Virusausbruch:Lauterbach befürchtet neue Affenpocken-Fälle

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Virusausbruch: In Deutschland sind bisher vier Affenpocken-Fälle nachgewiesen worden.

In Deutschland sind bisher vier Affenpocken-Fälle nachgewiesen worden.

(Foto: Martin Bühler/dpa)

Zwar warnen Behörden vor einer Panik, die derzeit zu beobachtenden Ausbrüche sind dennoch ungewöhnlich. In Großbritannien gibt es bereits Quarantäne-Empfehlungen für Kontaktpersonen von Infizierten.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach fordert ein entschlossenes Vorgehen gegen die Verbreitung von Affenpocken. "Der weltweite Ausbruch der Affenpocken-Infektionen ist so ungewöhnlich, dass wir uns Sorgen machen müssen, ob er so abläuft wie frühere Affenpocken-Ausbrüche", sagte Lauterbach in Genf.

Lauterbachs Ministerium erwartet eine weitere Zunahme der Fälle in den kommenden Tagen. "Aufgrund der vielfältigen Kontakte der derzeit Infizierten ist in Europa und auch in Deutschland mit weiteren Erkrankungen zu rechnen", heißt es in einem Bericht für den Gesundheitsausschuss des Bundestages. Mit Stand von Montagnachmittag gibt es inzwischen fünf bestätigte Infektions- und Erkrankungsfälle in Deutschland - drei davon in Berlin, einen in München und einen in Baden-Württemberg. Proben weiterer Personen seien in Abklärung. Kontaktpersonen würden ermittelt.

Das Virus verursacht meist nur milde Symptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und Hautausschlag. Affenpocken können aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen, in Einzelfällen sind tödliche Erkrankungen möglich. Übertragen wird der Erreger vor allem über direkten Kontakt oder Kontakt zu kontaminierten Materialien. Affenpocken treten hauptsächlich in West- und Zentralafrika auf und nur sehr selten andernorts, was die gegenwärtigen Ausbrüche ungewöhnlich macht.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) betont, es bestehe kein Grund zur Panik, aber Grund zur Vorsicht, da viele wissenschaftliche Erkenntnisse über die Krankheit noch vorläufig seien. Nach Einschätzung von Expertinnen und Experten sei aber davon auszugehen, dass keine neue Pandemie zu befürchten sei. Die Gesundheitsverwaltung stehe in engem Austausch mit den Gesundheitsämtern, dem Robert Koch-Institut, der Charité und dem Bundesgesundheitsministerium, um die Berliner Bevölkerung bestmöglich vor dem Affenpockenvirus zu schützen.

Im Bericht des Bundesgesundheitsministeriums ist von einem "Geschehen mit internationaler Verbreitung" die Rede. In zahlreichen Ländern seien mehr als 130 bestätigte Fälle und Verdachtsfälle nachgewiesen, "Tendenz täglich steigend". Bisher sei bei den in Europa festgestellten Infektionen die westafrikanische Affenpocken-Variante nachgewiesen worden, weitere Genomanalysen liefen jedoch noch. Um mögliche Erkrankungen zu registrieren und die Weiterverbreitung zu verhindern, sollten diagnostizierte Infektionsfälle systematisch erfasst und isoliert werden. Diese sollten von Ärztinnen, Ärzten und Laboren gemäß dem Infektionsschutzgesetz gemeldet werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass bei der Verbreitung der Affenpocken wichtige Fragen noch ungeklärt seien. So sei noch offen, ob sich das seit mehr als 40 Jahren bekannte Virus verändert habe, sagten WHO-Fachleute am Montag in Genf. Die Art des Virus spreche momentan dagegen. "Sie tendieren dazu, sehr stabil zu sein", sagte die WHO-Expertin Rosamund Lewis. Sie wies darauf hin, dass die Impfung gegen Pocken, mit der diese Krankheit vor Jahrzehnten ausgerottet worden sei, zu 85 Prozent auch gegen die Affenpocken helfe. Außerdem sei der Impfstoff seitdem weiterentwickelt worden. Das Problem sei, dass er nicht in größeren Mengen verfügbar sei. Daher werde es darum gehen, welche Personengruppen so einen Schutz benötigten, hieß es.

"Das ist keine Krankheit von Schwulen", betont ein WHO-Experte

Die britische Gesundheitsbehörde UKHSA empfiehlt für enge Kontaktpersonen von Affenpocken-Infizierten eine dreiwöchige Quarantäne. Als hochwahrscheinlich infiziert gelte, wer entweder im selben Haushalt mit einer erkrankten Person lebe, mit einer solchen Geschlechtsverkehr gehabt oder deren Bettwäsche ohne Schutzkleidung gewechselt habe, hieß es in einer Mitteilung am Montag. Diese Gruppe soll demnach neben der Empfehlung zur Quarantäne auch eine schützende Pockenimpfung erhalten. Vermieden werden solle insbesondere der Kontakt mit Schwangeren, Kindern unter zwölf Jahren sowie Menschen mit unterdrücktem Immunsystem, heißt es weiter.

In Deutschland gibt es noch keine allgemeinen Empfehlungen für Kontaktpersonen von Affenpocken-Fällen. Lauterbach kündigt diese jedoch für Dienstag an. Man müsse jetzt schnell und hart reagieren, um einen globalen Ausbruch wieder einzudämmen, so der Gesundheitsminister. Darüber hinaus würden Vorbereitungen für die mögliche Beschaffung von Impfstoffen getroffen. "Eine Impfung der allgemeinen Bevölkerung ist hier nicht im Gespräch", sagte der SPD-Politiker.

Vielmehr werde über Impfempfehlungen für besonders gefährdete Personen nachgedacht. Zum jetzigen Zeitpunkt wisse man, dass sich in erster Linie Männer infizieren, die Sex mit anderen Männern gehabt haben. "Ich appelliere an all diejenigen, die insbesondere anonymen Sex mit Männern gehabt haben, dass man hier vorsichtig ist, auf entsprechende Hautveränderungen achtet, Fieber ernst nimmt und sich im Falle eins Verdachtes sehr schnell in entsprechende medizinische Behandlung begibt", sagte Lauterbach. Man müsse die Risikogruppen ehrlich ansprechen. Das sei zum Schutze dieser Gruppen und dürfe nicht falsch verstanden werden als Stigmatisierung.

Auch die WHO wandte sich gegen eine Stigmatisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen. "Das ist keine Krankheit von Schwulen", sagte WHO-Experte Andy Seale. Sexueller Kontakt sei eine Übertragungsmöglichkeit, aber es reiche auch Hautkontakt. Während in der Vergangenheit die Affenpocken nur sehr begrenzt durch Reisende verbreitet worden seien, sei diesmal ein anderes Muster zu erkennen. Wichtig sei, dass die internationale Gemeinschaft die Beobachtung von Fällen intensiviere. Weltweit seien bisher erst weniger als 200 Fälle mit oft eher weniger schweren Verläufen verzeichnet worden, sagte WHO-Expertin Maria Van Kerkhove. "Das ist eine beherrschbare Situation." Allerdings, das sagt auch er, sei mit steigenden Zahlen zu rechnen.

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