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Tiere:Weitermachen um jeden Preis

Heidelberger Zoo - Rhesusaffen

In Studien zeigten sich Rhesusaffen ähnlich beharrlich wie Menschen - auch wenn das Verhalten nicht zu besseren Ergebnissen führte.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Auch Affen fallen auf den Effekt der versunkenen Kosten herein. Sie können sich nicht von etwas lösen, das sie einmal begonnen haben.

Von Katrin Blawat

Unter den endlosen Gelegenheiten, sich als Depp aufzuführen, sticht diese hervor: Man hat schon Hunderte, wenn nicht Tausende Euro in das alte Auto investiert, das ganz offensichtlich seinem Ende entgegenrostet. Sind schließlich auch noch die Bremsen hinüber, wäre es nur vernünftig, die in der Vergangenheit bezahlten Reparaturkosten mitsamt dem Auto abzuhaken und sich nach einem neuen Fahrzeug umzusehen. Vernünftig wäre das, ja - aber nicht selbstverständlich. Denn haben Menschen erst einmal viel in eine Sache investiert, neigen sie dazu, damit fortzufahren, auch wenn sie das immer teurer zu stehen kommt. Den Effekt der "versunkenen Kosten" nennen Wissenschaftler dies. Er kann nicht nur bei finanziellen Investitionen eintreten, sondern auch etwa bei zeitlichen oder in Bezug auf soziale Beziehungen.

Der Mensch handelt eben nicht als rationales Wesen. Immerhin kann er sich trösten: Er ist nicht der einzige, der auf die versunkenen Kosten hereinfällt. Wie die Primatenforscherinnen Julia Watzek und Sarah Brosnan von der Georgia State University in Atlanta im Fachmagazin Scientific Reports berichten, sind auch Kapuzineraffen und Rhesusaffen anfällig für diesen Effekt.

Eigentlich wäre es am schlauesten gewesen, die Runde nach einer Sekunde abzubrechen

Die 26 Kapuziner- und sieben Rhesusaffen waren angehalten, auf einem Bildschirm einen sich bewegenden Punkt mithilfe eines Joysticks zu fangen. Schafften sie das innerhalb der vorgegebenen Zeitspanne von einer, drei, oder sieben Sekunden, erhielten sie eine Belohnung. Andernfalls begann ein neuer Durchgang. Die meisten Runden dauerten allerdings nur eine Sekunde. Daher wäre es am schlauesten gewesen, hätten die Affen, falls sie nach einer Sekunde keinen Erfolg gehabt hatten, die Runde abgebrochen und einen neuen Durchgang gestartet.

Doch Affen sind gewissermaßen eben auch nur Menschen. Vor allem die Rhesusaffen, aber auch die Kapuzineraffen tappten in die Falle der versunkenen Kosten. Sie mühten sich mit dem Joystick pro Runde länger ab, als es sinnvoll war. Je mehr Mühe und Zeit die Tiere bereits in eine Runde investiert hatten, umso höher lag die Wahrscheinlichkeit, dass sie damit auch fortfuhren.

Für den Durchschnittsmenschen mögen diese Ergebnisse tröstlich sein; für die Autorinnen sind sie zudem sehr aufschlussreich. Denn ihre Studie legt nahe, dass die Neigung, dem Effekt der versunkenen Kosten aufzusitzen, auf einem tief in der Evolution verwurzelten Entscheidungsprozess basiert. Typisch menschliche Gründe, etwa sich die Investitionen "schön zu rationalisieren" oder vor anderen nicht das Gesicht verlieren zu wollen angesichts des bereits herausgeschmissenen Geldes oder Aufwands, scheinen dagegen weniger entscheidend zu sein. Möglicherweise lautet vielmehr der Grundsatz, dem außer dem Menschen auch manche Tiere folgen: "Fahre fort mit dem, was du bereits begonnen hast zu probieren." Außer bei den beiden Affenspezies haben andere Forscher in früheren Studien auch schon bei Mäusen, Ratten und Tauben Hinweise auf ein solches Vorgehen gefunden. Es komme unter anderem dann zum Tragen, wenn viel Unsicherheit darüber im Spiel sei, welches Verhalten das richtige ist, schreiben die Autorinnen.

Entscheidungen an solchen Daumenregeln (oder Heuristiken) auszurichten, vereinfacht das Leben einerseits, weil man nicht jeden Schritt sorgfältig abwägen muss. Zudem zahlt sich Beharrlichkeit ja tatsächlich oft aus, egal ob für Mensch, Maus oder Makake. Andererseits führen Heuristiken gerade aufgrund ihrer Vereinfachung in vielen Fällen eben nicht zu den klügsten Entscheidungen. Vielleicht tröstet es, an die unsinnigerweise beharrlichen Rhesusaffen zu denken, wenn man sich trotz fortlaufender Reparaturen nicht von seinem alten Auto trennen mag.

© SZ/cku
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