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Archäologie:Archäologen entdecken "kleines Pompeji"

Forscher legen in Sainte-Colombe nahe Lyon ein Mosaik frei.

(Foto: AFP)
  • Archäologen haben südlich von Lyon eine prächtig ausgestattete Stätte aus der Römerzeit freigelegt.
  • Sie sprechen von einem "kleinen Pompeji in Vienne" - was natürlich etwas übertrieben ist.
  • Dennoch war der Ort damals ein zentraler Verkehrsknotenpunkt mit großer Bedeutung.

Von Hubert Filser

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Im Hintergrund stehen die Einfamilienhäuser der Gemeinde Sainte-Colombe, eines Ortes etwa 30 Kilometer südlich von Lyon. Auf der Baustelle davor, auf der eine neue Wohnsiedlung entstehen sollte, haben Archäologen eine prächtig ausgestattete Stätte aus der Römerzeit freigelegt. Aufwendig gestaltete Mosaikböden und farbiger Marmor leuchten in der Sonne. Die Forscher sprechen von einem "kleinen Pompeji in Vienne".

Der Bezug auf das im Jahr 79 nach Christus von der Vulkanasche des Vesuv verschüttete Pompeji verdeutlicht den Enthusiasmus der Forscher und die Bedeutung des Fundes. Dennoch ist der Vergleich etwas übertrieben. Die Siedlung ist mit 7000 Quadratmeter Fläche deutlich kleiner, und in Sainte-Colombe war auch kein Vulkan ausgebrochen. Ein verheerendes Feuer brachte vor knapp 2000 Jahren zahlreiche herrschaftliche Häuser zum Einsturz, die Asche konservierte die Reste.

Eines der Mosaike stellt den lüsternen Hirtengott Pan dar, der die Nymphe Thalia entführt

Die Siedlung lag nahe der schon zur Römerzeit wichtigen Stadt Vienne an der Rhône, auf einem wichtigen Handelsweg aus dem Süden ins nördliche Gallien. Der Ort war damals ein zentraler Verkehrsknotenpunkt. Welche Bedeutung das nahe Vienne einst hatte, ist noch heute zu sehen, ein großer Tempel und das mit 13 000 Zuschauerplätzen nach Arles größte Amphitheater der Region sind in Teilen erhalten. Inschriften aus Vienne legen nahe, dass es in der Antike in der Nähe eine wichtige Rhetorik- und Philosophie-Schule gegeben habe. Die Archäologen um Grabungsleiter Benjamin Clément haben in Saint-Colombe nun tatsächlich ein großes öffentliches Gebäude mit Brunnen und Herkules-Statue entdeckt. Es sei ein Kandidat für die vermutete Philosophie-Schule, sagt Clément. Die Forscher fanden zudem Spuren eines Marktplatzes und weiterer Gebäude.

Blick auf die Grabungsstätte.

(Foto: AFP)

Aufgrund der erhaltenen Details wie Geländer oder Brüstungen sowie der verschütteten Alltagsgegenstände könne man manche Häuser wieder komplett rekonstruieren, sagt Clément, "vom Boden bis zum Dach, wie in Herculaneum oder Pompeji". Vor allem die Vielfalt der Gebäude und die teils prächtige Dekoration überraschten die Forscher: Von einfachen Handwerkerläden über luxuriöse, mehrgeschossige Häuser bis hin zu öffentlichen Gebäuden wie einer Schule finden sich zahlreiche Überreste.

Besonders gut erhalten sind einige Mosaikböden. Im Zentrum eines Hauses, das einst ausgedehnte Gärten und ein eigenes Bewässerungssystem besaß, ist auf einem Mosaik eine besonders schöne Szene zu sehen: Bacchus, der Gott des Weins, umgeben von grazilen Bacchantinnen und muskulösen Satyrn, mythologischen Mischwesen, halb Mann, halb Ziege. Ein anderes Mosaik stellt den lüsternen Hirtengott Pan dar, der die leicht bekleidete Nymphe Thalia entführt. Derzeit säubern und restaurieren die Forscher die Mosaiken, sie sollen demnächst abgetragen werden und von 2019 an in einem Museum in Vienne zu sehen sein. Die ursprünglich bis September geplanten Ausgrabungen wurden bis Mitte Dezember verlängert.

© SZ vom 03.08.2017/fehu

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