bedeckt München -2°

Menschheitsgeschichte:Die erste Bäuerin

Museum Kastenhof, Landau

Die Forscher haben viel über Lisar herausgefunden. Doch wie sie wirklich hieß, weiß niemand.

(Foto: Joerg Hempel)
  • 2014 waren beim Bau einer Straße in Bayern die Überreste einer Tausende Jahre alten Frau entdeckt worden.
  • In den folgenden Jahren wurde der Fund bis ins Detail analysiert; es zeigte sich: Die Frau gehörte zu den ersten Menschen in Deutschland, die Ackerbau betrieben.
  • Die Archäologen tauften sie Lisar und stellten sie ins Zentrum einer Ausstellung, die am Samstag in Landau an der Isar öffnet.

Von Hubert Filser

Schüchtern steht die kleine Bäuerin da in ihrem schlichten Leinengewand. Das hellbraune Haar hat sie hochgebunden. Ihr Lächeln ist leicht verkniffen, doch die haselnussbraunen Augen mustern ihr Gegenüber freundlich. Die Frau gehört zu den ersten Menschen, die in Süddeutschland Ackerbau betrieben haben. Vor 7300 Jahren war sie aus dem Karpatenraum ins heutige Niederbayern eingewandert und begann, auf den überaus fruchtbaren Lössböden der Region an der Isar Getreide anzubauen.

Wie sie hieß, weiß niemand, doch Ausstellungsmacher Simon Matzerath hat sie Lisar getauft, weil sie von nun an in Landau an der Isar den Mittelpunkt der neuen Ausstellung im Museum Kastenhof bilden wird, die an diesem Samstag eröffnet wird. Die berühmten Kennis-Brüder aus Holland, die schon Ötzi oder den ersten Neandertaler gestaltet haben, rekonstruierten Lisar fürs Museum auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen. "Lisar ist inzwischen die am besten untersuchte Person der Steinzeit im süddeutschen Raum", sagt Matzerath. Die steinzeitliche Bäuerin empfängt den Besucher im Museum für Steinzeit und Gegenwart, wie es offiziell heißt, am Ende einer langen Treppe, die über zwei Ebenen hinauf ins oberste Geschoß des aufwendig restaurierten historischen Gebäudes führt.

Die Überreste der Frau entdeckten Archäologen, als im Frühjahr 2014 im bayerischen Essenbach nahe Landshut für den Bau der Bundesstraße "B15 neu" auf einem 150 Meter breiten Korridor die Erde abgeräumt wurde. Die Straßentrasse führt hier mitten durch fruchtbares Ackerland, das - wie die aktuellen Funde zeigen - schon vor rund 7300 Jahren landwirtschaftlich genutzt wurde. Zum Vorschein kamen auch Spuren eines Dorfs der Linienbandkeramischen Kultur (LBK) aus der Zeit um 5300 vor Christus, als die ersten bäuerlichen Siedler im süddeutschen Raum heimisch wurden und sich die Bevölkerung in kürzester Zeit verzwanzigfachte. Die einheimischen Jäger und Sammler lebten damals noch in Sichtweite der Neuankömmlinge in dichten Wäldern, in denen Eichen, Linden, Ulmen, Haselnusssträucher und allerlei Wildfrüchte wuchsen.

Die Frau aus der Steinzeit war nur 1,45 Meter groß und wurde sehr alt

Nahe Essenbach hatten die Archäologen einzelne Gräber, darunter das von Lisar, entdeckt. Sie war in damals typischer Körperhaltung mit angezogenen Beinen bestattet worden. Vier ganz unterschiedliche Keramikgefäße hatte man ihr ins Grab gelegt, dazu zwei kleine Werkzeuge, eines aus Rinderknochen, das andere aus Quarz. Beide zeigen deutliche Abnutzungsspuren, so als hätte jemand damit geschabt oder Ton geglättet. "Lisar war wohl Töpferin", sagt der Archäologe Joachim Pechtl. "Die Grabbeigaben sind jedenfalls sehr speziell, das hat uns neugierig gemacht."

"Befund 1125" nannten die Archäologen damals das Grab, es war der Start eines einzigartigen Projekts, in dessen Zentrum Lisar steht, eine der ersten Siedlerinnen in Niederbayern. Forscher der Universität Heidelberg datierten die menschlichen Überreste mit Hilfe der Radiokohlenstoffdatierung auf 7300 Jahre vor heute. Ein zweiter Toter, ein Mann, ähnlich gut erhalten, konkurrierte zunächst noch mit Lisar, aber er war 1000 Jahre jünger und gehörte damit nicht zur Gründergeneration, zu den ersten Bauern, über die die Forscher mehr erfahren wollten.

Innerhalb von drei Jahren analysierten Experten verschiedener Universitäten und Forschungseinrichtungen Lisar naturwissenschaftlich bis ins Detail, werteten ihr Erbgut aus, bestimmten Augenfarbe, Haarfarbe und Hautfarbe, untersuchten ihr Skelett auf Spuren von Krankheiten, ermittelten Alter und Abstammung, scannten ihren Schädel dreidimensional für die Gesichtsrekonstruktion der Kennis-Brüder. Es war eine regelrechte Puzzle-Arbeit, die Joachim Pechtl als verantwortlicher Archäologe koordinierte. Lisar öffnet ein Fenster in die Anfänge der bäuerlichen Besiedlung Mitteleuropas.

Wie Ötzi war die Frau laktoseintolerant

Besonders spannend waren die Ergebnisse der Erbgut-Untersuchungen. Joachim Burger von der Universität Mainz entnahm Knochenproben vom Schädel. Seine DNA-Analyse ergab die hellbraune Haarfarbe, die braunen Augen und eine gebräunte Hautfarbe, wie sie heutigen Mittelitalienern entspricht. Lisar ist genetisch eng verwandt mit frühen Bauern aus dem Balkan und dem heutigen Anatolien. Berndt Trautmann von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München bestimmte das Geschlecht und ermittelte, dass die Bäuerin auch für damalige Verhältnisse mit 1,45 Metern klein war, dafür aber mit bis zu 65 Jahren sehr alt wurde. Lisar arbeitete körperlich hart, wie kräftig ausgeprägte Muskelansatzstellen belegen, war in guter Verfassung, Gelenke und Wirbelsäule zeigen anders als bei Ötzi kaum Merkmale einer Arthrose. Sie war wie Ötzi laktoseintolerant, vertrug also wie die meisten frühen Bauern keine Milchprodukte.

Auch über Lisars Alltag fanden die Forscher spannende Details heraus: Kohlenstoff- und Stickstoffisotopendaten ergaben, dass sie vor allem C3-Pflanzen wie Getreide aß, dazu auch tierische Nahrung. "Lisar hatte eine für ihre Zeit gute und eher hochwertige Ernährung", sagt Matzerath. Eine Strontiumisotopenanalyse zeigte, dass Lisar zumindest in ihrem letzten Lebensjahrzehnt die Region um Essenbach kaum verließ. Strontium ist in der Nahrung enthalten, je nach Gegend lagern sich unterschiedliche Isotope im Knochenmaterial ab.

So entstand Stück für Stück ein ziemlich genaues Bild einer besonderen Frau. Sie war eine Protagonistin der jungsteinzeitlichen Revolution, als die Menschen auch in Mitteleuropa begannen, sesshaft zu werden. "Lisar war im Dorf vermutlich fürs Töpfern zuständig, sie war eine Pionierin", sagt Matzerath. Woran die alte Bäuerin schließlich starb, ließ sich nicht mit Sicherheit klären. Im Kiefer fanden sich Spuren zweier Entzündungen, die schmerzhaft gewesen sein müssen. Sie hinterließen tiefe Löcher im Knochen. Vielleicht haben sie sogar zu ihrem Tod geführt. Festlegen wollen sich die Archäologen nicht, aber die Entzündungen heilten nicht mehr ab. "Diese schweren Zahnabszesse auf beiden Oberkieferseiten haben Lisar jedenfalls schwer zugesetzt", sagt Pechtl.

In der Ausstellung rekonstruierten Matzerath und Pechtl ihr zu Ehren einen Tag im Leben dieser Frau, Filmsequenzen zeigen, wie Menschen damals lebten, Feuer machten, Leinen webten, Steinklingen für Werkzeuge schlugen oder Brot buken. Zu sehen sind auch die originalen runden Trinkgefäße, die die Bäuerin aus dem Lehm Niederbayerns formte und in deren Oberfläche sie schließlich mit einem Knochengerät die für die LBK-Kultur typischen Linien drückte. Für die Ausstellung haben Matzerath und Pechtl ihrer Bäuerin auch ein Leinengewand, Bastschuhe, einen Gürtel mit einer prächtigen, wohl aus der östlichen Ägäis importierten Spondylusmuschel und einen Steckkamm verpasst. Diese Details sind für die Zeit typisch, archäologische Belege aus dem Grab von Lisar gibt es dafür aber nicht.

Überhaupt haben Matzerath, hauptberuflich Leiter des Historischen Museums Saar, und Pechtl, Dozent am Institut für Archäologien der Universität Innsbruck, sehr viel Herzblut und kreative Ideen in die Ausstellung gesteckt, weshalb sie beim Besuch wenige Tage vor der Eröffnung auch zwischen Begeisterung und leichter Erschöpfung hin und her schwanken. Doch der Einsatz hat sich gelohnt, in Landau ist eine bemerkenswerte Ausstellung gelungen.

Dafür hat Joachim Pechtl auch das regionale Bild dieser Zeit erforscht, als die ersten Bauern nach Mitteleuropa kamen. "Die Einwanderer wählten die absolut besten Siedlungsplätze", sagt Pechtl. Die ersten Höfe entstanden auf fruchtbaren Lössböden, nahe an Quellen oder kleinen Bächen, die Menschen rodeten die Mischwälder, lichteten das Unterholz aus, ließen ihr Vieh weiden und säten Getreide aus. Erste kleine Dörfer entstanden. Knapp fünfzig Kilometer entfernt an der Donau lag damals Stephansposching. Pechtl selbst hat die steinzeitliche Siedlung für seine Dissertation im Detail untersucht. 350 Menschen lebten einst dort, in etwa 34 Langhäusern. Es ist eines von fünf Dörfern aus der Jungsteinzeit, die Forscher für die Ausstellung im Detail rekonstruierten.

Lisars Siedlung Essenbach, einst auf einer kleinen Lössterrasse in Isarnähe gelegen, lässt sich nur grob erfassen, zu stark hat die Erosion die Oberfläche im Lauf der Jahrtausende abgetragen. "Vermutlich lebten zu Lisars Zeiten höchstens hundert Menschen dort", sagt Pechtl. Drei Hektar umfasste der Weiler, etwa zehn Bauernhöfe mit jeweils einem Langhaus von bis zu 30 Metern Länge, typisch für die ersten Bauern. "Die mächtigen Häuser waren die Symbole ihrer Zeit", sagt Pechtl, dienten auch als Statusaussage in Richtung der wenigen Jäger- und Sammler-Sippen, die noch in der Nähe lebten. "Die Eingänge waren in Richtung ihrer Herkunftsregion orientiert, die die Siedler erst Generationen zuvor verlassen hatten", sagt Pechtl. Vielleicht stand also Lisar einst mit ihrem leicht verkniffenen Blick vor ihrer Haustür in Niederbayern und dachte manchmal mit Wehmut an die Heimat ihrer Vorfahren.

© SZ vom 25.10.2019
Zur SZ-Startseite

Menschheitsgeschichte
:4000 Jahre Ungleichheit

Schon in der Bronzezeit gab es eine Drei-Klassen-Gesellschaft, zeigen archäologische Funde im Lechtal. Angesehene Familien vererbten Besitz und Status, die Armen gingen leer aus. Rätsel gibt eine dritte Gruppe auf, die aus der Ferne kam.

Von Hubert Filser

Lesen Sie mehr zum Thema