bedeckt München 32°

Pharmaindustrie:US-Arzneimittelbehörde lässt neues Alzheimer-Medikament zu

US-Arzneimittelbehörde lässt Alzheimer-Medikament zu

Der Nutzen des Medikaments Aducanumab sei größer als die möglichen Risiken, sagt die US-Arzneimittelbehörde FDA.

(Foto: David A. White/dpa)

Der Wirkstoff Aducanumab ist umstritten. Ein internes Beratergremium hatte Bedenken angemeldet, weil die wissenschaftlichen Studien kein eindeutiges Ergebnis zeigen.

Trotz umstrittener Wirksamkeit hat die US-Arzneimittelbehörde FDA ein neues Alzheimer-Medikament zugelassen. Der Wirkstoff Aducanumab sei die erste neuartige Behandlungsmethode gegen die neurodegenerative Erkrankung, die seit 2003 zugelassen worden sei, teilte die FDA am Montag mit. Das vom US-Biotechnologiekonzern Biogen entwickelte Medikament soll Patienten mit Alzheimer im Frühstadium als monatliche Infusion gegeben werden und den Abbau der Geisteskraft stoppen. Es ist damit auch der erste in den USA zugelassene Wirkstoff, der dem Fortschritt der Krankheit und nicht nur Symptomen entgegenwirken soll.

Wie gut Aducanumab wirkt, ist allerdings umstritten: Ein internes Beratergremium der FDA hatte sich gegen die Zulassung ausgesprochen, mehrere Wissenschaftler sich öffentlich skeptisch geäußert. Zahlreiche Patientenorganisationen hatten sich jedoch für die Zulassung stark gemacht.

2019 waren zwei klinische Studien zur Erprobung von Aducanumab, das unter dem Namen Aduhelm vermarktet wird, wegen fehlender Aussicht auf Erfolg abgebrochen worden. Analysen eines unabhängigen Expertengremiums hätten gezeigt, dass der getestete Antikörper nicht wie erhofft den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit bremst, hatte Biogen damals mitgeteilt. Vorangegangene Untersuchungen hatten zunächst vielversprechende Ergebnisse geliefert - Eiweißablagerungen, die bei Alzheimer-Patienten im Gehirn zu finden sind, schienen sich zu reduzieren, die Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit schien sich zu verlangsamen.

Der Hersteller bemüht sich auch um eine EU-Zulassung

"Wir sind uns der Aufmerksamkeit rund um diese Zulassung sehr bewusst", hieß es nun von der FDA. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass der Nutzen von Aducanumab größer sei als die Risiken. Der Wirkstoff werde nun weiter genau beobachtet werden, zudem müsse der Hersteller weitere Studien vornehmen. "Wenn der Wirkstoff nicht so wirkt wie vorgesehen, können wir Schritte unternehmen, um ihn wieder vom Markt zu holen", so die FDA. Hersteller Biogen bemüht sich auch um eine Zulassung in der EU. Ein entsprechender Antrag wurde im Oktober 2020 bei der europäischen Arzneimittelagentur EMA gestellt.

Etwa 30 Millionen Menschen weltweit leiden unter Alzheimer - allein in Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz, der Großteil von ihnen hat Alzheimer. Es gibt nur sehr wenige Behandlungsmethoden. Biogen hat noch keine Preisvorstellung für Aducanumab veröffentlicht, Beobachter erwarten aber, dass das Medikament sehr profitabel für den Hersteller sein könnte.

Alzheimer-Patienten verlieren innerhalb von Jahren geistige Fähigkeiten und verändern sich in ihrer Persönlichkeit. Die Erkrankung führt in der Regel zu Hilflosigkeit und schwerster Bedürftigkeit - sowohl in psychischer als auch in körperlicher Hinsicht. Viele erkennen ihre Angehörigen nicht mehr, manche werden aggressiv.

Bei der Erkrankung sterben Hirnzellen ab. Es ist unklar, was genau im Gehirn passiert. Eiweißfragmente (Amyloid-Peptide) lagern sich im Hirn ab. Die Zellen schaffen es nicht, diese Ablagerungen loszuwerden. Sie stören die Reizübertragung zwischen Hirnzellen und machen sie so funktionsuntüchtig. Es gibt weder eine vorbeugende Impfung noch ein Heilmittel gegen Alzheimer. Medikamente können die Beschwerden allenfalls hinauszögern oder etwas lindern. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, steigt mit dem Alter.

© SZ/dpa/olkl/jsa
Zur SZ-Startseite
Alzheimer

SZ PlusAlzheimer
:Stottern im Gehirn

Die Diagnose Alzheimer können Ärzte heute meist schon Jahre vor Ausbruch der Krankheit stellen. Doch was lässt sich tun - und wie lebt man mit dem Wissen, dass das Vergessen naht?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB