Süddeutsche Zeitung

Verhaltensbiologie:Das ist unfair!

Lesezeit: 2 min

Affen regen sich auf und protestieren, wenn sie für die gleiche Leistung weniger Lohn bekommen als ein Artgenosse. Haben die Tiere einen Sinn für Gerechtigkeit?

Von Tina Baier

Nicht nur Menschen, auch viele Tiere reagieren frustriert, wenn sie unfair behandelt werden. Eindrücklich zu sehen ist das in einem bekannten Video, in dem ein Affe seine Trainerin mit Gurkenstückchen bewirft, die sie ihm gegeben hat. Der Grund für den Wutausbruch: Die Frau hatte einen anderen Affen direkt neben ihm mit süßen Weintrauben gefüttert, die die Tiere viel lieber mögen.

Solche und ähnliche Beobachtungen bei verschiedenen Primaten, aber auch bei Wölfen, Ratten und Krähen werden von vielen Verhaltensforschern als Hinweis dafür interpretiert, dass nicht nur Menschen einen Sinn für Gerechtigkeit haben, sondern auch viele Tiere. Doch stimmt das wirklich?

Ein Versuch, den Forschende am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen (DPZ) mit Javaneraffen gemacht haben, legt nahe, dass der Ärger der ungerecht behandelten Tiere auch einen anderen Grund haben könnte: Soziale Enttäuschung über "ihren" Menschen, der sie mit mittelmäßigem Futter abfertigt, obwohl er auch die Möglichkeit hätte, ihnen einen Leckerbissen zu servieren.

Von Automaten erwarten die Tiere keine faire Behandlung - von Menschen schon

Die Wissenschaftler testeten 12 Javaneraffen im Alter zwischen einem und sieben Jahren. Während des Versuchs mussten die Tiere einen Hebel betätigen, um eine Belohnung zu bekommen. Sobald sie zogen, setzte sich ein Apparat in Gang, der auf einem kleinen Förderband ein Stückchen Paprika zu dem Affen transportierte. Alle Versuchstiere hatten einen "Partner", der in Sichtweite vor demselben Apparat saß und genau dasselbe tat - nur, dass er statt Paprika die bei Affen viel beliebteren Weintrauben als Belohnung bekam.

Wenn die Belohnung den Tieren automatisch von der Maschine zugeteilt wurde, nahmen die benachteiligten Affen die Ungerechtigkeit hin und fraßen die Paprika. Ganz anders war die Reaktion der unfair behandelten Affen, wenn ein den Tieren bekannter Mensch an dem Experiment beteiligt war. Wenn die Affen mit ansehen mussten, wie der Mensch ihnen als Belohnung für die Betätigung des Hebels Paprika auf das Förderband legte, während er den Partneraffen für dieselbe "Leistung" mit Weintrauben fütterte, reagierten die Tiere frustriert.

"Manche verweigerten die Belohnung und nahmen sie gar nicht vom Förderband", sagt die Psychologin Stefanie Keupp, die an der Studie beteiligt war. "Andere nahmen das Paprikastückchen erst, ließen es dann aber achtlos fallen, und wieder andere hatten nach dieser Erfahrung keine Lust mehr mitzumachen und zogen den Hebel nicht mehr."

Dieses Verhalten passt nach Ansicht der Studienautoren am besten zu einer sozialen Enttäuschung über den Menschen, der entscheidet, ihnen die schlechtere Belohnung zu geben. "An einen Automaten richten die Affen keine sozialen Erwartungen und werden daher auch nicht enttäuscht", sagt Rowan Titchener, Erstautorin der Studie, in einer Presseerklärung des DPZ.

Eine grundsätzliche Abneigung gegen Ungleichbehandlung, Verhaltensbiologen nennen das "inequity aversion", die den sozialen Vergleich mit Artgenossen und einen Sinn für Gerechtigkeit voraussetzt, scheinen zumindest Javaneraffen aber nicht zu haben. Sonst würden sie sich auch aufregen, wenn ein Automat sie gegenüber einem Artgenossen benachteiligt.

"Wenn die Javaneraffen einen Sinn für Gerechtigkeit hätten, wäre zu erwarten, dass das bevorzugte Tier dem benachteiligten auch mal etwas abgibt", sagt Stefanie Keupp. "Das wurde aber noch nie beobachtet." Bei Menschen ist das anders: Schon Kindergartenkinder protestieren und setzen sich für ein benachteiligtes Kind ein, dem etwa ein Spielzeug oder eine Süßigkeit weggenommen wird. Oft versuchen sie auch, die Ungerechtigkeit auszugleichen und geben etwas von ihren eigenen Sachen ab.

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