Anthropologie Nur Menschen teilen gerne ihr Essen

Essen miteinander zu teilen, kittet menschliche Gesellschaften zusammen.

(Foto: Westend61/imago)
  • Warum fällt das Teilen von Essen den nichtmenschlichen Primaten so schwer?
  • Vermutlich, weil sie keinen Vorteil daraus erfahren.
  • Oder anders: Menschen würden heute weit weniger komfortabel leben, hätten sie nicht irgendwann die Vorteile der Arbeitsteilung entdeckt.
Von Katrin Blawat

Deutlicher kann man seinen Wunsch kaum äußern: In dem kurzen Videoclip streckt der Orang-Utan seine nach oben geöffnete Hand dem viel größeren Artgenossen entgegen. Der sitzt neben einer Papiertüte, aus der er sich zuvor mit Futter versorgt hat. Das Betteln zeigt Erfolg: Der große Affe - es handelt sich um Bimbo, den Chef der Gruppe - pult sich etwas Futter aus dem Mund und reicht es dem Bittsteller.

Glück gehabt. Rechnen konnte der bettelnde Orang-Utan nämlich kaum damit, dass er etwas von der Leckerei abbekommen würde. Denn vom eigenen Futter freiwillig etwas abzugeben, das steht bei Orang-Utans, Schimpansen und anderen Primaten nicht besonders hoch im Kurs, wie eine Studie in der November-Ausgabe des Fachmagazins Animal Behaviour bestätigt.

Auch Affen können schmollen

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Selbst wenn ein Artgenosse unmissverständlich darum bittet, einen Teil abzubekommen, ignorieren die Affen diese Aufforderungen in vielen Fällen. Dabei versteht der Angebettelte durchaus, was der Andere von ihm will. Schließlich gehen sowohl Schimpansen als auch Orang-Utans in anderen Situationen immer wieder bereitwillig auf die Bitten anderer ein. Nur beim Essen, da hört der Spaß offensichtlich schnell auf.

Schimpansen, die etwas abhaben möchten, nehmen es sich einfach

Aus menschlicher Sicht wirkt das einigermaßen unerhört. Zusammen essen und mit einem anderen zu teilen, spätestens wenn er ausdrücklich darum bittet - das macht einen beträchtlichen Teil jenes Kitts aus, der die menschliche Gesellschaft zusammenhält. Dementsprechend früh, nämlich bereits von einem Alter von drei Jahren an, zeigen Kinder die Bereitschaft, anderen auf deren Bitte hin vom eigenen Hab und Gut etwas abzugeben. Warum fällt dies den nicht-menschlichen Primaten dann so schwer? Bei dieser Frage geht es nicht ums Essen allein, sondern auch um die Evolution der vielleicht größten Gabe des Menschen: mit anderen zusammenzuarbeiten.

"Futterteilen ist eine grundlegende Form der Kooperation", schreiben die Anthropologen Adrian Jaeggi von der Emory University und Michael Gurven von der University of California im Fachmagazin Evolutionary Anthropology. Immerhin ist es auch unter Orang-Utans und Schimpansen nicht so, dass einer vor dem vollen Futtersack sitzt und sein Kumpane stets leer ausgeht. Doch möchte einer etwas abhaben, hilft ihm ein kurzer Raubzug mehr als eine höfliche Bitte: Nehmen statt Geben. Toleriert der andere diesen Mundraub, sprechen die Autoren der aktuellen Studie vom sogenannten passiven Teilen.

Dieses mache bei den meisten Primaten bis zu 95 Prozent aller Futterübergaben aus, schreiben Katja Liebal von der Freien Universität (FU) Berlin und Federico Rossano vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.