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Anthropologie:Die Uralteingesessenen

Jetzt ruht sein Schädel in der Schädelkiste im Göttinger Institut für Anthropologie und fühlt sich leicht und eiskalt an. Irgendjemand aus der Arbeitsgruppe von Stefan Flindt, dem Archäologen des Landkreises Osterode, der die Ausgrabungen in der Lichtensteinhöhle geleitet hat, hat ihn sorgfältig eingepackt, in eine Plastiktüte gesteckt und in die Kühlkammer gebracht. Gefunden wurde er vielleicht im so genannten Berndsaal der Höhle, in dem es zwar nicht ganz so kalt ist, wie in der Kühlkammer, aber mindestens genauso eng.

Um hineinzukommen, windet man sich seitlich durch eine Spalte und kann sich dann auf einen Felsen setzen, auf dem die Nutzer der Höhle vor 3000 Jahren möglicherweise religiöse Zeremonien abgehalten haben. Darauf deuten unter anderem schwarze Stellen an der Decke hin, die von einer Feuerstelle herrühren könnten. Die Bronzezeit-Menschen müssen dabei mitten zwischen Skeletten und verwesenden Leichnamen gesessen haben, denn genau an dieser Stelle haben Flindt und seine Kollegen einen Wust von Menschenknochen gefunden, die sich in mehreren Lagen übereinanderstapelten.

Angesicht dieser gruseligen Funde war man zunächst davon ausgegangen, dass in der Lichtensteinhöhle Menschen geopfert wurden. ,,Auffällig war allerdings, dass kaum eines der Skelette Spuren von Verletzungen aufwies'', sagt Stefan Flindt. Mit Ausnahme eines Toten, der sich das Schlüsselbein gebrochen hatte und eines acht bis zehnjährigen Kindes, das ein drei Zentimeter großes, rundes Loch im Kopf hatte.

Die Hypothese von der Opferstätte beginnt zu wackeln

Die Form der Öffnung und Schabspuren am Knochen lassen vermuten, dass der Schädel bei einem medizinischen Eingriff geöffnet wurde. ,,Das Kind ist aber nicht an den Folgen dieser Operation gestorben'', sagt Hummel. An der dichten Struktur des Knochens rund um das Loch sei erkennbar, dass die Wunde gut verheilt sei und sich auch nicht entzündet habe.

Als die Erbgutanalysen dann auch noch ergaben, dass die meisten Menschen aus der Lichtensteinhöhle miteinander verwandt waren, begann die Hypothese von der Opferstätte zu wackeln. Die Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass es sich bei der Lichtensteinhöhle um die Begräbnisstätte eines Familienclans handelt. Das ist insofern ungewöhnlich, weil die Toten in der späten Bronzezeit typischerweise verbrannt und die Asche dann in Tongefäßen in den für diese Zeit charakteristischen Urnenfeldern beigesetzt wurden.

Neben den Verwandtschaftsverhältnissen hat Susanne Hummel das Erbgut auch noch auf andere Merkmale hin untersucht. Dabei fand sie unter anderem heraus, dass vier der 40 Toten aus der Bronzezeit bereits eine Mutation auf Chromosom 3 aufweisen, die heute etwa 15 Prozent der Europäer haben.

Die Veränderung im so genannten CCR5-Gen macht widerstandsfähig gegen den Ausbruch von Aids. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass dieser Schutz sehr viel später entstanden ist, als Folge der Pest, die im 14. Jahrhundert in Europa wütete.