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Archäologie:Der Tontopf revolutionierte das Kochen

Schon in der Steinzeit bewahrten Menschen in dem Gefäß auch Nahrung auf und nutzten es als Kunstform. Kein Wunder, dass die Keramik mehr als einmal erfunden wurde.

Ein Tontopf ist eine ziemlich geniale Erfindung. Steinzeitmenschen konnten darin einerseits Samen oder getrocknete Beeren sicher vor Schädlingen aufbewahren, anderseits auch harte Knollen, Wurzeln oder rohes Fleisch darin über dem Feuer garen und so immer wieder neue Nahrungsmittel erschließen. Form und Funktion allein überzeugen schon.

Noch erstaunlicher wird die Innovation allerdings, wenn man sich das Material anschaut: Lehm und Ton kommen in der Natur häufig vor. Sie lassen sich gut kneten, aber bleiben weich oder werden in der Sonne spröde und rissig. Richtig hart wird Ton nur im Feuer. Um einen belastbaren Tontopf zu erzeugen, mussten Handwerker also einen revolutionären Schritt machen: Sie veränderten das Basismaterial auf technische Weise. So entstand der erste künstliche Werkstoff der Menschheitsgeschichte, die Keramik.

Unterschätzte Innovationen

Viele Dinge sind so selbstverständlich, dass ihr Einfluss auf unser Leben oft unterschätzt wird. Die SZ-Serie "Die kleinen großen Dinge" beleuchtet wichtige Erfindungen der Menschheitsgeschichte.

Die ersten Objekte aus diesem neuen Werkstoff sind kleine Kunstwerke wie die 27 000 Jahre alte, aus einem Lehm-Knochen-Gemisch geformte Venus-Figur, die Archäologen in einem Lager von Mammutjägern im tschechischen Dolní Věstonice entdeckten. Wahrscheinlich hat sie ein 14-jähriger Jugendlicher geformt, jedenfalls finden sich entsprechende Fingerabdrücke im gebrannten Ton.

Die bislang ältesten Scherben eines Tontopfes entdeckten Forscher vor wenigen Jahren in einer Höhle in der chinesischen Provinz Jiangxi im Süden Chinas, einer Region, in der im Lauf der folgenden Jahrtausende die Keramikherstellung perfektioniert wurde. Interessant ist das Alter der Scherben: 20 000 Jahre alt sind die etwa einen Zentimeter dicken Stücke, damals herrschte gerade das Maximum der letzten Eiszeit in Südostasien. Offenbar half den Menschen die Innovation, besser mit dem karger werdenden Nahrungsangebot umzugehen. Sie kochten darin den harten Ur-Reis, Knollen, Knochen und offenbar auch alkoholische Getränke.

Eine Explosion der produzierten Stückzahlen löste eine weitere Innovation vor etwa 5300 Jahren aus

Keramik ist im Lauf der Geschichte offenbar immer wieder erfunden worden, vielleicht lag die Idee in der Luft. So tauchen Kochtöpfe vor rund 15 000 Jahren in Japan auf, dann vor 11 500 im westafrikanischen Mali. Verbindungen zwischen den Regionen sind nicht bekannt. Ein Massenprodukt wurde Keramik erst mit der Sesshaftwerdung. Bis dahin war es meist zu aufwendig, die schweren Tontöpfe auf Wanderungen mitzuschleppen.

Eine wahrhafte Explosion der produzierten Stückzahlen löste eine weitere Innovation vor etwa 5300 Jahren aus: Die rotierende Töpferscheibe machte es möglich, Gefäße mit weniger Aufwand herzustellen. Die Massenproduktion hatte begonnen. Parallel wurden die Gefäße auch zum Statussymbol, sie waren identitätsstiftend. Ganze Kulturen definierten sich über die Machart der Keramik; die Menschen bemalten und verzierten ihre Schüsseln, Töpfe und Becher. So gesehen sind Gefäße aus Ton auch die ersten Design-Objekte der Menschheitsgeschichte.

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Quelle:
SZ vom 16.08.2016/fehu
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