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Aerosole:"Das oberste Ziel muss es sein, drinnen Kontakte zu vermeiden"

Bei der Pandemie-Bekämpfung sollte der Fokus weniger auf Maßnahmen im Freien gerichtet werden, sagt der Forscher Christof Asbach. Er erklärt, weshalb er Ausgangssperren für ein falsches Signal hält, und warum Aerosolpartikel so tückisch sind.

Interview von Philipp Saul

Christof Asbach ist Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung. Zusammen mit einigen Kolleginnen und Kollegen hat er einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs sowie an die Gesundheitsminister von Bund und Ländern geschrieben. In dem Schreiben rufen die Forscher die Politik dazu auf, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass die Gefahr von Ansteckungen vor allem drinnen lauere. Debatten über das Flanieren auf Flusspromenaden, Joggen oder Radfahren seien hingegen kontraproduktiv.

SZ: Warum glauben Sie, dass die Menschen noch immer falsche Vorstellungen davon haben, ob die Gefahr einer Infektion drinnen oder im Freien lauert?

Christof Asbach: Die Maßnahmen, die momentan von Regierungsseite aus getroffen werden, etwa Maskenpflicht beim Joggen, Verweilverbote und Ähnliches, zielen sehr stark auf den Außenbereich ab. Aber wir reden hier von einem extrem niedrigen Infektionsrisiko. Dort findet nur ein Tausendstel aller Infektionen statt. Mit solchen Maßnahmen wird ein falscher Fokus gesetzt. Uns erreichen sehr häufig Anfragen von Bürgern, die sich regelrecht dafür entschuldigen, dass sie nach draußen gegangen sind und jemanden getroffen haben. Deswegen muss der Fokus weg von draußen nach drinnen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Erklären Sie doch noch mal, warum es draußen weniger gefährlich ist als drinnen.

Im Innenraum können sich Partikel leicht anreichern. Im Freien werden ausgeatmete Partikel sehr schnell durch Luftströme, also durch Wind oder durch Thermik, abtransportiert und können nicht mehr so einfach konzentriert eingeatmet werden. Ein Fall, in dem das aber nicht gilt, ist, wenn man sich zu zweit mit relativ knappem Abstand gegenübersteht und sich unterhält. Beim Sprechen bildet sich am Mund eine Aerosolwolke, die als gerichteter Strahl nach vorne ausgestoßen wird. Wenn das Gegenüber genau in dieser Wolke steht, kann es diese Aerosole oder größere Tröpfchen einatmen und sich infizieren. Das ist eigentlich der einzige Fall draußen, der kritisch sein kann.

Aber gerade diesen Fall gibt es doch draußen schon sehr oft. Etwa wenn man sich im Biergarten trifft.

Genau, wenn man in solchen konkreten Fällen den Abstand nicht hält, ist es ratsam, eine Maske zu tragen. In Biergärten sind solche Infektionen sogar wahrscheinlicher, weil man sich in relativ geringem Abstand gegenübersitzt. Deshalb ist eine Maskenpflicht sinnvoll, und man setzt die Maske zum Essen oder Trinken kurz ab. Auch Plexiglasscheiben auf dem Tisch können etwas ausrichten, weil die Tröpfchen und die gerichteten Aerosolwolken zurückgehalten werden. Der kritischste Punkt in der Außengastronomie ist aber, wenn die Menschen die Toilette aufsuchen.

Inwiefern?

Da haben wir einen geschlossenen, teilweise kleinen Innenraum, in dem sich die Viren anreichern können. Das Tückische am Übertragungsweg über Aerosolpartikel ist, dass sie so klein sind, dass sie nicht herabsinken, sondern über einen langen Zeitraum in der Luft schweben. Wenn also ein Infizierter die Toilette verlassen hat und zehn Minuten später kommt jemand anderes in diesen Raum, atmet dieser die Viren ein, ohne dass er jemandem begegnet ist. Das ist in allen Innenräumen das Problem: Ich kann mich infizieren, ohne dass ich jemanden direkt sehe. Das kann nur im Innenraum stattfinden. Wenn die Leute nach draußen gehen, ist das Risiko immer viel geringer, als wenn sie sich daheim treffen. Das ist der wichtigste Punkt.

Coronavirus - Christof Asbach

Christof Asbach ist Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung und Bereichsleiter für Luftreinhaltung und Filtration.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Was sollte man denn tun, um in Innenräumen Menschen besser zu schützen?

Das oberste Ziel muss es sein, drinnen Kontakte zu vermeiden. Das ist das Allerwichtigste. Das kann an Arbeitsplätzen über eine Home-Office-Regelung geregelt werden. Wichtig ist auch, sich zum Beispiel nicht in der Kaffeeküche ohne Masken und bei geschlossenem Fenster zu treffen. Das sind Situationen, die einfach vermieden werden müssen. Im Privathaushalt genauso: Es sollte so gut wie möglich gelüftet werden. Auch Luftreiniger zu bezahlbaren Preisen können sehr effizient sein. Wenn jemand zu Besuch kommt, zum Beispiel ein Handwerker, dann sollte man immer darauf bestehen, dass Maske getragen wird. Treffen sollten, wann immer möglich, draußen stattfinden und idealerweise, wenn man in Bewegung ist und zum Beispiel spazieren geht. Dann verteilen sich die Aerosole.

Eine Pandemie-Maßnahme sind Ausgangssperren. Sie sollen unter anderem verhindern, dass man Bus und Bahn fährt oder sich daheim besucht. Warum haben Sie sich in Ihrem Brief dagegen gewandt?

Wir haben die Sorge, dass das falsch interpretiert wird. Bei einer Ausgangssperre befürchten wir, dass die Kontakte im Innenraum nicht wirklich reduziert werden. Wer sich bislang getroffen hat, wird das auch weiter tun. Aber in den Köpfen könnte bei Treffen verankert werden: "Wir dürfen nicht nach draußen, wir müssen drinnen bleiben." Das ist aber die falsche Schlagrichtung. Wichtig ist: Drinnen ist das Infektionsrisiko viel höher als draußen. Deswegen halten wir den Begriff Ausgangssperre für nicht gut. Das wesentliche Ziel muss sein: Kontaktbeschränkung im Innenraum.

© SZ/jsa
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