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Archäologie auf dem Schlachtfeld:Wer waren diese Menschen?

Aber wer die Leute waren, die sich hier vor 3200 Jahren die Köpfe einschlugen, darüber weiß man noch sehr wenig. Das Land zwischen der mecklenburgischen Seenplatte und der Ostseeküste war damals noch dicht bewaldet. Beim Bau der Autobahn A 20, die etwa drei Kilometer östlich parallel zum Tollensetal verläuft, fand man Spuren von Siedlungen aus etwas jüngerer Zeit. Siedlungsreste aus der älteren und mittleren Bronzezeit sind schwer zu identifizieren, aber dass das Land besiedelt war, beweisen 35 Hügelgräber etwa zehn Kilometer flussabwärts, die man derselben Zeit zuordnen kann wie die Knochenfunde im Tollensetal.

Es ist auch die Periode, in der die Menschen begannen, ihre Toten nicht mehr körperlich zu bestatten, sondern sie zu verbrennen und die Asche in tönernen Urnen beizusetzen. Bis heute weiß man nicht, was diesen tiefgreifenden kulturellen Wandel ausgelöst hat, aber ein Zusammenhang zwischen dem kriegerischen Konflikt im Tollensetal und der beginnenden Urnenfeldkultur in Mitteleuropa ist nicht auszuschließen.

Dass es sich bei den Toten im Tollensetal wahrscheinlich um eine Kriegerhorde handelte und nicht um eine Dorfbevölkerung, zeigt die Alters- und Geschlechtsverteilung. Die meisten von ihnen waren Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, es gab nur einzelne Frauen und Kinder. Das Ergebnis einer Strontium-Isotopenanalyse, mit deren Hilfe man feststellen kann, auf welchem geologischen Untergrund ein Individuum aufgewachsen ist, liegt erst teilweise vor.

Danach handelt es sich auf jeden Fall um Angehörige von zwei verschiedenen Menschengruppen. Der Anteil der Kohlenstoff-13-Isotope in den Knochen weist darauf hin, dass die Kämpfer sich teilweise von Hirse ernährten. Das könnte auf eine Herkunft aus südlicheren Gegenden deuten, ebenso wie der Fund von zwei bronzenen Gewandnadeln eines Typs, wie man ihn aus Schlesien kennt.

Aber das alles liegt noch ebenso im Ungewissen wie das Motiv für die Schlacht um Tollensetal. Ganz in der Nähe der Hauptfundstelle schiebt sich von der etwa 30 Meter hohen Seitenmoräne ein flacher Geländesporn sehr nahe an das Flussbett heran. Vielleicht gab es hier eine Furt über das damals sumpfige und unwegsame Tal, die verteidigt oder erobert werden sollte.

Der besonderen geographischen Situation ist es jedenfalls zu verdanken, dass die Spuren der Schlacht im Tollensetal bis heute erhalten blieben, erläutert Sebastian Lorenz vom Institut für Geographie und Geologie der Universität Greifswald. Das Schmelzwasser der Eiszeitgletscher hatte den Spiegel der Ostsee drastisch ansteigen lassen. Die Ostseezuflüsse wurden nach und nach weiter zurückgestaut, die Flusstäler im Binnenland vermoorten.

Vermutlich warfen die Sieger der bronzezeitlichen Schlacht die Gefallenen - Freund wie Feind - in die flache, strömungsarme Randzone des Flusses, wo sie bald von der wachsenden Torfschicht überwuchert, luftdicht abgeschlossen und damit konserviert wurden. In dem kalkarmen Boden der Gegend wären sowohl die Knochen als auch die hölzernen Waffen sonst längst zu Staub zerfallen.