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Antarktis:4000 Meter unter dem Eis

Ein russisches Bohrteam bereitet sich darauf vor, das Eis über dem Wostoksee in der Tiefe der Antarktis zu durchstoßen. Dessen Wasser ist seit 15 Millionen Jahren von der Außenwelt isoliert. Möglicherweise existiert dort eine vollkommen unbekannte Bakterienfauna.

Christopher Schrader

In der Antarktis bereiten sich russische Polarforscher auf einen historischen Erfolg vor. Für die kommenden Tagen wird erwartet, dass ihr Bohrer das Eis über dem Wostoksee durchstößt. Dessen Wasser ist seit 15 Millionen Jahren von der Außenwelt isoliert, die Wissenschaftler nehmen mit guten Gründen an, dort eine vollkommen unbekannte Bakterienfauna zu finden.

Lake Vostok

Die Radaraufnahme eines Satelliten zeigt die Umrisse des Wostoksees.

(Foto: Nasa)

Vor einer Woche, so erzählte es der an den Planungen der Mission beteiligte amerikanische Mikrobiologe John Priscu von der Montana State University dem Wissenschaftsmagazin Science, habe das Bohrteam bei einer Tiefe von 3737 Meter noch 15 Meter Eis vor sich gehabt, und sie kämen etwa zwei Meter pro Tag voran. "Das ist ein episches Ereignis. Ich wünschte ich könnte da unten bei ihnen sein."

In der Tat arbeiten die Russen seit vielen Jahren auf diesen Tag hin. "Der Wostoksee ist ein einzigartiges natürliches Phänomen, hier warten viele interessante Entdeckungen", hat der Leiter der Expedition Valery Lukin vor seinem Aufbruch in die Antarktis dem Online-Dienst der Voice of Russia erklärt.

"Wir hoffen in den kommenden Jahren das Wasser und den Grund des Sees untersuchen zu können." Das Gewässer liegt unter der russischen Polarstation, überwölbt von fast vier Kilometern Eis. Hier könnten sich im Lauf der Jahrmillionen ganz eigene Bakterien entwickelt haben, wie sie sonst nirgendwo auf der Welt vorkommen. Die Sorge vieler Experten war daher, den See beim Anbohren zu kontaminieren.

Aus diesem Grund werden die Russen auf den letzten Metern ihren Bohrkopf austauschen; so ist es mit den übrigen Nationen abgestimmt. Statt des hohlen Zylinders, der Bohrkerne gewinnt, kommt ein erhitzter, dünner Stab zum Einsatz, der sich - umgeben von einem sterilen Silikonöl - nach unten schmilzt. Er soll nicht zum See durchstoßen: Das Bohrteam will kurz vor der Grenzschicht stoppen, seine Geräte zurückziehen und das Wasser des Sees unter seinem eigenen Druck ein paar Dutzend Meter im Schacht hochsteigen lassen.

Hier soll es festfrieren; die Forscher wollen es womöglich erst im kommenden antarktischen Sommer aus dem Bohrloch holen und analysieren. So wird der direkte Kontakt von oben und unten vermieden.

Dennoch ist das Projekt heftig kritisiert worden, besonders weil die Russen das Bohrloch oben mit Kerosin und dem Frostschutzmittel Freon füllen, um ein Zufrieren zu verhindern. Die Umweltgruppe Antarctic and Southern Ocean Coalition hatte daher zum Beispiel im April 2008 an das russische Parlament, die Duma, appelliert, das Verfahren wegen der Gefahr einer Verschmutzung zunächst an einem kleinen, isolierten See zu erproben - ohne Erfolg.

Der Wostoksee ist hingegen der größte antarktische See und er ist offenbar nicht vollkommen isoliert. Der Eisschild schiebt sich über ihn hinweg. An der einen Seite schmilzt offenbar Wasser von dessen Unterseite in den See, auf der anderen friert Seewasser fest und wird weggetragen.

Diese Zwischenschicht hat die russische Bohrung bereits durchstoßen und hier Hinweise auf thermophile Organismen gefunden. Sollte sich das bewahrheiten, würde es auf hydrothermale Quellen am Boden des Sees hindeuten. In diesem Fall könnten in dem Wasser sogar Mehrzeller leben, schwärmt John Priscu, beispielsweise Röhrenwürmer oder Krebse.

© SZ vom 20.01.2012/mcs

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