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Agrartechnik:Wer einmal sonnengereifte Tomaten probiert hat, will sie immer wieder essen

Das Familienunternehmen wurde 1946 gegründet und baute zunächst Trauben und Gemüse in einfachen, mit Kohle beheizten Gewächshäusern an, Kohl und Rhabarber wuchsen unter freiem Himmel. Das vom Golfstrom beeinflusste, sonnig-milde Klima und ein fruchtbarer Lehmboden, der von Torf befreit und mit Sand aufgeschüttet wurde, hatten den Gartenbau entlang der niederländischen Küste vom 16. Jahrhundert an langsam gedeihen lassen. In Westland entstanden die ersten Gewächshäuser Anfang des 20. Jahrhunderts, auch hier wurden zunächst vor allem Weintrauben angebaut. Doch als Griechenland 1961 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitrat, mussten sich die Züchter in Westland neu orientieren. Im Mittelmeerraum wuchsen die Trauben kostengünstiger. Also schwenkten sie auf eine Schönwetterfrucht um, die einst die Seefahrer aus Südamerika mitgebracht hatten: die Tomate.

Als Jos Looije, der heutige Geschäftsführer und Miteigentümer von Looye, nach der Agrarschule in den Betrieb des Vaters einstieg, beschloss er, sich ganz auf den Anbau von Tomaten für den Export zu konzentrieren. Bereits in den 1970er-Jahren ließ er größere Gewächshäuser bauen. Er setzte auf die Nachfrage aus Deutschland, in dem damals Supermarkt- und Discounter-Ketten zunehmend mit frischem Obst und Gemüse um Kunden warben. Immer mehr Verbraucher ließen sich verführen, Tomaten auch jenseits der Hauptsaison von Mai bis September einzukaufen.

Um der Verhandlungsmacht der Einzelhändler entgegenzutreten, hatten sich die Tomatenanbauer aus Westland damals in ein paar wenigen Erzeugergemeinschaften organisiert. Sie alle züchteten die gleiche Sorte loser Strauchtomaten. Preisschwankungen auf dem Markt glichen die Genossenschaften mit Effizienzsteigerungen aus. Doch über die Menschen, die ihre Tomaten kauften, wussten sie nichts. Mitte der 1990er-Jahre war die Lieferkette so heiß gelaufen, dass sich tonnenweise grüne Tomaten von der Versteigerung auf den Weg nach Deutschland machten und irgendwann den Ruf der Frucht ruinierten.

Den deutschen Begriff Wasserbombe kennt in Westland seitdem jedes Kind. Auch der promovierte Biologe Wouter Verkerke, der für die Universität Wageningen eine Abteilung zur Qualitätskontrolle von Gemüse aufbaut. Seinerzeit berichteten deutsche Medien monatelang über aufgeblähte, wässrige, geschmacklose Tomaten aus Westland. Ihr Image war auf lange Zeit dahin. Den Absatz konnten die Holländer jahrelang gerade noch konstant halten, indem sie im großen Stil Tomaten aus Spanien importierten und nach Deutschland weiterreichten.

"Wir hatten gerade damit begonnen, Methoden zur Verbesserung des Tomatengeschmacks zu entwickeln. Wegen der negativen Berichterstattung hatten wir natürlich die Aufmerksamkeit der Branche. Sie war in gewisser Weise ein gefundenes Fressen für uns", sagt Verkerke, der rotblonde Restlocken auf dem Kopf und eine Krawatte mit Blumenmuster trägt: Nun war endgültig klar, wie wichtig seine Forschung ist. Im Universitätsinstitut in Bleiswijk, einer Kleinstadt an der Autobahn Richtung Utrecht, setzen die Züchter ihr Gemüse den Verbrauchern vor. Es ist der letzte Schritt in der langwierigen und kostspieligen Entwicklung neuer Sorten. Bei der Gemüsesaatgutsparte von Bayer, dauert es 15 Jahre, bis eine Tomatensorte marktfertig ist. Nach einem etwa zehnjährigen Prozess des Kreuzens und Selektierens werden aus dem Saatgut Pflanzen herangezogen, die erst in eigenen Demo-Gewächshäusern, später in den Zuchtbetrieben unter Realbedingungen kultiviert werden.

Die Gläserne Stadt

Nachts leuchtet der Himmel - vom orangenen Licht der Blumenzüchter und dem magentafarbenen Licht der Gewächshäuser.

(Foto: Jan Richard Heinicke)

Deshalb wachsen im Ort 's-Gravenzande in einem Glashaus unweit des Strands in drei Reihen Tomaten aus Samen der Marke Nunhems unter rotem LED-Licht, das für besonders schnelles Wachstum sorgen soll. Polnische Pflückerinnen streifen ausgelassen vorbei, sie haben Feierabend. Dabei ist ihre berufliche Zukunft ungewiss: Pflückroboter für die empfindliche Ernte werden bereits getestet. Tom Koot, großgewachsener Sohn eines Tomatenbauern aus Westland und bei Bayer Spezialist für den Anbau von Gurken, streicht über noch grüne Birnentomaten und nickt zufrieden: "Die hier könnten etwas werden."

In Bleiswijk führt Wouter Verkerke in eine Laborküche, in dem eine Mitarbeiterin gerade Bohnensorten durch den Mixer jagt. Den Saft bekommen Experten vorgesetzt. Sie sollen den Geschmack in seinen Nuancen bestimmen. In angrenzenden Kabinen werden anderntags Bürger aus Bleiswijk sitzen, um ihr Urteil über die Bohnen abzugeben. In einem weiteren Zimmer ist die Gemüseabteilung eines Supermarkts nachgebildet. Hier sollen die Probanden sehen, fühlen, vergleichen. Aus den erhobenen Daten und Labormessungen, etwa des Saft- und des Fruchtzuckergehalts, haben die Wissenschaftler ein Vorhersagemodell entwickelt, das für die Zuchtbetriebe auf die wichtigste Frage hinausläuft: Würden die Kunden ihre Tomaten kaufen?

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