem Grab der Schamanin", sagte Orschiedt.

"Die Menschen waren damals noch sehr mobil, vermutlich gibt es im näheren Umfeld noch zahlreiche, bislang unbekannte mittelsteinzeitliche Fundplätze, die sich nicht durch Oberflächenfunde verraten", sagte Orschiedt.

© dpa-infocom, dpa:230910-99-139526/2

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