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Anthropologie:Unterwegs mit langen Beinen und kleinem Hirn

Trotz solcher Bedrohungen ließen sich die Frühmenschen auf ihrer Reise damals nicht aufhalten. Es ist noch nicht geklärt, warum sie ausgerechnet vor 1,9 Millionen Jahren erstmals zu Migranten wurden. Damals zogen sie von Ostafrika aus in Richtung Norden, durchquerten das heutige Äthiopien, sahen erstmals das Mittelmeer, wanderten über Generationen in Richtung Norden und kamen über Israel, Syrien, den Osten der Türkei vor rund 1,8 Millionen Jahren im Kaukasus an, nicht weit entfernt vom Berg Ararat. In 100.000 Jahren überbrückten die Auswanderer eine Entfernung von circa 4300 Kilometern Luftlinie.

Steinerne Artefakte, vor allem Faustkeile, sind ihre Spuren, die sie zurückgelassen haben, sodass Forscher heute die Wanderwege rekonstruieren können. Die mitgebrachten, überaus einfachen Steinwerkzeuge aus der sogenannten Oldowan-Kultur Afrikas zeigen, welchen Mut sie besessen haben mussten. "Dmanissi zeigt, dass Hominiden kein großes Gehirn und keine ausgeklügelten Steinwerkzeuge brauchen, um sich von Afrika kommend auszubreiten", sagt Lortkipanidse.

Die Dmanissi-Frühmenschen hatten lange Beine, kurze Arme und ein kleines Gehirn, Individuum Nr. 5 hatte ein Gehirnvolumen von nur 546 Kubikzentimetern, weniger als ein Drittel des Gehirns heute lebender Menschen. Das Gesicht wiederum war erstaunlich groß, ebenso die mächtigen Kiefer mit den großen Zähnen. Es sei eine überaus erstaunliche Mischung an Merkmalen, schreiben die Forscher. Weshalb auch die Zuordnung zu einer Menschenart nicht einfach sei. Koautor Christoph Zollikofer, Anthropologe an der Universität Zürich, hat deshalb alle fünf Schädel im 3-D-Scanner exakt vermessen. "Da die Variationsbreite bemerkenswert, aber nicht größer als in modernen Arten ist, schließen wir, dass alle Individuen einer Art angehören", sagt Zollikofer.

Langes Gesicht als Artenmerkmal?

Vor allem Schädel Nr. 5, dessen Gesicht komplett erhalten ist, steht im Zentrum der Analyse. Sein Oberkiefer müsste nämlich eigentlich dem Homo habilis zugerechnet werden, die markanten Überaugenwülste aber gehören zum Homo erectus. "Beurteilt man die Dmanissi-Individuen nach klassischen Arterkennungsverfahren, müssten einige Spezimen gleichzeitig zwei Arten repräsentieren", sagt seine Kollegin Marcia Ponce de León. "Das zeigt, dass die Artunterteilung nicht funktioniert, sobald sie auf eine neue Stichprobe wie Dmanissi angewandt wird."

Die Forscher argumentieren, dass es auch bei heute lebenden Menschen oder bei Schimpansen eine ähnliche Variationsbreite in den körperlichen Merkmalen gebe wie bei den Dmanissi-Menschen. Frühe Vertreter der Gattung Mensch, die man bisher aufgrund fragmentarischer Funde verschiedenen Arten zugeordnet hatte, seien eigentlich Spielarten ein und derselben Art, des Homo erectus.

Nicht alle Anthropologen wollen dieser Interpretation folgen. Ian Tattersall etwa denkt, dass die fünf Dmanissi-Menschen zu mehr als einer Art gehören könnten; vor allem Nr. 5 mit seinem lang gezogenen Gesicht sei eine eigene Art. Der südafrikanische Paläoanthropologe Ron Clarke wiederum rechnet Nr. 5 dem Homo habilis zu.

Die Kämpfe um die Deutungshoheit der Menschheitsgeschichte werden also weitergehen. Acht Jahre hat das Team um Dawit Lortkipanidse die fünf Schädel eingehend untersucht. Georgien sei nun von der Karte der modernen Anthropologie nicht mehr wegzudenken, sagt der Paläontologe und verweist mit Stolz auf die 50.000 Quadratmeter Ausgrabungsfläche, in denen die Forscher zahlreiche weitere Funde erwarten, bestens konserviert unter der Vulkanschicht. Vielleicht werden sich also noch weitere Schädel in die beeindruckende Phalanx der fünf Dmanissi-Menschen einreihen.