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Archäologen entdecken antike Stadt:Venedigs Vorgängerin

Die Landschaft vor Venedig ist flach und fad. Doch unter der unscheinbaren Oberfläche haben Forscher die Überreste des antiken Altinums entdeckt, einer mächtigen römischen Hafenstadt.

Hubert Filser

Rund um den heutigen Ort Altino ist das Land flach, Soja- und Maisfelder erstrecken sich bis zum Horizont, bis hinüber nach Venedig, das wenige Kilometer entfernt in Richtung Westen liegt.

Altinum, Venedig, Andrea Ninfo/ddp

Ohne Altinum kein Venedig: Unter der fade wirkenden Landschaft bei Venedig haben Geographen die Überreste einer mächtigen römischen Stadt entdeckt.

(Foto: Foto: Andrea Ninfo/ddp)

Vom Flugzeug aus sieht das Dörfchen eher fad aus, gerade im Vergleich zur Lagunenstadt Venedig, das mit Markusdom und Canal Grande in der Ferne schimmert. Doch nun haben Geographen der Universität Padua unter den Feldern Altinos das alte Altinum entdeckt, eine mächtige römische Hafenstadt und die wichtigste Vorläuferkolonie Venedigs.

Allein mit Hilfe von Luftbildaufnahmen rekonstruierten die Forscher eine Stadt mit einem komplexen Netz aus Wasserstraßen, bestehend aus natürlichen Flüssen und künstlich angelegten Kanälen.

Für die Forscher ist Altinum vor allem deshalb interessant, weil es eine der wenigen europäischen Städte aus der Zeit um Christi Geburt ist, die nicht später durch mittelalterliche oder moderne Städte überbaut wurde.

Die Bilder weisen auf zahlreiche Prachtbauten hin, eine Basilika von fast 60 Metern Länge zeichnet sich ebenso im Untergrund ab wie ein noch weitaus größeres Amphitheater. Die größten Bauwerke stammen wohl aus dem 1. Jahrhundert nach Christus.

Die Forscher um den Geographen Andrea Ninfo betonen, dass die Römer also offensichtlich schon lange vor der Gründung Venedigs in der Lage waren, die Lagunenlandschaft mit ihren zahlreichen Inseln zu besiedeln.

Als Mitte des 5. Jahrhunderts die Hunnen unter Attila immer näher kamen, flüchteten die römischen Siedler aus Ravenna, Padua und Aquileia auf die Laguneninseln. Im Jahr 452 zerstörte Attila Altinum vollständig, doch die überlebenden Flüchtlinge legten in der Lagune dann den Grundstein für das heutige Venedig.

Dank des Luftbildstadtplans können die Forscher nun unmittelbar die Struktur einer römischen Stadt analysieren, die immerhin die Ausdehnung von Pompeji hatte. Die Aufnahmen zeigen sehr detailliert sowohl öffentliche Bauten wie das Odeon und das Forum, die mächtigen Stadtmauern und mindestens zwei Stadttore als auch private Bereiche mit einem komplexen Straßennetz und Wohnhäuser mit ihren verschachtelten Innenstrukturen.

Ohne Altinum kein Venedig

An wenigen Stellen, etwa an der Stadtmauer, haben Archäologen auch die noch erhaltenen Fundamente freigelegt. Doch die Daten, die die Forscher im Fachblatt Science (Bd. 325, S. 577, 2009) präsentieren, stammen allesamt aus Luftbildaufnahmen. Im sichtbaren Bereich und im nahen Infrarot zeichneten sich auf den Feldern die Grundrisse der Stadt ab, so als würde von unten ein Stempel gegen die Oberfläche drücken.

Die Forscher hatten die günstigen Witterungsbedingungen des extrem heißen Sommers 2007 ausgenutzt. Während der Dürreperiode im Juli kamen offenbar einige Mais- und Sojapflanzen mit dem knappen Wasser besser zurecht als andere, es zeigten sich daher sichtbare Unterschiede im Pflanzenwachstum.

Das lag daran, dass der Boden trockener oder feuchter war, je nachdem, ob im Untergrund Grundmauern oder verdichtetes Material vorherrschte. Zudem können Infrarotkameras im Luftbild gut zwischen gesunder und weniger gesunder Vegetation unterscheiden und thermische Unterschiede im Boden aufspüren.

Liegt etwa eine Steinformation im Boden verborgen, speichert diese Wärme anders als ein feuchtes Stück Boden. Es gibt mittlerweile Kameras, die Temperaturschwankungen von 0,1 Grad Celsius aufzeichnen.

Die Analyse des Höhenprofils ergab zudem, dass das antike Altinum auf einer Anhöhe lag, die zwischen zwei und drei Meter höher als die Umgebung war. Die Forscher vermuten, dass die Ausläufer der Lagune direkt bis zu diesem Hügel reichten, zumal an einer Stelle der Stadt sich tatsächlich Hafenanlagen im Untergrund abzeichnen, und zwar genau dort, wo das Gelände absinkt.

Altinum könnte also durchaus Ähnlichkeit mit dem alten Venedig gehabt haben, zumal auch zwei große Kanäle die Stadt durchzogen. Manches verbindet die Venezianer noch heute mit der Stadt ihrer Vorfahren: Viele der prächtigen venezianischen Paläste sind mit Steinen und Baumaterial aus dem zerstörten Altinum errichtet.

Und Paolo Mozzi von der Universität Padua und Koautor der Studie sagt, man müsse annehmen, dass die Einwohner Venedig gerade deshalb mitten in der Lagune gründeten, weil die Vorläuferstadt an der Küste von den Barbaren vernichtet worden war. Ohne Altinum, könnte man also sagen, gäbe es kein Venedig.

© SZ vom 31.07.2009/gal

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