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Archäologie:Das Siegel zeigt eine dynamische Kampfszene

Es ist eine dynamische Kampfszene, die an Schlachten antiker Helden wie Achill, Odysseus oder Telemachos denken lässt. Hochspezialisierte Handwerker haben sie millimetergenau mit Handbohrer, Stichel und kleinen Sägen aus Achat, einem Halbedelstein, herausgearbeitet. Einen Feind hat der nahezu nackte Held schon niedergestreckt, dieser windet sich im Todeskampf. Den zweiten Gegner attackiert er gerade mit seinem Schwert, übrigens dem genau gleichen Schwerttyp, der auch als echte Grabbeigabe mit vergoldetem Griff in Realformat neben dem Krieger im Grab lag.

Doch was ist nun mit Homer? "Auf dem Siegel sehen wir das energiegeladene Vorpreschen eines Helden, seine Gegner werden dabei nicht verächtlich gemacht", erklärt Fritz Blakolmer vom Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien. "Die Auseinandersetzung und ihre künstlerische Erzählung stehen im Vordergrund. Und dafür gibt es schon einige passende Verse in den homerischen Epen."

Theoretisch könnte sich die Szene also auf ein Ereignis beziehen, das mündlich weitergetragen mehr als sieben Jahrhunderte später in den homerischen Epen Widerhall fand. Auch Schrifttexte in Linear-B, der damaligen Schrift der Mykener, erwähnen bereits antike Götter wie Zeus, Hera, Poseidon oder Athene. Trotzdem, hier sind sich alle Experten einig, ergeben sich höchstens lose Zusammenhänge. Nirgendwo auf dem Siegel oder den goldenen Siegelringen taucht ein konkreter Name auf. Sehr wahrscheinlich erzählt die Szene kein historisches Ereignis, sondern stellt eine typische Kampfkonstellation dar, meint Blakolmer. "Der angreifende Krieger ist uns als Motiv von anderen Bildwerken aus Kreta und Mykene vertraut." Es sind Archetypen, die für Tugenden wie Heldentum und Siegeswillen stehen.

Wespentaille und Muskeln, offenbar liebten die Mykener die Ästhetik der Minoer

"Ein Zusammenhang mit Homer ist pure Spekulation. Das ist so ein absolut herausragendes Kunstwerk, das braucht keine Aufwertung durch Homer", sagt der Münchner Archäologe Stockhammer. Auch die Ausgräber wollen diesen Aspekt nicht überbetonen. "Wir sagen nicht, dass dies eine Darstellung von Homer ist", kommentiert Stocker das Bild auf dem Siegelstein. Aber es "würde Spaß machen zu glauben", dass der Held etwa Achill sei.

Spannender sind auch die Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen Völkern der damaligen Zeit. Die Minoer auf Kreta und die Mykener auf dem Festland galten lange Zeit als rivalisierende Gruppen, welche die Macht im antiken Griechenland für sich beanspruchten. Offenbar standen sie zunächst aber eine Weile in regem kulturellen Austausch, ehe es dann erst im frühen 14. Jahrhundert zum Wettkampf kam und Kreta vom Festland unterworfen wurde. Davis und Stocker gehen davon aus, dass der Siegelstein des mykenischen Kriegers auf Kreta hergestellt und von den Minoern importiert wurde, nur dort gab es um 1500 vor Christus bereits derart versierte Künstler. Aufgrund der Plastizität des Siegelreliefs glaubt Blakolmer, dass ein Detail auf einem Stuckrelief im Herrscherpalast von Knossos auf Kreta Vorbild für das Siegelmotiv gewesen sein könnte.

Offenbar liebten die Mykener die Kunstfertigkeit und die eigene Körperdarstellung der Minoer. "Sowohl die muskulösen, nackten Männer mit ihrer Wespentaille wie auch die Frauen mit ihren extra großen Brüsten sehen aus, als würden sie einem Comic entstammen", sagt Stockhammer. Neben solchen Details bietet das Grab damit ein ganzes Spektrum an Erkenntnissen. Viele Fragen sind noch ungelöst, etwa die Identität des Kriegers. David und Stocker wollen nun dessen Erbgut untersuchen und Isotopenanalysen machen, um seine Herkunft zu klären. Sein Gesicht haben sie bereits rekonstruieren lassen: Es zeigt einen 30- bis 35-jährigen Mann mit eng zusammenliegenden Augen, entschlossenem Blick und markantem Kinn. Einen Helden, wie ihn Homer geliebt hätte.

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