Raumfahrt:Hoffen auf den Mars

Raumfahrt: Ambitionierte Ziele: Bis zum Jahr 2117 wollen die Emirate eine bewohnte Mars-Kolonie aufbauen.

Ambitionierte Ziele: Bis zum Jahr 2117 wollen die Emirate eine bewohnte Mars-Kolonie aufbauen.

(Foto: AFP)

Erstmals haben die Vereinigten Arabischen Emirate erfolgreich eine Sonde ins All geschossen, die künftig Wetterdaten vom Roten Planeten sammeln soll. Nebenbei dient das Projekt noch ganz anderen Zielen.

Von Paul-Anton Krüger und Julian Rodemann

Der Name ist Programm. Al-Amal heißt die Marssonde der Vereinigten Arabischen Emirate, die am Montag von Japan aus mit einer vom japanischen Industriekonzern Mitsubishi Heavy Industries entwickelten H2A-Trägerrakete ins All geschossen wurde - Hoffnung. Sie soll ein "Signal des Optimismus an Millionen junge Araber senden", wie Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum, der Herrscher von Dubai, bei der Vorstellung der wissenschaftlichen Ziele der Mission im Mai 2015 erklärte - ihnen verdeutlichen, wozu auch sie in der Lage sind, auch wenn ihre Länder teils als rückständig gelten und das von etlichen ihrer jungen Bürger selbst so empfunden wird.

Zugleich dient das ambitionierte Raumfahrtprogramm der Emirate politischen Zielen. Es soll die Stellung des Landes als technologische Führungsmacht der Region herausstreichen und als erfolgreiches politisches und wirtschaftliches Modell, das eine absolute und kaum politische Kritik duldende Monarchie erfolgreich mit einer liberalen Wirtschaftsordnung kombiniert. Mit "Stolz und Freude" habe er den Start vom japanischen Weltraumbahnhof Tanegashima beobachtet, sagte Kronprinz Mohammed bin Zayed, der de facto das Land regiert. Er gratulierte seinem Land zu der "historischen Errungenschaft".

"Al-Amal" soll die Emanzipation und den Erfolg des noch jungen Staates symbolisieren

Die Raumfahrtbehörde war erst 2014 gegründet worden. Im vergangenen Oktober flog Hazza al-Mansouri, einst Kampfpilot der emiratischen Luftwaffe, als erster arabischer Astronaut an Bord einer Sojus-Kapsel zur Internationalen Raumstation ISS. Nun startete die von emiratischen Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit amerikanischen Universitäten und Ingenieuren in nur sechs Jahren entwickelte Marssonde - derartige Raumschiffe haben derzeit nur die USA, Russland, europäische Staaten und Indien im All. In ihre Umlaufbahn um den Mars soll Al-Amal im Februar 2021 eintreten - die Gründung der Emirate jährt sich einige Monate später dann zum 50. Mal. Das Raumschiff symbolisiert damit auch die Errungenschaften und die Emanzipation des nach internationalen Maßstäben noch jungen Staates.

Die Emirate betonen indes, dass internationale Experten die wissenschaftlichen Ziele der Mission mitbestimmt haben; die "Mars Exploration Program Analysis Group", ein Beratungskomitee der US-Raumfahrtbehörde Nasa, wurde in die Planung der Mission einbezogen. Es soll keinesfalls so aussehen, als sei die gut 1,3 Tonnen schwere Raumsonde Al-Amal ein reines Prestigeprojekt. "Eines unserer Ziele war, dass die wissenschaftliche Mission andere Projekte ergänzt", sagt denn auch die wissenschaftliche Leiterin des Projektes, Sarah al-Amiri, dem Technikportal The Verge; Amiri gehört dem Kabinett der Emirate im Rang einer Staatsministerin an.

Die Marssonde soll also nicht nur ein paar Bilder knipsen und Daten sammeln, die es längst gibt. Tatsächlich könnte Al-Amal neue Erkenntnisse über den zweitkleinsten Planeten unseres Sonnensystems liefern. Viele bisherige Mars-Missionen konzentrierten sich eher auf die Oberfläche des Roten Planeten: Die Sonden schossen hochauflösende Bilder, der Mars gilt inzwischen als besser kartiert als der Meeresgrund der Erde. Al-Amal soll statt des Bodens vor allem die Luft und das Wetter auf dem Mars erkunden. Von offizieller Stelle wird die Marssonde gar als "erster echter Wettersatellit" für den Planeten gepriesen - freilich eine Übertreibung, zurzeit umkreisen sechs Sonden wie etwa die von der Nasa betriebene Maven den Mars und sammeln Daten aus dessen Atmosphäre.

Trotzdem könnte Al-Amal, die so groß wie ein Kleinwagen ist, einen genaueren Blick auf das Wetter in der untersten Schicht der Atmosphäre ermöglichen, also in Bodennähe. Denn zum ersten Mal soll sie Veränderungen des Wetters erfassen, die innerhalb eines Tages geschehen - auf dem ganzen Planeten, während aller Jahreszeiten. Al-Amal ist dazu in der Lage, weil sie deutlich näher am Äquator fliegen soll als andere Orbiter. Da die Sonde den Mars planmäßig ein ganzes Marsjahr lang umkreisen wird, also 687 Tage, könnten ihre Daten das bisher genaueste Bild der Jahreszeiten auf dem Mars ergeben.

Bis zum Jahr 2117 soll eine bewohnte Mars-Kolonie aufgebaut werden

Die Sonde soll darüber hinaus verfolgen, wie Sauerstoff und Wasserstoff aus der Exosphäre, der obersten Atmosphärenschicht, in den Weltraum gelangt. Dieser Prozess ist mit dafür verantwortlich, dass es heute kein flüssiges Wasser auf dem Mars gibt - jedenfalls nicht länger als für ein paar Stunden. Der Verlust von Sauerstoff und Wasserstoff aus der Mars-Atmosphäre wurde zwar bereits untersucht. Die arabischen Forscher wollen nun aber noch besser verstehen, wie er mit dem Wetter in der unteren Atmosphärenschicht zusammenhängt. Erst die neuen Daten würden dies möglich machen. Forscher an mehr als 200 Hochschulen und Instituten sollen auf sie zugreifen dürfen, teilte die Raumfahrtbehörde der Emirate mit.

Launch of the United Arab Emirates Mars mission, in Dubai

Die Marssonde Al-Amal soll laut Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum ein "Signal des Optimismus" an junge Araber senden.

(Foto: AHMED JADALLAH/REUTERS)

So ernsthaft die wissenschaftliche Mission hinter Al-Amal wirkt, so visionär - oder gar bizarr - mutet ein weiteres Weltraumprojekt der Emirate an: Bis zum Jahr 2117 wollen sie eine menschliche Kolonie auf dem Mars aufbauen, schon 2037 sollen die ersten Menschen auf dem Roten Planeten landen. Wissenschaftler erforschen dazu im Auftrag der Emirate von November an "die Effekte von Isolation und Abschirmung auf die menschliche Psyche und Physis". Probanden werden noch gesucht.

Dahinter steht die Annahme, dass die Erforschung und zumindest theoretisch denkbare Besiedelung von Planeten wirtschaftlich lukrativ sein könnte. Die Emirate arbeiten seit geraumer Zeit daran, ihre Abhängigkeit von der Öl- und Gasförderung zu verringern und neue Branchen zu erschließen. Sie betreiben mehrere erfolgreiche Fluggesellschaften, haben Tourismus und Finanzindustrie in Dubai entwickelt, sind über ihren Staatsfonds in Unternehmen und Banken weltweit investiert und haben sich als Handelsdrehscheibe zwischen Asien und Europa positioniert.

In den vergangenen Jahren hat sich der Fokus dabei immer stärker auf Technologie verlagert. Die Emirate gelten in einigen Bereichen der digitalen Transformation als führend. Raumfahrt passt zum Portfolio einer "wissensbasierten Wirtschaft", wie sie Kronprinz Mohammed bin Zayed anstrebt. Emiratische Techniker haben im Zuge der Entwicklung die komplexe Antriebstechnik eines Raumschiffs kennengelernt - eine Voraussetzung, um künftige Raumfahrtprojekte selbst vorantreiben zu können. Zuvor hatten sie Know-how für den Bau von Satelliten in einer Zusammenarbeit mit Südkorea gesammelt. Ein Geschäftsfeld, das für die Zukunft der Telekommunikation und des Internets wichtig sein dürfte und wie Raumfahrttechnologie auch militärische Anwendungen hat.

Beim Aufbau der Streitkräfte haben die Emirate ähnliche Wege beschritten. Viele ihrer Offiziere wurden im Westen ausgebildet, ihre Einheiten waren etwa in Afghanistan an der Seite westlicher Truppen im Einsatz. Heute gilt das emiratische Militär als das schlagkräftigste und am besten ausgebildete der arabischen Welt und als Grundstein der politischen Ambitionen des Landes als führende Regionalmacht.

© SZ/weis
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