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Archäologie:Ägyptische Mumienporträts - das Leuchten aus dem Grab

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Mit neuen Techniken kommen Wissenschaftler den Geheimnissen der ältesten Tafelgemälde der Welt auf die Spur, darunter dem ersten künstlichen Pigment der Menschheitsgeschichte.

Von Hubert Filser

Es ist eine dieser Geschichten, bei der man sich wünschte, man könnte die Zeit zurückdrehen. Man würde nach Ägypten in den Winter des Jahres 1887 zurückreisen, als dort gerade ein paar Grabräuber nahe der Oase Fayum südwestlich von Kairo neben anderen Schätzen auch rund 50 bemalte Holztafeln aus einer fast 2000 Jahre alten Grabstätte holen. Dann könnte man verhindern, dass die Männer in einer kalten Winternacht mit den Tafeln ihr Feuer am Lodern halten. Fast alle Mumienporträts aus dem Ort er-Rubayat gingen damals verloren, nur zwei konnten gerettet werden.

Zehntausende solcher kunstvoll bemalten Tafeln hatten die Jahrtausende überdauert, geschützt im Wüstensand. "Dass die prächtigen Mumienporträts verbrannt wurden, kam damals leider oft vor", sagt Manuela Laubenberger, Kuratorin am Kunsthistorischen Museum in Wien, wo heute noch zehn Mumienporträts zu sehen sind. "Sogar die Mumien selbst verwendete man damals zur Herstellung von Arzneimitteln." Als wertvoll galten im damaligen Ägyptenrausch des 19. Jahrhundert eher das Gold der Pharaonen oder wenigstens die aufwendig bemalte Büste eines Herrschers. Die gemalten Mumienporträts aus dem römischen Ägypten hielt man für Beiwerk. Lediglich 1028 Tafeln mit den farbenprächtigen Gesichtern gibt es noch weltweit. Die Porträts gehören zu den ältesten, farbigen Tafelgemälden der Welt.

Die Bildtafeln zeigen, wie sich die römische Kultur langsam mit der ägyptischen vermischte

Derzeit erfassen Wissenschaftler die Porträts in einer neuen, interdisziplinären Datenbank. Die ausdrucksstarken Abbilder von Verstorbenen geben einen spannenden Einblick in die ägyptische Alltagswelt während der römischen Zeit im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus. Die Gesichter wurden einst ungefähr in Originalgröße auf eigens polierte, hochwertige, mit einem Gipsgemisch grundierte Holzplatten gemalt und mit Leintüchern so auf die Mumien gebunden und verleimt, dass das Porträt gut zu sehen war. Die Tafeln sind mittlerweile über die gesamte Welt verstreut, viele finden sich in der Berliner Antikensammlung, im British Museum in London oder im Getty Museum in Los Angeles. Am Kunsthistorischen Museum in Wien arbeiten derzeit die Restauratoren an deren Erforschung. Bettina Vak von der Antikensammlung restauriert die im Museumsbesitz befindlichen Exemplare sowie fünf Tafeln aus dem Museum der Bildenden Künste in Budapest.

Gut geschützt in Kisten verpackt lagern die wertvollen Bilder im Archiv des Museums. Vak öffnet vorsichtig die Kartons, die intensiven Augen der Porträtierten fallen sofort auf - und die nach Jahrtausenden immer noch intensiv leuchtenden Farben. Die Porträts sind sehr naturgetreu gezeichnet - und nicht mehr stilisiert, wie es zur Pharaonenzeit üblich war.

Wien ist auch deshalb ein guter Ort, sich mit diesen Porträts zu beschäftigen, weil dort einst der Kunst- und Teppichhändler Theodor Graf lebte. Er war an echtem Erkenntnisgewinn offenbar wenig interessiert. Graf versuchte, die über Mittelsmänner in Kairo erworbenen, vor allem aus Raubgrabungen stammenden Mumienporträts mit großem Gewinn zu verkaufen. Allerdings muss man aus heutiger Sicht auch feststellen, dass die Funde ohne Menschen wie Theodor Graf nicht überlebt hätten. Er importierte 333 Porträts allein im Jahr 1887, organisierte dann eine Wanderausstellung, die im Sommer 1888 in München begann und in wichtigen europäischen und amerikanischen Metropolen zu sehen war. Das Interesse war immens, doch aufgrund der horrenden Preise, die Graf verlangte, kauften nur wenige Menschen die Werke, darunter ein paar Museumsdirektoren und Sigmund Freud.

Die neue Datenbank Appear (Ancient Panel Paintings: Examination, Analysis and Research) hat das Getty Museum in Los Angeles initiiert. Die internationale Vernetzung soll helfen, die Porträts wenigstens virtuell wieder zusammenzubringen. So können wissenschaftliche Teams weltweit gleichzeitig eine Fülle von Bildtafeln untersuchen, Maltechniken und Farben vergleichen und klären, ob es damals regelrechte Malschulen gab und wie sich die römische langsam mit der alten ägyptischen Kultur vermischte und sie verdrängte.

Die Forscher in Wien nutzen das ganze Spektrum elektromagnetischer Strahlen, um die Bilder möglichst schonend zu untersuchen. So kann UV-Licht Übermalungen erkennen. Zinkweiß beispielsweise, typisch für Übermalungen aus dem 19. Jahrhundert, leuchtet hier grau, Schellack hellorange. Röntgenfluoreszenz erfasst punktuell, welche Farben jeweils verwendet wurden. Das Licht regt die Verbindungen an, die chemischen Elemente senden dann jeweils charakteristische Signale aus. Aluminium beispielsweise ist ein typischer Hinweis auf Krapplack, ein rötliches Pigment auf Pflanzenbasis. "Manche Pigmente wie Ägyptisch Blau oder das rot leuchtende Krapplack sind sehr teuer", sagt Bettina Vak. "Das konnten sich nur wohlhabende Menschen leisten." Jedes Pigment hat bei jeder Untersuchungsmethode eine spezifische Signatur. Die Forscher haben zum Abgleich eine Datenbank mit den Herkunftsorten der verschiedenen Pigmente erstellt. Die Analysen bestätigten den häufigen Gebrauch von Erdfarben, vor allem im Haarbereich. "Das waren relativ günstige Pigmente", erklärt Vak. "Sie kamen dementsprechend häufig vor."

Die antiken Porträtkünstler verwendeten auf den etwa 40 Zentimeter hohen, 20 Zentimeter breiten und wenige Millimeter dicken Tafeln aus sorgsam gespaltenem Holz zwei Maltechniken. Zum einen die Temperatechnik mit eher kreideartigen, erdigen Tönen. Deren Pigmente werden in organischem Bindemittel gelöst. Zum anderen nutzten die Maler die sogenannte Enkaustik, bei der Wachs als Trägersubstanz für die Pigmente dient. Es wird in warmem Zustand mit einem Spachtel aufgetragen, dadurch wirken die Porträts plastischer, die Farben leuchten intensiv.

Die Forscher klären nach und nach auf, wie die Gemälde entstanden und wie oft sie verändert wurden. Sie können im Abgleich mit Porträts anderer Museen sogar bestimmte Malstile örtlich lokalisieren. "Im Getty-Museum gibt es Porträts, die unseren sehr ähnlich sind. Der Stil ist so ähnlich, dass wir den gleichen Künstler dahinter vermuten", sagt Bettina Vak. "Es gab sehr wahrscheinlich Malschulen."

Manche Untersuchungen gleichen einer fieseligen Detektivarbeit. Häufig sind die Farben verblasst und mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen. Die Wiener Forscher arbeiten in diesen Fällen mit den weltweit besten Spezialisten für wissenschaftliche Fotografie zusammen, etwa mit Roberta Iannaccone aus Florenz. Die Expertin konnte auf manchen Tafeln noch Spuren von Ägyptisch Blau im Augenbereich nachweisen. Diese Farbe ließ die Iris besonders intensiv leuchten. Es ist das erste künstliche Pigment der Menschheitsgeschichte, erstmals vor 4600 Jahren aus gemahlenem Glas gefertigt.

Gerade in den vergangenen Jahren haben sich die wissenschaftlichen Methoden verfeinert. Übermalungen neueren Datums wie bei einem Budapester Porträt lassen sich ebenso klar entlarven wie längst verblichene Goldauflagen. Das Verfahren für Ägyptisch Blau beispielsweise ist ganz neu, es nennt sich induzierte Infrarot-Lumineszenz. Dabei bestrahlen die Forscher die Objekte mit rotem Licht, erhalten dann eine charakteristische Infrarot-Rückstrahlung, die wiederum nur eine Digitalkamera mit speziellen Filtern aufnehmen kann. Auf den Mumienbildern leuchten die entsprechenden, mit Ägyptisch-Blau versehenen Stellen sehr intensiv, sodass sogar geringste Spuren noch sichtbar sind.

Das Holz der Tafeln stammt zu einem großen Teil aus Europa, importiert als Luxusgut

Solche wissenschaftlichen Techniken lassen sich auch nutzen, um die Farben auf antiken Statuen, die völlig verblasst sind, zu rekonstruieren. Oder man nutzt die Fingerabdrücke mancher Pigmente, um Original und Fälschung zu unterscheiden. Manche Pigmente sind nur in der Antike verwendet worden. Im sichtbaren Bereich sind die Fälschungen bisweilen nicht zu erkennen.

249 Bilder verzeichnet die Datenbank der bekannten Porträts mittlerweile. Ob Teile dieses Wissensfundus auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ist bislang nicht entschieden. Im kommenden Jahr wird das Getty Museum zumindest einen Teil der Ergebnisse online veröffentlichen. Neben dem Alter und speziellen Erkenntnissen über die verwendeten Farben wird inzwischen auch die Holzart der Tafeln untersucht. Caroline Cartwright vom British Museum in London fand heraus, dass drei Viertel der Bretter von der europäischen Linde stammen, die damals als Luxusgut nach Ägypten importiert wurde. Auch Eiche, Zeder oder einheimische Hölzer wie Maulbeerfeige oder Zypresse kamen zum Einsatz.

Soeben erst hat Bettina Vak aus London die neuesten Ergebnisse für ihre Tafeln erhalten. "Die meisten unserer Wiener Exemplare sind auf dem Holz der Maulbeerfeige gemalt", sagt sie überrascht. Solche Variationen im Rohmaterial könnten ein Indiz für verschiedene Malschulen und Modetrends sein.

Wie überhaupt Mode ein gutes Stichwort ist. Die Bilder zeigen, wie sich auf den Porträts innerhalb von Jahrzehnten etwa Haartracht und Schmuck ändern. Mal war bei Frauen die Ringellöckchenfrisur in, dann eher eine Art Nestfrisur, mal tragen sie kugelförmige Anhänger, dann auf Golddraht aufgefädelte Perlen oder goldene Halsketten. Es sind faszinierende Einblicke in jene Zeit, in der sich die ägyptische Kultur langsam auflöst. Frisur und Malstil sind römisch, die Kleidungsstücke eher griechisch, nur die Mumifizierung und der Bestattungskult bleiben noch ägyptisch. Wenige Jahrzehnte später verschwindet auch dieser Kult.

Hin und wieder fanden sich die gemalten Diademe, Anhänger und Ketten auch in den archäologischen Stätten wieder, eingewickelt in die Mumien als Grabbeigabe für die letzte Reise. Hätten die Raubgräber nicht so gewütet, wäre noch viel mehr Wissen erhalten geblieben.

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Quelle:
SZ vom 28.12.2016
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