"AlphaGo":Die Maschine ist unbesiegbar

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Chinese Go player Ke Jie reacts during his second match against Google's artificial intelligence program AlphaGo at the Future of Go Summit in Wuzhen

Der chinesische Go-Spieler Ke Jie verzweifelt an seinem Gegner, der Software "Alpha-Go".

(Foto: REUTERS)

Die Software "Alpha-Go" hat innerhalb kürzester Zeit sämtliche "Go"-Profis überflügelt. Jetzt soll das Programm größere Probleme der Menschheit lösen.

Von Patrick Illinger

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Diese von Sportlern oft missachtete Weisheit befolgt nun eine Software namens Alpha-Go: den Einstieg in ein Leben nach den großen Siegen. Das auf künstlicher Intelligenz basierende Programm hat alles gewonnen, was es in seiner Disziplin, dem asiatischen Brettspiel Go, zu gewinnen gab. Nun soll das digitale Wunderwerk neue Aufgaben bekommen, sagt dessen Entwickler Demis Hassabis, der seine Firma und sein Wissen bereits an den Software-Giganten Google verkauft hat.

Zuletzt fegte Hassabis' Software die Nummer eins der Go-Weltrangliste, den Chinesen Ke Jie, vom Brett. Bereits im vergangenen Jahr ging ein Match gegen den koreanischen Großmeister Lee Sedol 4 : 1 für die Maschine aus. Und auch im Team konnten fünf Weltklassespieler Alpha-Go nicht bezwingen. Pikant an der Niederlage von Ke Jie vor wenigen Tagen war der kläglich fehlgeschlagene Versuch des menschlichen Spielers, bereits mit den ersten Spielzügen taktisches Neuland zu betreten, in der Hoffnung die Maschine zu verwirren. Alpha-Go reagierte unbeeindruckt - und unbesiegbar.

Nachdem das Computerprogramm Deep Blue vor 20 Jahren die Herrschaft im Schach übernommen hat, gibt es in spielerischer Hinsicht nun nichts mehr zu gewinnen für Computerprogramme, die heute mit neuronalen Netzen und selbstlernenden Algorithmen Prinzipien biologischer Gehirne nachahmen und mit der Kernkompetenz eines Elektronenhirns verbinden: dem Verdauen unvorstellbarer Datenmengen. Eine Software namens Libratus hat zudem vor wenigen Monaten bewiesen, dass Computer nicht nur Brettspiele beherrschen, wo das zu lösende Problem vollständig sichtbar ist, sondern auch mit unvollständiger Information besser umgehen als der Mensch: beim Poker, wo es verdeckte Karten gibt.

Die für Alpha-Go entwickelte Technik soll nun "Wissenschaftlern helfen, einige unserer größten Probleme anzupacken, etwa neue Krankheitstherapien zu finden, den Energieverbrauch zu reduzieren und revolutionäre neue Materialien zu erfinden", teilt der Entwickler Hassabis mit. Als Aufgabe bietet sich vieles an, das menschliche Gehirne - auch in Teamarbeit - nur unbefriedigend lösen: die Steuerung von Energienetzen und Transportwegen ebenso wie das Aufspüren neuer medizinischer Wirkstoffe, bei denen heutige Labore noch viel mit Versuch und Irrtum arbeiten.

Kritiker befürchten jedoch auch weniger gemeinnützige Einsatzmöglichkeiten der Go-Software, zumal der Mutterkonzern Google letztendlich davon lebt, Daten und Verhalten von Menschen zu erfassen, um Menschen zu beeinflussen - etwa zum Kauf bestimmter Produkte oder was auch immer einer intelligenten Software dazu noch einfällt.

Die überragenden Fähigkeiten erlangte Alpha-Go übrigens nur anfangs durch das Nachahmen menschlicher Strategien. Später begann die Software Myriaden von Zugfolgen gegen sich selbst zu spielen. Das erinnert stark an Stefan Zweigs Schachnovelle, in der einer der Protagonisten, Dr. B., zum Schach-Meister wird, weil er in Isolationshaft ständig Partien im Kopf spielt, mit der linken gegen die rechte Gehirnhälfte. Zumindest diese Geschichte endet im totalen Wahnsinn.

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