Anthropozän - Menschenzeit:Welchen Platz nimmt der Mensch in der Welt ein?

Schließlich stoßen wir mit dem Anthropozän in eine Sphäre vor, die sich nur umreißen lässt, indem das Undenkbare gedacht werden muss: Unsere Vorstellungskraft reicht zwei, drei Generationen weit. Doch der Atommüll, den wir produzieren, strahlt noch in Tausenden von Jahren; 100.000 Jahre werden vergehen, bis das Klima sich normalisiert; und die Arten, die wir auslöschen, sind auf ewig verloren. Das Anthropozän ist also zuallererst eine kognitive Herausforderung.

Klar ist aber auch, dass das Anthropozän Fragen aufwirft, die weit über die Zuständigkeit der Naturwissenschaft hinausreichen. Vor allem die danach, welchen Platz der Mensch in der Welt einnimmt und wie er sich zu ihr verhält. Dass wir Raubbau an der Erde betreiben, ist bekannt.

Doch wie lässt sich der Irrsinn hinter dieser matten Phrase wirklich begreifen? Man kann, schlug einer vor, den Menschen als Empfänger eines jährlichen Budgets regenerierbarer Natur verstehen, das er zur Zeit so schnell aufzehrt, dass er schon ab dem Spätsommer von der Substanz lebt. Man kann die Welt mit einem Organismus vergleichen, in dem der Mensch wütet wie pathologische Zellen.

Von der Vorstellung, Zivilisation und Natur seien getrennte Systeme, die Natur, sei ein Supermarkt, in dem nicht bezahlt wird, müssen wir uns verabschieden. "Wir müssen uns als eine Spezies unter vielen verstehen. Affen unter Affen." Den umgekehrten Weg gehen die esoterischer veranlagten Anhänger der Gaia-Hypothese vor. Sie betrachten die Natur als ein Lebewesen und graben nach vom westlichen Denken verschütteten animistischen und vitalistischen Weltvorstellungen.

Ist die Menschheit wirklich unfähig, ihr Überleben zu sichern? Steffen verwies auf Jared Diamond, nach dem Zivilisationen dann untergingen, wenn es ihnen nicht gelang, ihre Wertesystem an veränderte Bedingungen anzupassen, die also erst dann Was nun? fragten, als sie den allerletzten Baum abgeholzt hatten.

Dennoch, so die Künstlerin und MIT-Professorin Renée Green, existiert durchaus eine abendländische Tradition von der Rücksicht auf die Zukunft bestimmten Handelns: Sei es bei Odysseus, der seine Heimat verließ, um Ruhm zu hinterlassen, sei es in der Kultur des Sparens, die im 19. Jahrhundert noch Teil kapitalistischen Wirtschaftens war.

Klar ist auch, dass das Anthropozän nicht ohne seine politische Komponente denkbar ist. Darauf wies unter anderem Eyal Weizman hin, der sich mit der strategischen Zerstörung von Natur wie bei den "Entlaubungs"-Feldzügen im Vietnam-Krieg beschäftigt. Als Kronzeuge diente ihm ein Vertreter der Gruppe der 77, dem Zusammenschluss von Dritte-Welt-Staaten. Nachdem sich die Industrienationen darauf einigten, eine globale Erwärmung von zwei Grad Celsius sei gerade noch akzeptabel, um katastrophale Folgen zu vermeiden, meinte er trocken: "Eine Erwärmung von zwei Grad bedeutet den sicheren Tod von Afrika."

Es ist viel Paradoxes im Begriff des Anthropozän. Es scheint eine Stabilität zu suggerieren, wo doch die Katastrophe zu erwarten ist. Es macht den Menschen zum Titelheld des Zeitalters, das sein Verschwinden besiegeln könnte. Und wie vermeidet es der Mensch, wenn er sich nun mit den Folgen seines Tuns auseinandersetzt,denselben Herrschaftsinstinkten zu folgen, die ihn erst in die Krise geführt haben? Wir müssen versuchen uns vorzustellen, so die Philosophin Claire Colebrook, was die Welt über uns erzählen wird, wenn wir nicht mehr da sind.

© SZ vom 14.01.2013/mcs
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