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Allergien:Heuschnupfen von der Straße

Die Umweltverschmutzung trägt dazu bei, dass die Zahl der Allergiepatienten zugenommen hat. Insbesondere bei Kindern erhöht dreckige Luft das Risiko.

Allergien gelten als neue Pest. Die Zahl derer, die unter ihnen leiden, hat vor allem in den 1990er-Jahren rapide zugenommen und sich auf hohem Niveau stabilisiert. Irgendwie muss der moderne Lebensstil zu dieser modernen Seuche beitragen, da sind Experten längst einig.

Kinder, die näher als 50 Meter an einer stark befahrenen Straße aufwachsen, entwickeln etwa eineinhalbmal so häufig eine Allergie wie Kinder, die sauberere Luft atmen.

(Foto: Foto: ddp)

Dass auch die Luftverschmutzung ihren Anteil daran hat, berichtet jetzt ein Team um Joachim Heinrich und Erich Wichmann vom Helmholtz-Zentrum München, der früheren GSF (American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, Bd.177, S.1331, 2008).

Die Forscher konnten damit ein gutes Stück Klarheit in eine alte Diskussion bringen. Bisher war es nicht zweifelsfrei gelungen, der Luftverschmutzung eine Mitschuld an der Allergie-Explosion zu geben.

Die Helmholtz-Forscher untersuchten nun aber mehr als 3000 Münchner Kinder von Geburt an bis zur Einschulung; sie nahmen ihnen Blut ab, fragten die Eltern nach Krankheiten ihrer Sprösslinge - und bestimmten mit Hilfe eines Computermodells die Schadstoffbelastung der Luft an der Wohnadresse.

Dabei zeigte sich: Kinder, die näher als 50 Meter an einer stark befahrenen Straße aufwachsen, entwickeln etwa eineinhalbmal so häufig eine Allergie wie Kinder, die sauberere Luft atmen. Die gefährdeten Kinder mussten aber keineswegs direkt an einer Autobahn oder Ausfahrtstraße wohnen, betont Joachim Heinrich: "Es geht um Straßen, über die etwa 10.000 Fahrzeuge und mehr pro Tag fahren, das ist nicht überragend viel."

In der Folge hatten die Kinder nicht nur mehr Asthma und Bronchitis, wie angesichts dreckiger Luft zu erwarten wäre; sie litten auch häufiger unter Ekzemen und Heuschnupfen. Eine Erklärung dafür ist, dass die schmutzige Luft die Pollen von Bäumen aggressiver macht.

Dass manche Straßenstaub-Studien schon anderes feststellten, erklärt sich Heinrich wie folgt: "Es waren meist keine Langzeituntersuchungen. Bis die Symptome auftreten, können aber Jahre vergehen." Heinrichs Studie steht im Einklang mit Erfahrungen aus den Niederlanden, wo 4100 Babys schon im Mutterleib erfasst wurden. Als Vierjährige hatten die Hauptstraßen-Anwohner ein ähnlich erhöhtes Asthma- und Allergierisiko wie die Münchner Kinder.

"Es handelt sich um bemerkenswerte Befunde", sagt Gerhard Schultze-Werninghaus, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie. "Wir sollten die Luftbelastung weiter im Auge behalten." Immerhin leide heute schon jedes dritte Schulkind unter Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis.

Dazu trügen aber auch andere Faktoren bei, sagt Schultze-Werninghaus. So hatten Kinder in der DDR trotz der stärkeren Luftverschmutzung seltener Allergien als im Westen - wahrscheinlich weil sie in Krippen gingen und dort schon früh mit Krankheitserregern konfrontiert wurden. Eine klinisch reine Umgebung tut der Entwicklung des Immunsystems nämlich auch nicht gut: Kinder vom Bauernhof haben erheblich seltener Allergien als Gleichaltrige aus der Stadt.

Familien, die an befahrenen Straßen wohnen, können aber meist nicht frei wählen, sagt Heinrich. Er fordert die Politik daher auf, die Feinstaub-Grenzwerte soweit abzusenken, wie es Experten ursprünglich empfahlen. "Die Politik hat ihre Pläne immer weiter aufgeweicht", kritisiert er. "Unsere Daten sollten eine Mahnung sein."

© SZ vom 02.07.2008/mcs
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