Agrartechnik Tüfteln an der perfekten Tomate

Wachsen im künstlichen Ökosystem: Tomaten im Gewächshaus der Firma Looye.

(Foto: Lukas Ondreka)

In niederländischen Gewächshäusern arbeiten Agrar-Ingenieure am Gemüse der Zukunft. Die Technologie wird mittlerweile erfolgreicher exportiert als das Essen selbst.

Von Christoph Dorner und Jan Richard Heinicke (Fotos)

Die Sicherheitsschleuse surrt nach oben und gibt den Blick frei auf eine blendend optimierte Welt unter Glas. Erst ist da der Rausch der Farben: die Dusche weißen Lichts, das Grün einer Wand aus Pflanzen mit roten Punkten. Dann spürt man unter dem Schutzanzug die Wärme von 22 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent. Dass draußen unter den grauen Wolken ein stürmischer Meereswind bläst, spielt hier drinnen genauso wenig eine Rolle wie der Wechsel der Jahreszeiten. In dem sechs Meter hohen und 6,6 Hektar großen Gewächshaus in Looye recken sich, Reihe für Reihe, Tomatenpflanzen dem Licht entgegen.

Bis zu 15 Meter können sie lang werden, ihre muskulös wirkenden Stämme winden sich horizontal über dem Boden wie DNA-Stränge. Die Pflanzen wurzeln in einem Substrat aus keimfreier Steinwolle, das über eine Art Nabelschnur mit Wasser und einer Nährstofflösung versorgt wird. Aus einer Leitung am Boden strömt Kohlenstoffdioxid, um das Wachstum zu beschleunigen. Dass die Naturkräfte einer technisierten und damit ausbeuterischen Landwirtschaft auch noch freiwillig zuarbeiten, hat Karl Marx schon vor mehr als 150 Jahren verblüfft notiert. Die Fotosynthese der Tomatenpflanzen, sie funktioniert auch im Gewächshaus noch ganz automatisch.

An diesem Vormittag im Januar haben auch die Dunklen Erdhummeln ihre Schicht gerade begonnen. Sie taumeln brummend zwischen den Blüten umher. Sie sind beim Bestäuben doppelt so effizient wie Honigbienen. Am Nachmittag werden die Kolonien über ein Flugloch in Kästen mit Zuckerlösung zurückkehren, die an genau berechneten Stellen im Gewächshaus angebracht sind. Die gezüchteten Hummeln sind nur die augenfälligsten Vertreter einer Heerschar an Insekten, die es mit Schädlingen wie der Weißen Fliege, Läusen oder Spinnmilben aufnimmt.

Es ist ein Ökosystem, in dem nichts dem Zufall überlassen wird. Von Menschenhand werden nur die Rispen mit den reifen Tomaten abgeschnitten und die Blüten und Triebe kontrolliert. Die Agraringenieure, die Pflanzenwachstum und Binnenklima überwachen, schlafen abends mit einem Kontrollblick auf die Daten in ihrem Smartphone ein. "Manchmal kommen sie am Wochenende, um zu sehen, ob es ihren Pflanzen auch wirklich gut geht," sagt die deutsche Produktmanagerin, ehe sie mit hochgezogenen Schultern eine Pirouette hinlegt, um eine Hummel abzuschütteln.

Das Gewächshaus von Looye Kwekers steht an einem zweispurigen, von Lkws unablässig umrundeten Kreisverkehr in Westland. Die nur 90 Quadratkilometer große Küstengemeinde zwischen Den Haag und der Hafenstadt Rotterdam wird auch "De glazen stad" genannt: die gläserne Stadt. Hier werden auf knapp 2400 Hektar Tomaten, Paprika, Gurken, Blumen und Zierpflanzen unter Glas angebaut. Etwa 80 Prozent der ausgewiesenen Kulturfläche sind mit Gewächshäusern bedeckt - ein einmaliger Wert, selbst innerhalb des so dicht besiedelten Landes. Erst im Dezember hat die Kommune ein millionenschweres Programm aufgelegt, um durch die Umsiedlung von Wohnhäusern Platz für weitere Glashäuser zu schaffen. Dass die Niederlande hinter den USA zum zweitgrößten Exporteur von Agrarprodukten aufgestiegen ist, hat sie auch den Clusterstrukturen in Westland zu verdanken.

De glazen stad": Gewächshäuser bis zum Horizont

(Foto: Jan Richard Heinicke)

Zwischen dem Städtchen mit modernen Backsteinhäusern und ehemaligen Wasserwegen reihen sich klimatisierte Glaskästen mit Spitzdächern aneinander, die in den Morgenstunden und abends glühen wie Schatzkisten voller Gold in alten Trickfilmen. Daneben haben sich multinationale Saatgutproduzenten wie Bayer und Syngenta angesiedelt, Jungpflanzenzüchter, Verpackungs- und Logistikexperten sowie Firmen, die sich auf Gewächshaustechnologien spezialisiert haben. Sie alle tüfteln mit Unterstützung von Politik und Wissenschaft an der perfekten Tomate.

Am Mittelmeer wuchsen die Weintrauben billiger. Da musste eine Alternative her

Sie soll gesund, günstig und frisch sein, schmecken wie aus Mutters Garten und, wenn schon nicht biologisch, dann zumindest so nachhaltig wie möglich produziert sein. Die Verbraucher wünschen sich die Quadratur des Kreises. Und die Holländer versuchen zu liefern. Allein mit Tomaten für die deutschen Nachbarn setzten sie zuletzt 800 Millionen Euro im Jahr um. Dabei hat der Außenhandel mit Agrartechnologie das holländische Exportvolumen von Frischgemüse mittlerweile überflügelt. Es ist nicht mehr nur die Frucht, die sich auf teils irrwitzigen Handelswegen auf die Reise macht, sondern das Wissen der holländischen Gewächshausanbauer. Ihre Produktion gilt als die effizienteste der Welt.

Auch deshalb wird bei einer Reise nach Westland und an die Universität Wageningen, die als eine der wichtigsten landwirtschaftlichen Forschungseinrichtungen der Welt gilt, häufig das Jahr 2050 beschworen. Dann werden voraussichtlich 9,8 Milliarden Menschen auf der Erde leben, etwa 2,3 Milliarden mehr als heute. Um sie unter Vorzeichen eines fortschreitenden Klimawandels zu ernähren, müssen die Erträge massiv erhöht und der Verbrauch von Wasser und fossilen Brennstoffen zurückgefahren werden. Vor allem müsse sich die Gesellschaft endlich von ihrer romantischen Vorstellung von Landwirtschaft lösen, sagen Wissenschaftler. Wird die Zukunft der Welternährung so aussehen wie in dem Gewächshaus von Looye Kwekers?