Angkor Wat in Kambodscha Die mittelalterliche Stadt, die größer war als New York

Vor fast 1000 Jahren wurde das ungewöhnliche Bauwerk in Kambodscha errichtet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Ruinen von Angkor Wat verblüffen durch ihre gigantischen Ausmaße. Doch warum wurde die Metropole einst verlassen?

Von Titus Arnu

Schlingpflanzen, Sumpf, Moskitos: ein seltsamer Ort, um eine Stadt zu errichten. Die Gegend zwischen dem See Tonle Sap und dem Berg Phnom Kulen im Nordwesten Kambodschas wird mehrmals im Jahr überschwemmt. Während der Regenzeit sind die Wege durch die Wälder kaum passierbar.

Tief im Dschungel leben Kobras, Vipern, Vogelspinnen, Warane und Krokodile. Es gibt in der Nähe keinen schiffbaren Fluss, keinen Zugang zum Meer, keine Bodenschätze. Warum entstanden ausgerechnet hier vor fast 1000 Jahren grandiose Tempelanlagen, deren Bau so aufwendig war wie die Errichtung der ägyptischen Pyramiden?

Im Angkor-Panorama-Museum

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Die meisten Bauwerke im Tempelbezirk Angkor Wat sind längst von üppigem Grün bedeckt. Algen und Flechten haben sich wie ein grünstichiger Film über die verschnörkelten Mauern gelegt, sie überziehen feine Sandstein-Reliefs von Tänzerinnen und Kriegern.

Die Wurzeln von Würgefeigen schlingen sich wie Tentakel um die exakt gemeißelten Steine, die einst ohne Mörtel aufeinandergeschichtet wurden. Wer Angkor Wat als Tourist besucht, ist verblüfft über die Baukunst, zu der die Menschen damals fähig waren: Säulengänge mit Statuen und Reliefs, kilometerlange Mauern, pyramidenartige Tempel und Türme mit lotusförmigen Spitzen stehen wie Kulissen für einen Fantasy-Film mitten in der Wildnis herum.

Die Stadt erstreckte sich über 1000 Quadratkilometer

Der Untergang der Zivilisation von Angkor ist eines der größten Rätsel der Geschichte. Das Reich der Khmer bestand vom 9. bis etwa zum 15. Jahrhundert, sie beherrschten zeitweise weite Teile Südostasiens. Eine der Hauptstädte des Riesenreiches, Mahendraparvata, war Teil des weitläufigsten urbanen Komplexes der vorindustriellen Welt, Angkor Wat gilt als das größte religiöse Bauwerk überhaupt.

Wissenschaftler haben diverse Vermutungen, was die Ursachen des Untergangs gewesen sein könnten: die Invasion von Feinden, ein religiöser Sinneswandel in der Bevölkerung, die Verlagerung der Verkehrswege hin zum Seehandel. Beweise für diese Thesen gibt es nicht, die Inschriften an den Tempeln und Palästen von Angkor Wat geben keinen Aufschluss darüber. Andere Aufzeichnungen existieren nicht.

Wie gigantisch die Dschungelstadt zu ihrer Blütezeit gewesen sein muss, fanden Wissenschaftler 2015 heraus, dank neuartiger Forschungsmethoden. Mit Hilfe von Lasertechnik gelang es einem Team um den australischen Wissenschaftler Roland Fletcher, die wahren Ausmaße Angkors aufzuzeigen. Beim "Airborne Laser Scanning", auch Lidar genannt, wird die Erdoberfläche von einem Hubschrauber oder einem Leichtflugzeug aus mit einem Sensor abgetastet.

Nach Auswertung der Bilder waren Überreste von Gebäudestrukturen, Straßen und Kanälen zu erkennen, die sich über ein viel größeres Gebiet ziehen, als bisher bekannt war. Der Stadtplan, den das Lidar-Verfahren enthüllt, erinnert an eine moderne amerikanische Stadt mit schnurgeraden Straßen. Wenn die Forscher Recht haben mit ihrer Interpretation der Luftbilder, dann könnten hier bis zu einer Million Einwohner gelebt haben.

Die Stadt erstreckte sich über 1000 Quadratkilometer, eine Fläche größer als das heutige New York. Eine Entdeckung, die auch die Sicht auf das Ende des Khmer-Reichs verändern könnte.

Als sich der deutsche Forscher Adolf Bastian im Jahre 1863 auf den Weg in den Dschungel Kambodschas machte, ahnte er nichts von den tatsächlichen Ausmaßen der Stadt. Bastian sah in Angkor Wat vor allem ein Heiligtum der Khmer. Er erkannte anhand der Reliefs, dass die mythologischen Wurzeln Angkors nicht im Buddhismus, sondern im Hinduismus liegen mussten.

War es möglich, dass ein Streit um den richtigen Glauben den Niedergang der Stadt eingeleitet hatte? Für die Wasserkanäle und riesigen Reservoirs rund um die Tempel interessierte sich Bastian weniger. Sie waren aus seiner Sicht die Verkörperung des Ur-Ozeans in der hinduistischen Lehre von der Entstehung der Welt, also sakrale Bauten mit symbolischer Funktion.

Führte die Bausucht der Khmer-Könige zum Bankrott

Als Angkor Wat um das Jahr 1200 Teil des größten urbanen Komplexes der Welt wurde, war das System von Kanälen und Staudämmen aber wahrscheinlich ausschlaggebend für die Versorgung der vielen Einwohner - ohne ausreichend Wasser hätten sie in der Trockenzeit kaum überleben können. Die Infrastruktur für die Metropole wuchs über Jahrhunderte ständig weiter. Die Khmer-Ingenieure hatten gewaltige Strukturen geschaffen, darunter ein gigantisches Staubecken: der Westliche Baray, acht Kilometer lang und gut zwei Kilometer breit.

Um vor tausend Jahren dieses dritte und kunstvollste von Angkors Bassins zu bauen, müssen bis zu 200 000 Arbeiter etwa zwölf Millionen Kubikmeter Erde zu riesigen Uferbefestigungen aufgehäuft haben; die Wallanlagen sind 90 Meter breit und neun Meter hoch. Ein Projekt, das vom Umfang her gewaltiger ist als die Cheops-Pyramide.

Es war möglicherweise diese stetig wachsende Infrastruktur, die Angkor zum Verhängnis wurde, vermuten Archäologen. Ging das Reich nach 600 Jahren Wachstum an seiner eigenen Größe zugrunde? War es Opfer eines Klimawandels? Vielleicht beides. Das Szenario könnte ungefähr so ausgesehen haben: Um die Funktion der Kanäle zu gewährleisten, mussten Hunderte und Tausende von Arbeitern bezahlt werden.

Doch die Bausucht der Khmer-Könige führte wohl irgendwann zum Bankrott, die Arbeiter konnten nicht mehr bezahlt werden. Zusätzlich sank wegen einer Dürreperiode der Wasserspiegel, das System brach zusammen. Aber das sind alles nur Vermutungen und Interpretationen. Das Geheimnis von Angkor Wat ist immer noch im Dschungel versteckt.

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