Amazonas-Regenwald in Gefahr Abholzen im Sekundentakt

Brasiliens Umweltministerin Marina Silva hat alarmierende Zahlen über die zunehmende Vernichtung des Regenwaldes im Amazonas präsentiert. Nun ist selbst Präsident Lula schockiert.

Von Sebastian Schoepp

München - Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, ein früherer Metallarbeiter und Arbeiterführer, hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass Umweltpolitik nicht zu seinen ersten Anliegen gehört.

Eine Satellitenaufnahme vom 12. August 2007 dokumentiert die Zerstörung des Waldes in den Gebieten des Mato Grosso durch Abholzung und Feuer (rote Punkte).

(Foto: Foto: Nasa)

Nun gibt es neue alarmierende Zahlen über die zunehmende Vernichtung des Regenwaldes im Amazonas, die seine streitbare Umweltministerin Marina Silva präsentiert hat. Sie zeigen die Kehrseite der ganz auf Armutsbekämpfung durch Wachstum ausgelegten Politik des Präsidenten: Demnach schreitet die Abholzung so schnell voran wie nie zuvor.

Zwischen August und Dezember 2007 seien bis zu siebentausend Quadratkilometer Wald geschlagen worden, teilte das Umweltministerium mit. Das entspricht etwa der Hälfte der Waldfläche der Schweiz. Die Zerstörung sei viermal so hoch wie im Vergleichszeitraum 2004. Etwa ein Fünftel des Urwalds im Amazonas-Becken ist bereits vernichtet.

Silvas Zahlen beruhen auf neuesten und sehr genauen Satellitenaufnahmen. "Nie zuvor haben wir zu dieser Jahreszeit solch eine große Zerstörungsrate festgestellt", sagte Gilberto Camara, Leiter des brasilianischen Instituts für Weltraumforschung.

Dazu beigetragen hat die große Trockenheit - wiederum eine Folge der Abholzung - , die den Rodungskommandos die Arbeit erleichtert. Die modernen Erntemaschinen holzen nach Angaben des Umweltverbandes WWF eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes in Sekundenschnelle ab.

Erst vor wenigen Monaten hatte Präsident Lula verkündet, die Zerstörung des Regenwaldes sei zwischen 2005 und 2007 um die Hälfte zurückgegangen. Das sei auf schärfere Kontrollen zurückzuführen.

Tatsächlich jedoch kontrolliert in den entlegenen Gebieten des Mato Grosso und der Nachbarprovinzen kaum jemand etwas. Die Eigentumsverhältnisse sind wegen fehlender Kataster unklar. Für die arme Bevölkerung bietet die Holzindustrie Jobs.

Danach kommen die Rinderherden, die den Rest der Vegetation abfressen, anschließend Landwirtschaft, zumeist Zuckerrohr für die Ethanolproduktion und Soja. Beides sind wichtige Exportgüter des Schwellenlandes Brasilien. Sie werden von Lula immer wieder als Motor des Fortschritts gepriesen.

"Extrem besorgniserregend" nannte der Sekretär im Umweltministerium, José Capobianco, die Satellitenbilder. Seine Chefin, Ministerin Silva, sagte: "Wir werden nicht tatenlos zuschauen." Silva erntete bis zum 18. Lebensjahr Kautschuk im Urwald, danach wurde sie Umweltaktivistin. Sie war mit dem Präsidenten über Umweltfragen bereits öfter in Streit geraten.

Nun war selbst Lula schockiert. Er berief noch am Donnerstag eine Krisensitzung der Minister ein, um Gegenmaßnahmen zu beraten. So soll verboten werden, illegal geschlagenes Holz zu transportieren und zu verkaufen. Umweltverbände fordern, die Regierung müsse endlich Kreditsperren über Plantagenbesitzer verhängen, die illegal abholzen. Seit 1970 hat der Amazonas 700.000 Quadratkilometer Wald verloren. Das entspricht nahezu der zweifachen Fläche Deutschlands.

Das größte Dschungelgebiet der Welt gilt als "Lunge der Erde".