bedeckt München 14°

Alleinerziehende:Wenn dem Kind der Vater fehlt

Die späte Erkenntnis: Väter sind wichtig

Zwei, die zusammen gehören: Teilnehmern der bundesweit ersten Vater-Kind-Kur der Caritas.

(Foto: Foto: dpa)

Eine Vaterfigur, glauben Psychoanalytiker, sei notwendig, um sich irgendwann von der Mutter zu distanzieren und eine eigene Geschlechtsidentität zu entwickeln. Väter gehen mit ihren Kindern auch körperlich anders um, fordern die Kinder heraus, unterstützen Selbstständigkeit. "Man hat lange gebraucht, bis man verstanden hatte, dass die Andersartigkeit der Väter wichtig ist", sagt Inge Seiffge-Krenke, Entwicklungspsychologin an der Universität Mainz.

Die Jungen mit zu wenig männlichem Zuspruch "fühlen sich langsam umzingelt", glaubt Matthias Franz. "Das kann zu hypermaskulinen Verhaltensweisen führen." Er verweist auf aggressive Vorbilder, mit denen vaterlose Jungen von Kino und Fernsehen zielgruppengerecht gefüttert würden. Zahllose Filme liefen nach dem selben Muster ab: "Da lernen immer starke Männer kleine Jungs an. Das sind idealisierte Ersatzpapas."

Seelisch stabile Kinder verkraften die Trennung

Rotraud Erhard, die in Österreich Studien zum Thema ausgewertet hat, warnt aber davor, mit nur einem Elternteil Aufgewachsene pauschal als bedroht zu anzusehen. Seelisch stabile Kinder kämen mit der Situation zurecht: "Wenn solche Kinder mit einer intakten Vaterbeziehung aufwachsen, ist das eher ein Bonus." Und schon die Anwesenheit eines Stiefvaters oder häufige Besuche nach einer Scheidung könnten helfen.

Dennoch, so Epidemiologe Franz, sei mehr Unterstützung für Alleinerziehende geboten. Wirtschaftliche Not und Isolation könnten diese unfähig machen, ihre Kinder zu erziehen: "Wer depressiv ist, kann sich nicht in sein Kind einfühlen - der braucht selbst Unterstützung." Alleinerziehende sollten schon in der Geburtsklinik Hilfsangebote bekommen.

Arbeitsplatz Kindergarten - auch was für Männer

Der Mangel an männlichen Bezugspersonen kann so aber nicht ganz ausgeglichen werden. In einer Forderung stimmen daher alle Experten überein: "Mehr Männer in die Kindergärten!" Wie man das erreicht, machen die Skandinavier vor: "Diese Berufe dürfen für Männer finanziell und vom Image her nicht so unattraktiv sein", sagt Ulrike Lehmkuhl.

Die Folgen sollten nach den neuen Ergebnissen auch Krankenkassen interessieren, betont Franz. Die Gesellschaft müsse sich zusammentun, um Schäden und damit Kosten durch Vaterlosigkeit vorzubeugen: "Das Ganze hat eine volkswirtschaftliche Dimension."

© SZ vom 10.9.2004
Zur SZ-Startseite