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Verhaltensbiologie:Harmonie im Baumwipfel

Coppery Titi / Red Titi Monkey - calling (Callicebus cupreus). Brazil. controlled conditions. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUT

Ein Eheleben hat seine Höhen und Tiefen. Beim Springaffen funktioniert es dennoch erstaunlich gut.

(Foto: imago images/Ardea)
  • Rote Springaffen führen überraschend stabile Paarbeziehungen.
  • Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass dies an der Zugewandtheit der Partner liegt.
  • So kümmern sich die Männchen intensiv um den Nachwuchs, während sie selbst von den Weibchen verhätschelt werden.

Rein evolutionsbiologisch betrachtet ergibt lebenslange Treue zu ein und demselben Partner unter Säugetieren keinen Sinn. Das liegt daran, dass die Weibchen den Nachwuchs zu Welt bringen und nur sie in der Lage sind, die Jungen mit ihrer Milch zu ernähren. Männchen können weniger dazu beitragen, dass der Nachwuchs und damit auch die eigenen Gene im Wettlauf der Evolution überdauern. Ihre Möglichkeit, den "reproduktiven Erfolg" zu erhöhen, ist es, möglichst viele Nachkommen zu zeugen, mit verschiedenen Weibchen. Nach dem Motto: "Irgendeiner wird schon überleben". Monogamie ist deshalb unter Säugetieren sehr selten und kommt bei weniger als zehn Prozent aller Arten vor.

Eine Ausnahme sind die Roten Springaffen in Südamerika, unter denen sich Weibchen und Männchen über viele Jahre hinweg treu sind. Die stabile Paarbeziehung dieser Tiere beruht nach einer im Journal of the Royal Society Open Science veröffentlichten Studie im Wesentlichen darauf, dass das Weibchen das Männchen verhätschelt. Das Männchen kümmert sich im Gegenzug intensiv um den Nachwuchs und beschützt die Familie, indem es Angreifer vertreibt.

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Um das Phänomen zu erkunden, beobachteten Verhaltensbiologen des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen sieben Gruppen von Springaffen im peruanischen Amazonasregenwald über einen Zeitraum von zweimal sieben Monaten. Irgendeinen Vorteil müssen die Tiere von ihrer monogamen Lebensweise haben, so die Überlegung, sonst gäbe es sie nach den Regeln der Evolution überhaupt nicht. Die Forscher beobachteten die (ohne Schwanz) nur etwa 30 Zentimeter großen Baumbewohner und zeichneten akribisch auf, welches Tier wann die Nähe seines Partners suchte, wer wen kraulte, lauste und welche Tiere sich an Auseinandersetzungen mit Eindringlingen beteiligten.

Schon zuvor war bekannt, dass sich die Männchen intensiv um ihren Nachwuchs kümmern. Die Väter tragen die Jungen den ganzen Tag herum und übergeben sie der Mutter nur, wenn sie Hunger haben, und gesäugt werden müssen. Sie spielen auch öfter mit ihren Kindern, und wenn sie keine Milch mehr trinken, teilen sie ihr Futter öfter mit ihnen als die Mütter. Für dieses Engagement werden sie von den weiblichen Tieren belohnt. "Wir haben beobachtet, dass sich die Weibchen besonders nach der Geburt eines Jungtiers verstärkt um die Beziehungspflege kümmern, also aktiv die Nähe ihres Partners suchen und bei ihm Fellpflege betreiben", sagt Sofya Dolotovskaya, Doktorandin am Deutschen Primatenzentrum und Erstautorin der Studie. Ihre Beobachtungen bestätigten die "Männchen-Service-Hypothese", sagt Eckhard Heymann, der ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war. Demnach besteht das Geheimnis stabiler Paarbeziehungen unter Säugetieren darin, eine Win-win-Situation herzustellen, von der beide Geschlechter profitieren. Bei den Springaffen erbringt das Männchen Dienstleistungen und das Weibchen sorgt dafür, dass die Beziehung funktioniert.

© SZ vom 16.01.2020
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