Archäologie Möglicherweise kämpften die Parteien um die Kontrolle einer Brücke

Andere Spuren erschließen sich nicht so leicht. Ein Lendenwirbel mit einem kleinen, kreuzförmigen Einschnitt im Wirbelkörper, als ob da einer mit einem Kreuzschlitzschraubenzieher zugestochen hätte: Das ist die Spur einer Bronzepfeilspitze. Viele Verletzungsspuren sind mikroskopisch klein - winzige Absplitterungen oder Einkerbungen. Andere sind unübersehbar groß und trotzdem schwer zu deuten. Ein Oberschenkelknochen, der vom Oberschenkelhals abwärts diagonal gespalten ist.

Zwei Wissenschaftlerinnen vom Archäologischen Institut der Universität Hamburg gehen einen ganz neuen Weg, um solche Verletzungsspuren zu deuten. Hella Harten-Buga und Melanie Schwinning haben Ingenieurwissenschaften studiert, ehe sie sich der Archäologie zuwandten. Jetzt rekonstruieren sie anhand von virtuellen 3-D-Modellen, die aus computertomografischen Aufnahmen und aus Datenbanken über die Materialeigenschaften von Knochen entwickelt wurden, die mechanischen Abläufe, die zu einer Verletzung geführt haben könnten. So konnten sie nachweisen, dass der Mann mit dem gebrochenen Oberschenkel nicht, wie zunächst angenommen, von einem Pferd gestürzt war, sondern dass der Knochen unter Einwirkung einer spitzen Waffe, wahrscheinlich einer Lanze, regelrecht auseinandergesprengt wurde.

Das alles sind einzelne Puzzleteile, die sich vielleicht irgendwann einmal zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen von dem, was sich vor 3500 Jahren im Tollensetal ereignet hat. Viele Teile fehlen noch. Die Auswertung der DNA-Strukturen, die aus den Knochen gewonnen wurden, und der Strontiumisotopenanalysen aus dem Zahnschmelz ist noch nicht abgeschlossen. Sie reicht noch nicht aus, um sichere Aussagen über die Herkunft der Kämpfer zu machen, deren Überreste jetzt auf den Tischen und in den Regalen im Schloss versammelt sind. Die starke Streuung der Strontiumwerte deutet auf unterschiedliche Herkunftsgebiete.

Waren es Krieger aus dem Voralpenland, die in den Mooren Vorpommerns starben?

Auch andere Indikatoren liefern keine eindeutigen Hinweise auf die Herkunft der Menschen, die bei der Schlacht im Tollensetal zu Tode kamen. Das in menschlichen Skelettresten gefundene Kohlenstoffisotop d13C zum Beispiel gilt als Indikator für den Anteil von Hirse an der Ernährung. Etliche der Gefallenen im Tollensetal müssen sich demnach maßgeblich von diesem Getreide ernährt haben. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie aus südlichen Gegenden, etwa aus dem Voralpengebiet stammten, wo schon seit der Jungsteinzeit Hirseanbau belegt ist. Andererseits wurden auch bei einzelnen Skelettfunden im Gebiet der Mecklenburgischen Seenplatte hohe d13C-Werte ermittelt. Es lässt sich derzeit also nur feststellen, dass sowohl einheimische als auch nicht einheimische Kämpfer an dem Konflikt beteiligt gewesen sein können.

Einen Fingerzeig auf eine mögliche Ursache des Konflikts hat eine geophysikalische Untersuchung erbracht, die von der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts durchgeführt wurde. Die Knochen- und Metallfunde im Tollensetal erstrecken sich über etwa drei Kilometer. An ihrem südlichsten, also am weitesten flussaufwärts gelegenen Punkt entdeckten die Forscher die Überreste eines befestigten Flussübergangs. Eingeschlagene Holzpfähle, darüber zwei Lagen Holzbohlen und eine Sandaufschüttung - "ein solide gebauter Damm", sagt Detlef Jantzen. Dendrochronologisch, also durch eine Untersuchung der Jahresringe der beim Bau verwendeten Baumstämme, wurde ermittelt, dass mit dem Bau dieses Dammes schon um 1700 vor Christus begonnen wurde, mehr als 400 Jahre vor der Schlacht.

"Das war ein Augenöffner", sagt Jantzen. "Wir hatten es nicht für möglich gehalten, dass es hier seit so langer Zeit einen befestigten Weg gab." Das deutet auf einen regelmäßigen Verkehr, nicht nur von Reisenden zu Fuß, sondern möglicherweise auch mit Wagen, von Pferden gezogen. Ein Flussübergang an einer viel befahrenen Straße war sicher ein strategisch wichtiger Punkt, der vielleicht von einer kleinen Mannschaft bewacht wurde. Man könnte sich also ein Szenario vorstellen: Ein größerer Trupp bewaffneter Kämpfer, einige von ihnen zu Pferd, nähert sich der Furt, stößt auf Widerstand, weicht flussabwärts aus, wird erneut angegriffen, die Verteidiger alarmieren Verstärkung, ein Gemetzel hebt an. Aber wer die Angreifer waren, was sie wollten, wer die Macht hatte, in diesem dünn besiedelten Land so viele kampffähige Männer zu rekrutieren - das sind noch ungelöste Rätsel. "Wir haben keinerlei schriftliche oder bildliche Überlieferung aus dieser Zeit", sagt Jantzen.

Mit einer Ausnahme: das Horn von Wismar. Es wurde schon im 19. Jahrhundert im Moor nahe der Hansestadt gefunden; nur die bronzenen Beschläge des Blasinstruments sind erhalten, sie stammen etwa aus derselben Zeit wie die Funde im Tollensetal. Man sieht darauf Spiralornamente, Speichenräder, Schiffe (oder Schlitten) - und zwei stehende Figuren mit Schild und Speer. Vielleicht wurde auf einem Horn wie diesem zum Angriff im Tollensetal geblasen.

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