VerhaltensbiologieDie Hebammen-Affen

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Schwarze Stumpfnasen sind eine nur in China heimische Primatenart, die in Haremsgruppen zusammenlebt.
Schwarze Stumpfnasen sind eine nur in China heimische Primatenart, die in Haremsgruppen zusammenlebt. (Foto: imago stock&people/imago/Nature Picture Library)

Eigentlich gilt die Geburtshilfe als Erfindung des Menschen. So sicher sind sich Forscher darüber nicht mehr: Sie beobachteten Primaten bei ähnlich fürsorglichem Verhalten.

Von Katrin Blawat

Morgens um neun Uhr hockte die werdende Mutter schwer atmend in einem Rhododendronbaum. Eine Stunde später hatte es schon die Schädeldecke ihres Babys durch den Geburtskanal geschafft. Die nächsten Stunden durften mühsam gewesen sein für Lingxin, zumal es ihre erste Niederkunft war. Immerhin: Sie musste es nicht alleine durchstehen. Nicht nur ihre eine Jahr ältere und in Geburten erfahrene Schwester Maolian blieb stets um sie herum, sondern auch der Vater des Kindes, Hongdian. Über fünf Stunden lang entfernte er sich nie weiter als zwei Meter von Lingxin. Er kraulte sie, und als das Junge schließlich auf der Welt war, gab er ihr etwas von seinen gesammelten Flechten ab. Untereinander das Futter zu teilen, kommt unter Affen nur selten vor und kann daher als besonderer Akt der Fürsorge gelten.

So machte vor allem Hongdians Verhalten, das Biologen um Yan-Peng Li von der Dali University im chinesischen Yunnan im Fachmagazin Behavioural Processes beschreiben, diese Geburt zu etwas Besonderem. Nie zuvor hatten Forscher bei Schwarzen Stumpfnasen beobachtet, dass ein Männchen sich derart um ein gebärendes Weibchen kümmert.

Schwarze Stumpfnasen sind eine nur in China heimische Primatenart, die in Haremsgruppen zusammenleben. Lingxins Sippe bestand aus dem Männchen Hongdian, sechs erwachsenen Weibchen, darunter drei Muttertieren, und drei Jungtieren.

Gebärenden zu helfen, ist unter Säugetieren sehr selten

Nicht nur bei dieser Spezies sind Berichte von Hebammen-Tätigkeiten eine Seltenheit. Einer Gebärenden zu helfen, das ist im Wesentlichen eine Erfindung des Menschen. Der benötigt diese Unterstützung wegen seines schmalen Beckens und des vergleichsweise großen Kopfs. Dank diesen Eigenschaften kann Homo sapiens zwar aufrecht gehen und in Verästelungen denken, jedoch oft nur mit Helfern gebären. Viele andere Säugetierweibchen dagegen ziehen sich für die Geburt in die Einsamkeit zurück.

In anderen Fällen scheinen Gruppenmitglieder zwar ein Auge auf die werdende Mutter zu haben und sie vor möglichen Gefahren abzuschirmen. Doch von dort bis zum tatkräftigen Eingreifen in den Geburtsvorgang ist es noch ein weiter Schritt. Selbst von anderen Primatenspezies sind nur wenige Einzelfälle bekannt, in denen Gruppenmitglieder eine Gebärende aktiv unterstützt haben. Beschrieben sind solche Beispiele etwa bei Hellköpfigen Schwarzlanguren sowie bei wild und in Gefangenschaft lebenden Bonobos. Jedoch waren es dabei stets ausschließlich Weibchen, die sich als Hebammen betätigten.

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Obwohl Lingxin im Gegensatz dazu auch auf den Kindsvater zählen konnte, erhielt auch sie die tatkräftigere Unterstützung von einem weiteren Weibchen der Gruppe. Ihre Schwester Maolian hielt sich ebenfalls über Stunden in der Nähe der werdenden Mutter auf, wachte über sie und kraulte sie. Die beiden Weibchen ruhten zwischendurch immer wieder zusammen, während die Geburt nur langsam voranging. Dreieinhalb Stunden, nachdem erstmals ein Teil des Kopfes des Babys zu sehen gewesen war, entschied Maolian sich schließlich zum Eingreifen. Sie zog das Junge aus dem Geburtskanal heraus und durchtrennte die Nabelschnur. Die nächsten 20 Minuten lag das Junge in ihren Armen, ehe die Mutter es übernahm. Doch auch die kommenden Tage ließ Maolian ihre Schwester und das Neugeborene nur selten aus den Augen.

Womöglich kämen derartige Hebammendienste bei den Schwarzen Stumpfnasen - oder überhaupt bei Primaten - doch etwas häufiger vor, als bisher bekannt, schreiben die Autoren. Eine weitere Besonderheit an Lingxins Niederkunft war nämlich der Zeitpunkt. Die meisten Schwarzen Stumpfnasen kommen nachts zur Welt. Das erschwert es Forschern, den genauen Geburtshergang zu verfolgen.

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