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Archäologie:Das Rätsel der großen Knöpfe

Pressebild Kalksteinscheiben aus der Grabung, Landesmuseum Württemberg

Die Steinzeit-Knöpfe bestehen aus Kalk.

(Foto: Hendrik Zwietasch/Landesmuseum W)

In einer Steinzeit-Siedlung bei Ulm haben Archäologen flache Scheibchen aus Kalk gefunden. Was war ihr Zweck?

Der erste Gedanke ist: Knöpfe. Kleine, runde Scheibchen, am Rand hübsch verziert, zwei Löcher in der Mitte, leicht anzunähen. Sie würden sich gut an einem Trachtenjanker machen.

Oscar Paret, Landesarchäologe in Baden-Württemberg, hatte genau diesen Gedanken, als er im Sommer 1952 die ersten Exemplare fand. "Wir nannten sie Knöpfe", schrieb er damals in seinen Grabungsbericht. Die Archäologen waren gerufen worden, als im Erdaushub für das Schlammabsatzbecken eines Kalkwerks im Tal des Flüsschens Blau, wenige Kilometer westlich von Ulm, ein Tongefäß und mehrere bearbeitete Stücke eines Hirschgeweihs entdeckt worden waren.

Bei der Grabung tauchten dann die Überreste einer ganzen Siedlung aus der Jungsteinzeit auf. In der Grundwasser führenden Schicht unter den feuchten Wiesen des Blautals hatten sich die Bodendielen und die Pfosten der Hüttenwände hervorragend erhalten. Anhand der Jahresringe der verwendeten Stämme ließ sich das Alter der Überreste exakt datieren: Die Siedlung wurde etwa 3955 v. Chr. erstmals erbaut, sie brannte viermal komplett nieder, wurde jedes Mal wieder aufgebaut, und schließlich um das Jahr 3840 v. Chr. aufgegeben.

Siedlungen wie die im Blautal sind aus dem gesamten nördlichen Alpenraum bekannt, vom Genfer See über den Bodensee bis ins Salzkammergut. Ihr Charakteristikum ist die Nähe zum Wasser; ein bekanntes Beispiel sind die Pfahlbauten bei Unteruhldingen am Bodensee. Allein in Deutschland gibt es 18 solcher Fundstätten. Aber nur in einer einzigen dieser Siedlungen, im Tal der Blau, wurden diese seltsamen, knopfähnlichen Objekte gefunden.

Als die Grabung fortschritt, wurde schnell klar: Knöpfe konnten das nicht sein. Ganz abgesehen davon, dass der Knopf eine Erfindung des Mittelalters ist, nicht einmal die Römer hatten Knöpfe: Diese Dinger waren viel zu groß, um durch ein Knopfloch zu passen. Zwar gab es kleine Exemplare, nur etwa 2,5 Zentimeter im Durchmesser, aber die meisten waren viel größer, bis zu 16 Zentimeter im Durchmesser. Sie waren überall im Dorf verstreut.

Die Siedlung bestand aus etwa 50 Häusern, die in unregelmäßigen Reihen eng beieinander standen - eine frühe schwäbische Reihenhaussiedlung. Sie bestanden meist aus zwei Räumen, einem größeren mit einer offenen Feuerstelle und einem kleineren mit einem Backofen. Nur etwa ein Fünftel der Fläche wurde archäologisch erschlossen, und allein auf dieser Fläche wurden rund 200 "Knöpfe" gefunden. Man kann also davon ausgehen, dass im ganzen Dorf etwa tausend dieser Objekte herumlagen.

Man kann davon ausgehen, dass im ganzen Dorf etwa tausend dieser Objekte herumlagen

Das Material für die Herstellung der "Knöpfe" fanden die Steinzeithandwerker in der unmittelbaren Umgebung: plattiger, feinkörniger Jurakalk, wie er auch für die Unterfütterung der Backöfen und Herdstellen in den Häusern verwendet wurde. Aus den Kalkplatten wurden die rundlichen Rohlinge geschlagen und mit Wasser und Sand geschliffen.

Mit einem Feuersteinbohrer wurden dann mittig zwei Löcher gebohrt, von beiden Seiten; man kann an einzelnen Exemplaren sehen, dass die Bohrungen sich nicht immer trafen. Vorder- und Rückseite unterscheiden sich deutlich. Die Vorderseite ist sorgfältig geglättet und am Rand mit strahlenförmigen Ritzungen verziert. Die Ritzungen waren geschwärzt. Als Oscar Parets Grabungsteam die ersten Exemplare fand, hielten sie die Schwarzfärbung für Verschmutzungen und versuchten, sie abzuschrubben. Aber Analysen mit dem Massenspektrometer ergaben später, dass die Ritzen mit Birkenpech ausgelegt waren. Die steinzeitlichen Handwerker wollten offensichtlich eine ornamentale Wirkung erzielen.

Aber wozu dienten diese Kalksteinscheiben? Wirklich wissen kann man es nicht. Man weiß nicht sehr viel über die Menschen, die sie anfertigten. Sie werden der "Schussenrieder Kultur" zugeordnet, benannt nach einem Fundort am schwäbischen Federsee. Sie bauten Getreide an und sammelten Früchte und Beeren - Äpfel, Birnen, Haselnüsse, Himbeeren und Brombeeren. Sie hielten Rinder und Schweine, betrieben Fischfang und jagten Hirsche und Wildschweine. Aber es gibt bisher keine Gräberfunde, die Aufschluss geben könnten über die Verwendung der mysteriösen Kalksteinscheiben.

Kurt Wehrberger, Kurator für Archäologie am Museum Ulm, hat allerdings eine plausible Vermutung. Sie beruht auf den Abnutzungsspuren, die sich an vielen der Objekte erkennen lassen. Auf der Vorderseite hat sich zwischen den Löchern eine tiefe Rille eingegraben.

Auf der Rückseite sieht man Einkerbungen von den beiden Löchern nach außen. Die könnten durch ein Band aus Leder oder Pflanzenfasern entstanden sein. Wenn man so eine Schnur jeweils zweimal durch die Bohrungen führt, erhält man eine Schließe, mit der sich ein Gurt weiter oder enger stellen lässt. Es könnte sich also um Gürtelschließen handeln, oder auch um Verschlüsse für Säcke oder Beutel. Man muss sich nur zum Beispiel bei Tollwood umschauen, um zu sehen, dass diese einfache Technik auch heute noch angewendet wird.

Rätselhaft aber bleibt, warum diese Objekte ausschließlich in einer Siedlung im Tal der Blau gefunden wurden, der nördlichsten aller Siedlungen der Schussenrieder Kultur. Es gibt nur drei Exemplare, die außerhalb des Siedlungsbereichs gefunden wurden - eins in einer Pfahlbausiedlung am westlichen Bodenseeufer, eins am Federsee, etwa 60 Kilometer südwestlich vom Blautal, und eins, das Kinder im Kies am Donauufer bei Öpfingen, südwestlich von Ulm fanden. "Wir wissen es nicht", sagt Kurt Wehrberger.

Zum ersten Mal seit ihrer Entdeckung sind die mysteriösen Kalksteinscheiben aus dem Blautal jetzt öffentlich ausgestellt. Das Museum Ulm zeigt sie in einer kleinen, feinen Ausstellung, mit der die Corona-Abstinenz des Museums beendet wird.

Schwarz auf Weiß. Das Rätsel der Steinzeitscheiben aus dem Blautal. Museum Ulm, bis 31. Januar 2021. Di. - Fr. 11 - 17 Uhr, Sa. und So. 11 - 18 Uhr.

© SZ vom 15.05.2020/hmw

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