Süddeutsche Zeitung

Tiere:Das Fresswunder

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Die riesigen, invasiven Aga-Kröten fressen in Australien Vögel, Mäuse, Hundefutter - und offenbar auch einander. Kann der Kannibalismus ihre Verbreitung eindämmen?

Von Tina Baier

Die Menschen in Australien haben so ziemlich alles versucht, um die Aga-Kröte loszuwerden: Sie erschlugen die giftigen Amphibien mit Golfschlägern, sie versuchten, sie mit Hilfe eines Virus unfruchtbar zu machen, und sie hetzten ihnen krötenfressende Fleischameisen auf den Hals. Nichts hat geholfen. Jahr für Jahr dringen die bis zu 22 Zentimeter langen und mehr als ein Kilogramm schweren Froschlurche etwa 40 Kilometer weiter in den Südwesten des Landes vor. Und es werden immer mehr: Aga-Kröten hocken in Swimmingpools und vor den Haustüren der Australier, wo sie Katzen- und Hundefutter fressen.

Fast scheint es, als ob den Tieren das alles selbst zu viel wurde. Jedenfalls begannen sie irgendwann damit, sich gegenseitig aufzufressen. Genauer gesagt, fressen Kaulquappen der Aga-Kröte Aga-Eier und kleinere Aga-Quappen. Oft wird so ein ganzes Gelege vernichtet, die Eier anderer Amphibienspezies bleiben dagegen meist verschont. Warum das so ist, war Biologen lange Zeit ein Rätsel. Australische Aga-Forscher haben jetzt herausgefunden, woran die Kaulquappen die Eier ihrer eigenen Art erkennen, die rein äußerlich denen vieler anderer Amphibienarten ähneln. Ihrer Studie zufolge, die im Wissenschaftsjournal Ecology and Evolution erschienen ist, werden die Kaulquappen zu Kannibalen, wenn sie mit einem Giftcocktail in Kontakt kommen, der in den Aga-Eiern, nicht aber in den Gelegen anderer Froschlurche enthalten ist.

In einem ersten Experiment setzte das Team um Michael Crossland von der University of Sydney Aga-Kaulquappen einzeln in Aquarien. In einem davon schwammen zehn Aga-Eier, in den anderen jeweils zehn Eier verschiedener anderer australischer Froschlurcharten. Nach drei bis vier Tagen schauten die Forscher nach, wie viele Eier beziehungsweise daraus geschlüpfte Tiere die Aga-Kaulquappe übriggelassen hatte. Die wenigsten Überlebenden gab es beim Aga-Nachwuchs. Zwar knabberten die Aga-Kaulquappen auch die Eier der anderen Amphibienarten an - aber nicht in einem statistisch relevanten Ausmaß, wie die Forscher in Ecology and Evolution schreiben.

Nur in Australien fressen sich Aga-Kröten gegenseitig

In einem zweiten Experiment setzten die Wissenschaftler Aga-Kaulquappen wieder in ein Aquarium mit Eiern der eigenen Art, versetzten das Wasser diesmal aber zusätzlich mit Bufo-Toxinen, derjenigen Giftmischung, die weibliche Aga-Kröten in ihren Eiern hinterlassen, um sie vor Fressfeinden zu schützen. Auf Aga-Kaulquappen hatte der Giftcocktail jedoch genau den gegenteiligen Effekt: Er regte den Appetit der Tiere dermaßen an, das von dem Gelege kaum etwas übrigblieb. Boten die Forscher den Aga-Kaulquappen Eier an, aus denen gerade junge Artgenossen schlüpften, kannibalisierten die Tiere ihre Verwandtschaft auch ohne zusätzliche Bufo-Toxine fast komplett. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass beim Schlüpfen der in den Eiern gespeicherte Toxin-Mix freigesetzt wird und so die Kaulquappen zu Kannibalen macht.

Erstaunlicherweise haben nur die Aga-Kröten in Australien einen Appetit auf Individuen der eigenen Spezies entwickelt. Tiere aus Mittel- und Südamerika, der ursprünglichen Heimat dieser Amphibien, sind keine Kannibalen - obwohl es sich um dieselbe Art handelt. Bis 1935 gab es in Australien gar keine Aga-Kröten. Dann wurden 110 Exemplare aus Venezuela auf den Kontinent eingeführt. Sie sollten in Queensland die Larven von Käfern fressen, die damals die Ernte auf den Zuckerrohrplantagen vernichteten. Das Experiment ging gründlich daneben: Die Schädlinge waren so ziemlich das einzige, was den Kröten nicht schmeckte.

Ansonsten verschlingen sie bis heute fast alles, was in ihr Maul passt, meistens als Ganzes: Insekten, Spinnen, Würmer und Schnecken, aber auch andere Amphibien, kleine Säugetiere und Vögel. Eine Spezialität der Aga-Kröte ist es, vor Bienenstöcken zu lauern und die mit Nektar und Pollen beladenen Arbeiterinnen abzufangen. Mittlerweile gibt es mehr als 200 Millionen Aga-Kröten in Australien - mit dramatischen Folgen für viele einheimische Arten. Andere Froschlurche zum Beispiel, von denen es in Australien etwa zweihundert verschiedene Spezies gibt. Einige von ihnen hat die Aga-Kröte fast vollständig verdrängt. Schätzungen zufolge gibt es heute in Australien mehr Aga-Kröten als alle Individuen der anderen Froschlurcharten zusammengerechnet.

Die Amphibien sind sich selbst zum Feind geworden

Aber auch größere Tiere sind durch die Aga-Kröte bedroht, weil sie sich an ihnen vergiften und sterben, wenn sie ihrerseits die Kröten fressen wollen. Einige Waran-Arten zum Beispiel sind aus bestimmten Regionen verschwunden, nachdem die Aga-Kröte dort eingewandert war. Und ehemals häufige Schlangenarten sind vielerorts selten geworden. Auch für Menschen sind Aga-Kröten giftig. Schon beim bloßen Kontakt mit der Haut kommt es zu starken Reizungen.

Dass die Tiere in Australien zu Kannibalen wurden, könnte nach Ansicht der Forscher damit zusammenhängen, dass sie sich dort viel stärker vermehren als in ihrer ursprünglichen Heimat. "Die Dichte der Aga-Kröten in Australien ist so viel höher als in ihren Herkunftsländern", sagt Michael Crossland. "Und bei extremer Dichte ist die Evolution von Kannibalismus wahrscheinlich."

Wenn zu viele Individuen einer Art auf engem Raum zusammenhocken - an Laichgewässern in Queensland haben Wissenschaftler zwischen 1000 und 2000 Kröten pro 100 Meter Uferlinie gezählt - , werden nämlich die Ressourcen knapp. In dieser Situation werden auch andere Tierarten zu Kannibalen. Mäuse und Hamster beispielsweise fressen ihren eigenen Nachwuchs auf, wenn sie sich zu stark vermehrt haben und Nahrungsmangel droht. Die Aga-Kröten in Australien scheinen also Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden zu sein, sie sind nun selbst ihr schlimmster Feind. Ihre gleichartigen Kontrahenten schalten die Amphibien mit dem aus, was sie am besten können: fressen.

Was die Autoren der aktuellen Studie beeindruckt, ist die Geschwindigkeit, mit der die Amphibien zu Kannibalen geworden sind. Die Fähigkeit der Kaulquappen, die Bufo-Toxine wahrzunehmen, die von den Eiern der eigenen Art vor allem während des Schlüpfens abgegeben werden, ist ihrer Ansicht nach im Erbgut der australischen Tiere festgelegt. Sollte das stimmen, wäre der Kannibalismus der Aga-Kröten auf dem Kontinent das Ergebnis eines Evolutionsprozesses. Allerdings eines äußerst rasanten, denn die Kröten sind ja erst vor 87 Jahren nach Australien gelangt. Im Vergleich zu anderen evolutionären Entwicklungen, die Jahrtausende oder sogar Jahrmillionen gedauert haben, ist das weniger als ein Wimpernschlag.

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