Ästhetik Gesetz der Schönheit

SZ-Grafik: Stefan Dimitrov

Folgt die menschliche Liebe zu Musik, Lyrik oder Literatur einem Naturgesetz? In Frankfurt wollen Forscher das nun herausfinden. Mit empirischen Mitteln.

Von Michael Stallknecht

Schiller bringt's. Besonders der gute alte Schulklassiker "Die Bürgschaft": Menschen, denen man die Ballade von Möros und seinem Freund vorliest, bekommen einen "Chill" nach dem anderen - mehr noch als bei Hölderlins "Abendphantasie" oder Erich Kästners "Sachlicher Romanze". Die Zuhörer sagen es nicht nur, man kann es auch sehen: Eine Kamera fängt Bilder ihrer Gänsehaut ein.

Einen Chill nennen sie hier in Frankfurt am Main den Moment, der den meisten Menschen als "Schauer" vertraut ist. Jene leise Erschütterung, die aus den Tiefen des Selbst zu kommen scheint, wenn Musik die Seele erreicht oder wenn ein Text das Herz berührt. Und das kann man eben nicht nur spüren, man kann es auch messen: an der Tiefe des Atems, an der Herzfrequenz, an der elektrischen Leitfähigkeit der Haut, die zunimmt, je feuchter die Hände werden. Oder an der Gänsehaut, die zu den rudimentären Reaktionen des Körpers gehört - ein Überbleibsel der Evolution, das keine wichtige Funktion mehr hat.

Das ArtLab soll eine Bühne für Künstler sein - und ein Labor für die Analyse des Publikums

Ästhetisches Erleben scheint jedenfalls mehr zu sein als Unterhaltung oder intellektuelles Spiel, es reicht ins Unterbewusste und in die Evolutionsgeschichte hinab. Wie und warum das passiert, wollen Forscher am neuen Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik herausfinden. Inoffiziell arbeiten die Wissenschaftler hier bereits seit ungefähr zwei Jahren. Offiziell eröffnen wird das Haus in diesem Herbst, wenn sein Herzstück im Frankfurter Univiertel fertig ist: ein "ArtLab". Es soll sowohl neuer Veranstaltungsort in Frankfurt sein, mit hochkarätigen Konzerten und Lesungen. Zum anderen aber wird der Raum vollgestopft mit Kameras und Gesichtserkennungssoftware, die jede Regung von Zuschauern und Vortragenden festhält.

Noch hängen im ArtLab die Kabel von der Decke, auch die benachbarte Bibliothek hat noch einige Regalmeter Platz. Doch viele Labore sind schon eingerichtet. Elektoenzephalogramme, Hirnstrommessungen also, sind bereits ebenso möglich wie das sogenannte Eyetracking, das den Augen beim Musikhören folgt. Für komplexere Verfahren kooperiert man mit dem Brain Imaging Center an der Frankfurter Uniklinik, wo sich mit funktioneller Magnetresonanztomografie die Durchblutung und damit auch die Aktivität im Gehirn sichtbar machen lässt. Sind Sophokles und Beethoven, Rilke und Radiohead also im Sinne des Wortes "Brainstormer"?

SZ-Grafik: Stefan Dimitrov

"Die Jungen haben diese Angst nicht mehr", sagt Winfried Menninghaus, Direktor der Abteilung für Sprache und Literatur am MPI. Diese Angst: Damit meint er die tiefe Skepsis, welche die meisten Literaturwissenschaftler naturwissenschaftlichen Methoden entgegenbringen. Soll sich die Qualität eines Gedichts etwa an verschwitzten Händen messen lassen? Sollen Computer nach diesen Kriterien Gedichte schreiben, die das Beste zwischen Pindar und Jan Wagner in den Schatten stellen? Diese Angst: Dahinter steckt umgekehrt aber auch die leise Verachtung, die Naturwissenschaftler einem so "weichen" Fach wie der Ästhetik sehr oft entgegenbringen.

Menninghaus, einer der bekanntesten, vielseitigsten, aber auch umstrittensten Literaturwissenschaftler der Gegenwart, arbeitet schon länger daran, den Widerspruch zwischen diesen zwei Kulturen der Wissenschaft zu überwinden. Bis 2010 hat er an der Freien Universität Berlin den fast schon legendären Exzellenzcluster "Languages of Emotion" geleitet, in dem Hirnforscher und Psychologen erstmals auf Tanzwissenschaftler oder Philosophen trafen. In seinem jüngsten Buch "Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin" sucht er die Triebkraft der Kunst beispielsweise in Gruppenritualen oder in der Wahl von Sexualpartnern. "Es gibt nach heutigem Wissen kein eigenes neuronales Netzwerk im Gehirn, das nur für Kunstrezeption rekrutiert wird", sagt er in Frankfurt, für das ästhetische Lustempfinden würden Netzwerke mit verwendet, die sonst vornehmlich andere Aufgaben erfüllen.