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Grüne Lunge der Erde:Der Wald versorgt sich selbst mit Regen

Der Amazonas-Regenwald ist mit seinen Tausenden Baumarten eines der faszinierendsten Ökosysteme der Welt. Es funktioniert nur, weil es sich selbst mit Regen versorgt. Luftströme vom Atlantik leiten Feuchtigkeit in das Amazonasgebiet und es regnet herab. Gäbe es keinen Wald, würde das meiste Wasser einfach abfließen. Die Bäume aber saugen mit ihren Wurzeln das Wasser aus dem Boden und entlassen einen Teil davon über ihre Blätter wieder in die Luft. Geschieht dies milliardenfach wie im Amazonas-Regenwald, bildet sich eine eigene feuchte Atmosphärenschicht - Flüsse in der Luft.

Das Wasser steigt immer wieder in die Luftmassen zurück, die nach Westen bis an den Rand der Anden wandern, dort abregnen und damit den Großteil der Flüsse im Amazonasgebiet speisen. Selbst Regionen bis nach Nordargentinien versorgt das Zirkulationssystem mit Feuchtigkeit. Allerdings ist es ein fragiles System. "Ab einem bestimmten Grad an Entwaldung bricht dieser Kreislauf zusammen", sagt der US-Biologe Thomas Lovejoy. "Und das würde auch die Landwirtschaft außerhalb des Regenwalds treffen."

Anfang des vergangenen Jahres hat Lovejoy, der als Vater des Begriffs "Biodiversität" gilt, zusammen mit dem brasilianischen Klimaforscher Carlos Nobre berechnet, dass der Kipppunkt für den Amazonas-Regenwald viel näher liegen könnte, als bislang gedacht. Statt 30 bis 40 Prozent Entwaldung würden wohl schon etwa 20 Prozent genügen, um das System aus dem Lot zu bringen, schrieben die beiden Wissenschaftler in einem Editorial für das Fachblatt Science, das im Februar 2018 erschienen ist.

Der Wasserkreislauf, der das ganze System speist, könnte ins Stottern kommen

Schon heute hat der brasilianische Regenwald etwa ein Fünftel seiner Waldfläche verloren und ist - zumindest aus Sicht des US-Biologen - an der gefährlichen Schwelle angelangt, ab der der Wasserkreislauf zu versagen beginnt. Dazu kommen weitere Faktoren, die den Amazonas-Regenwald unter Druck setzen. "Brandrodung, Abholzung und Klimawandel erzeugen eine negative Synergie und könnten den Wald in eine Savanne verwandeln", warnt Lovejoy.

Je stärker die Waldflächen zerstückelt sind, desto schlechter können sie dem Klimawandel trotzen. Sie bieten Wind und Sonne mehr Angriffsfläche und sind deshalb weniger widerstandsfähig gegenüber Dürren. Kommt außerdem der Wasserkreislauf ins Stottern, verstärken sich die Dürren und der Regimewechsel hin zu hitzetoleranten, schnell wachsenden Baumarten beschleunigt sich weiter. Um dem entgegenzuwirken, schlägt Lovejoy eine "Sicherheitsmarge" vor: eine Aufforstung des Amazonas-Regenwalds, um sich wieder von der gefährlichen Schwelle zum Kipppunkt zu entfernen. "Ich hoffe, die Regierung versteht sehr bald, dass sie das Amazonasgebiet als Gesamtsystem verwalten muss", sagt Lovejoy.

Esquivel Muelbert setzt auf den Druck durch die Bevölkerung und die Wissenschaftler. "Viele Menschen in Brasilien haben verstanden, wie wichtig der Amazonas-Regenwald ist", sagt die Biologin. "Ich würde so gerne hoffen, dass das Wissen darüber den Wald schützt."