Antike Stadtentwicklung Das Zentrum der Vororte

Die 6000 Jahre alte syrische Metropole Tell Brak ist - anders als man es von altertümlichen Siedlungen erwartet - von außen nach innen gewachsen.

Von Martin Kotynek

Die Ursprünge der ersten Großstädte der Menschheit sind mythisch. Meistens hätten mächtige Könige die Siedlungen gegründet oder zumindest ausgebaut, erzählen die Legenden.

Bildstrecke

Metropole Tell Brak

Der wohl bekannteste Gründer ist Gilgamesch, zu zwei Dritteln Gott und einem Drittel Mensch, der die Stadt Uruk in Mesopotamien - eine der ältesten Siedlungen überhaupt - befreit und befestigt habe.

Dieses Bild findet sich auch in der wissenschaftlichen Theorie zur Gründung der ersten Städte wieder. Nach dem Willen einer zentralistischen politischen Macht seien demnach alle altertümlichen Siedlungen um ein kleines Zentrum herum allmählich gewachsen.

Doch Ausgrabungen in Tell Brak zeichnen ein anderes Bild. Diese altertümliche Großstadt, die im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris in Syrien an der Grenze zum Irak liegt, sei von außen nach innen gewachsen, berichten Anthropologen und Archäologen der Universitäten Harvard, Cambridge und Edinburgh im Fachjournal Science (Bd.317, S.1188, 2007). Mehrere nah beisammen gelegene Siedlungen seien unabhängig von einer Zentralgewalt nach und nach zusammengewachsen.

Die Forscher untersuchten 55.000 Tonscherben, die an der Oberfläche der Ausgrabungsstätte liegen. Die Zusammensetzung des Tons unterscheidet sich je nach zeitlicher Epoche: Die Wände der Tongefäße aus der Frühzeit der Siedlung enthalten Sand und Fasern, später wechselten die Menschen auf die ungenießbare Spreu von Getreide, um die Gefäße zu stabilisieren.

Jüngere Gefäße haben zudem eine Kerbe, in der sich ein Deckel befestigen ließ. Mithilfe des Satellitennavigationssystems GPS bestimmten die Forscher die Entfernung der Fundstücke zum Zentralhügel.

Dabei waren die Artefakte vom Mittelpunkt der untergegangenen Stadt jünger als die Fundstücke in den Außenzonen - nach der gängigen Theorie über das Wachstum von Städten hätte es umgekehrt sein müssen. Anhand dieser Daten konnten die Wissenschaftler die Geschichte der Besiedlung des Ortes rekonstruieren.

Vor 6000 Jahren ließen sich die ersten Menschen in Tell Brak nieder. 1800 Jahre später lagen sechs Vororte in einer Entfernung von 200 bis 500 Metern rund um den zentralen Hügel.

"Die Menschen in den Vororten wollten Teil der Hauptsiedlung sein, waren aber nicht dazu bereit, ihre Unabhängigkeit komplett aufzugeben", sagt der Erstautor der Studie, Jason Ur. Diese Autonomie würde sich durch den räumlichen Abstand vom Zentrum ausdrücken. Zudem war der altertümliche Ballungsraum etwa so groß wie 70 Fußballfelder. Zwischen den Vororten lagen jedoch große Flächen unbesiedelten Landes, da soziale Unterschiede zwischen den Gruppen bestanden hätten, sagt Anthropologe Ur.

Vor 3900 Jahren stieg die Bevölkerungszahl auf 15.000 Einwohner an. Die Vororte dehnten sich in Richtung des 40Meter hohen Zentralhügels aus, wo sich Tempel und Handwerksbetriebe befanden. Auch die freien Bereiche zwischen den Orten wurden besiedelt. So wuchsen die Siedlungen zusammen, die Menschen lebten Tür an Tür. Die Großstadt umfasste eine Fläche von 130 Hektar und war damit zehn Mal so groß wie andere Städte in Mesopotamien.

"Es sieht so aus, als wäre die Stadtbildung das unbeabsichtigte Resultat der Handlungen mehrerer autonomer und nicht hierarchisch verknüpfter Gruppen gewesen", sagt Jason Ur. "Die Menschen siedelten sich aus freien Stücken an, sie sind nicht dazu gezwungen worden." Frühe Metropolen müssten also nicht, wie bisher angenommen, nach einem zielgerichteten Plan gewachsen, sondern könnten auch zufällig zustande gekommen sein, schließt der Forscher aus seinen Funden.