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Agrarwende:"Vielfalt kann man schützen, indem man sie nutzt"

Die Bauern müssen also kleinteiliger wirtschaften, auch um der Vielfalt willen. "Vielfalt kann man schützen, indem man sie nutzt", sagt Kristina Bette. Dass manche Pflanzen überhaupt noch da sind, sei in vielen Fällen den kleinen, mittelständischen Pflanzenzüchtern zu verdanken. Es wird zwar keine Lösung sein, nur noch alte Kartoffelsorten oder Getreide anzubauen. Die genetische Ressource der oft sehr robusten, gegen Krankheiten und Witterungen beständigen Sorten ist für die Züchtung aber von unschätzbarem Wert.

Zugleich stellt sich die Frage, wofür die Flächen genutzt werden. Viele dienen nicht einmal mehr der indirekten Nahrungsmittelproduktion von Fleisch, sondern der Produktion von Biosprit. "In Zeiten der Bioökonomie verschärft sich die Konkurrenz um die begrenzten Flächen", sagt Kristina Bette. Sie sieht aber nicht nur in der Konkurrenz zwischen Mensch, Vieh und Auto ein Problem. Immer mehr Fläche wird versiegelt, um Solaranlagen aufzustellen, Industrien anzusiedeln, Wohnraum zu schaffen. "Wenn die Fläche knapp ist, wird die Bodenanpassung an verschiedene Ackerfrüchte umso wichtiger", sagt Bette.

Wirklich effizient wird sie aber nur mithilfe der Digitalisierung sein. Landwirtschaft 4.0, Precision oder Smart Farming lauten die Stichworte. Dank GPS und aufwendiger Sensorik können moderne Landmaschinen heute selbst kleine Flurstücke individuell bewirtschaften und Dünger wie Pflanzenschutzmittel exakt dosieren. "Diese Systeme bestimmen punktgenau, wie der Boden beschaffen ist, sie können Hanglagen erkennen und den Bedarf einzelner Pflanzen an Nährstoffen messen", sagt Bette. Auch ein kleinteiliger sogenannter Streifen- oder Konturanbau werde möglich.

"Die Digitalisierung der Landwirtschaft sollte in der öffentlichen Hand bleiben."

Doch bislang sind es vor allem große Konzerne wie Monsanto oder BASF, die solche Systeme mit dem nötigen Tempo entwickeln und im Paket mit Saatgut und Pestiziden anbieten. Dabei gibt es längst Bestrebungen, Geodaten aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen und Open-Source-Lösungen zu schaffen, die nach Bedarf und ohne Abhängigkeiten von den Bauern genutzt werden können. "Wir müssen diese Chance nutzen", sagt Kristina Bette. "Die Digitalisierung der Landwirtschaft sollte in der öffentlichen Hand bleiben."

Es ist auch mehr Forschung nötig, um zu sehen, wie man an all den Schrauben am besten dreht. Zumal sich ein Großteil der Wissenschaft derzeit auf den Acker konzentriert, nicht aber auf den Verbrauch. Niggli nennt ein Beispiel. "Wir haben kaum Wissenschaftler, welche sich mit der Vermeidung oder der Nutzung von Lebensmittelabfällen beschäftigen", sagt der Biolandbau-Experte. Er glaubt, dass sich Konzepte und Lösungen entwickeln ließen. "Wie zum Beispiel die Veredlung von Lebensmittelabfällen mithilfe von Insektenlarven zu vollwertigem Futterprotein als Sojaersatz."

Dass es an der Forschung liege, wenn nichts passiert, kann Niggli jedoch nicht erkennen. "Was grundsätzlich ein Problem ist: Wir wissen schon sehr viel, aber die Politik ist meist nicht mutig, neue Wege zu gehen", stellt Niggli fest. "Mehr Forschung zu fordern, ist oft auch eine Ausrede dafür, dass man nicht handeln muss."

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