Süddeutsche Zeitung

Archäologie:Die Pyramide von China

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Von Stephanie Göing

Einst war sie das Zentrum eines mächtigen Stadtstaats und Sitz seiner Herrscher: Archäologen haben im nördlichen China, auf dem Lössplateau etwa 500 Kilometer westlich von Peking, eine der größten Pyramiden der Welt ausgegraben. Sie ist Teil der 4300 Jahre alten Stadt Shimao. Über 70 Meter ist die Stufenpyramide hoch, auf einer Grundfläche mit einem Durchmesser von einem halben Kilometer, berichten die Forscher um Li Jaang von der Zhengzhou Universität im Fachmagazin Antiquity.

Seit ihrer Entdeckung 1976 und den ersten Ausgrabungen 2011 dachte man, die uralte Stadt, die heute Shimao genannt wird, wäre Teil der Chinesischen Mauer. Doch nun zeigen die aktuellen Ausgrabungen: Die Ruinen sind mit 4300 Jahren sehr viel älter als die Mauer, deren Bau vor etwa 2700 Jahren begann. Zusammen mit der Pyramide förderten die Archäologen auch viele bislang unbekannte Details über das Leben in der Stadt zu Tage, deren ursprünglichen Namen niemand kennt.

Fünfhundert Jahre lang, von etwa 2300 bis 1800 vor Christus, so schätzen die Forscher, florierte das Leben rund um das imposante Bauwerk und die Stadt war mit etwa vier Quadratkilometern an ihrem Höhepunkt eine der größten Metropolen der Welt. Geschützt war sie durch eine innere und eine äußere Stadtmauer. Zur damaligen Zeit, an der Schwelle zwischen Stein- und Bronzezeit, entstanden die ersten größeren Stadtstaaten Chinas mit politischen, kulturellen und religiösen Zentren - Grundlage für die anschließenden großen Königsdynastien.

Die Forscher fanden religiöse Augensymbole - und Menschenköpfe

Die Pyramide besteht aus elf in die Erde gestampften Stufen. Auf der obersten Ebene befanden sich damals weitläufige Paläste mit hölzernen Säulen, Dachziegeln und Wasserreservoirs. Hier lebten nicht nur die Herrscher von Shimao, es war auch ein Platz für Handwerk und Kunst, vermuten die Archäologen. Geschmückt war die Pyramide mit Augensymbolen und Gesichtern, die halb Mensch, halb Tier darstellen. "Diese Figuren haben dem Bauwerk wahrscheinlich eine spezielle religiöse Macht verliehen", schreiben die Autoren in ihrem Bericht. Zwischen den Blöcken der Bauwerke fanden sich zudem Gegenstände aus Jade, die wohl ebenfalls rituelle Bedeutung hatten.

Auch auf zahlreiche abgeschlagene Köpfe in sechs verschiedenen Gruben stießen die Forscher - womöglich die Zeugnisse von Menschenopfern. Einige davon könnten ursprünglich aus einer Stadt nördlich von Shimao stammen, die Zhukaigou genannt wird. Li Jaang und sein Team vermuten, dass die Opfer Einwohner von Zhukaigou waren und als Gefangene nach Shimao gebracht wurden, als der Stadtstaat sich ausdehnte.

Die Forscher schlussfolgern aus ihren Funden, dass sich die chinesische Zivilisation möglicherweise nicht in der zentralen Ebene des Landes entwickelte, wie bislang angenommen - sondern schon früher in der Gegend um Shimao.Dort existierte wohl bereits in der Bronzezeit eine komplexe Gesellschaft, die das Herzstück des Gebiets des heutigen Chinas gewesen sein könnte.

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