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Mileva Marić:Die Ehe zwischen Mileva und Albert steht unter keinem guten Stern

Mehrere Autoren, allen voran Desanka Trbuhović-Gjurić in ihrer 1969 auf Serbisch erschienenen Mileva-Biografie "Im Schatten Albert Einsteins", verorten in dieser Zeit eine intensive fachliche Zusammenarbeit von Mileva und Albert, die unter anderem in die Spezielle Relativitätstheorie gemündet haben soll. Dafür gibt es Hinweise: In Briefen an Mileva schreibt Einstein mehrfach "unsere Arbeit über die Relativbewegung" oder von "unserem Artikel". In ihren eigenen Briefen an ihre Freundin Helene Kaufler-Savić spricht sie von diesen Arbeiten aber nur als Alberts, auf den sie sehr stolz sei. Warum hätte sie ihren Beitrag verschweigen sollen?

Anfang 1902 bringt Mileva in einer schweren Geburt in Novi Sad eine Tochter zur Welt. Dieser Umstand wurde erst 1986 bekannt, als in einem Tresor in Berkeley 500 Briefe von und an Albert Einstein auftauchten. Darin wird das Mädchen "Lieserl" genannt. Einige Monate später kehrt Mileva in die Schweiz zurück, allein. Im Herbst 1903 reist Mileva nochmals nach Novi Sad, wohl um Lieserls Adoption vorzubereiten. Während sie dort ist, bekommt das Mädchen Scharlach. Danach verliert sich ihre Spur. Ob sie wie geplant adoptiert wurde oder am Scharlach starb, ist bis heute ungeklärt. Aber auf Milevas Leben legte sich ein Schatten, Albert hat seine Tochter wohl nie kennengelernt.

Immerhin sind Albert und Mileva inzwischen verheiratet, auch wenn der Gatte später schreibt, das sei mit "innerem Widerstreben" und "nur aus Pflichtgefühl" geschehen. Die Ehe steht unter keinem guten Stern. Albert erlebt 1905 sein Annus Mirabilis, in dem er einen bahnbrechenden Artikel nach dem anderen veröffentlicht - unter anderem die Spezielle Relativitätstheorie - und wird immer berühmter. Mileva kümmert sich um den Haushalt und bekommt die Söhne Hans Albert und Eduard. Ihr Mann ist anfangs noch recht zufrieden: "Sie sorgt ausgezeichnet für alles, kocht gut und ist immer vergnügt." Mileva hingegen klagt in Briefen an Kaufler-Savić, dass sie fast nichts mehr von Albert zu sehen bekommt, weil er nur mit seiner Arbeit beschäftigt sei. Sie, die einst so ehrgeizig war, findet sich in einer einsamen Hausfrauenrolle wieder.

"Wie eine Angestellte, die ich nicht entlassen kann"

Einige Jahre später ist die Ehe am Boden. In einem Schreiben von 1914 stellt Albert Mileva schließlich Bedingungen, unter denen er bereit wäre, auf seinem neuen Posten in Berlin mit ihr zusammenzuwohnen: Sie soll dafür sorgen, dass Kleider und Wäsche in Stand gehalten werden und dass er drei Mahlzeiten "ordnungsgemäß" vorgesetzt bekommt, sowie jede an ihn gerichtete Rede sofort unterbrechen, wenn er darum ersucht. Mileva willigt zunächst ein, reist wenig später aber doch mit beiden Söhnen zurück nach Zürich und bleibt dort. Einstein hat da schon lange eine Affäre mit seiner Cousine Elsa, die er später heiratet. Über Mileva lästert er mit Elsa; er behandle sie "wie eine Angestellte, die ich nicht entlassen kann".

Auch in den folgenden Jahren bleibt das Verhältnis zu seiner ersten Familie schwierig. Am 24. Oktober 1925 schreibt Albert an Mileva: "Meine Heiterkeit aber hast du entfesselt, indem du mir mit deinen Memoiren drohst (...) wenn man eine Null ist, so ist nichts dagegen einzuwenden, aber man soll schön bescheiden sein und das Maul halten. Das rate ich dir." Mit seinem älteren Sohn Hans Albert, der Ingenieur und Professor an der University of California wurde, überwarf er sich wegen dessen Freundin und späterer Frau Frieda: Er hält sie für zu alt und wegen ihres Kleinwuchses für genetisch minderwertig, wie der Publizist Jürgen Neffe in seiner Einstein-Biografie schreibt. An seinen damals sechzehnjährigen, psychisch labilen Sohn Eduard, Tete genannt, schreibt Einstein 1925: "Die Verschlechterung der Rasse ist gewiss etwas Übles, eines der schlimmsten Dinge. Deshalb kann ich Albert seine Sünde nicht vergessen." Im selben Brief sorgt er sich, dass auch Mileva genetisch vorbelastet sein könnte: "Glaubst du, dass dein Vater da gesündigt hat?

Vielleicht. Dann vergib mir deine Existenz." Wer sich so aufführt, dem traut man ohne Weiteres zu, seine Frau eiskalt um die wissenschaftliche Anerkennung zu betrügen. Aber die Indizien dafür sind dürftig. So sollen Bekannte und Verwandte die beiden bei langen wissenschaftlichen Diskussionen beobachtet haben; Mileva soll in Bern nachts nach der Hausarbeit noch an den mathematischen Problemen ihres Mannes gesessen haben. Diese Berichte sind allerdings nie aus erster Hand, teils inkonsistent. Zudem ist die Geschichte fachlich fragwürdig: Sie beruht auf der Annahme, dass Mileva als die bessere Mathematikerin Einstein geholfen habe. Aber die Mathematik der Speziellen Relativitätstheorie ist sehr einfach; die physikalischen Ideen sind es nicht. Wenn Einstein mit diesen Rechnungen Schwierigkeiten gehabt hätte, wäre die spätere Allgemeine Relativitätstheorie weit außerhalb seiner Reichweite gewesen.

Vielleicht steht Mileva also nicht für die betrogene Forscherin. Vielleicht ist ihre Geschichte einfach nur das ganz normale Drama einer Frau, der ihre Zeit kaum eine Chance gegeben hat. Das macht die Sache banaler. Aber nicht weniger traurig, und nicht weniger unfair.

© SZ vom 20.04.2019/cvei
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