Ägyptologie:Forscher bringen verborgene Tinte in Mumien zum Leuchten

Ägyptologie: Mit einem neuem Verfahren wollen Forscher die Geheimnisse von Mumien untersuchen.

Mit einem neuem Verfahren wollen Forscher die Geheimnisse von Mumien untersuchen.

(Foto: AFP)
  • Im Rahmen eines Pilotprojekts haben Forscher eine Technologie entwickelt, um die aus verschiedenen Papyrus-Schichten geformte Maske der ägyptischen Mumie von Chiddingstone Castle genauer untersuchen zu können.
  • So ließ sich das Geheimnis der Mumie entschlüsseln, ohne die Harze und Klebepasten aus der Hülle zerstören zu müssen.
  • Zur Überraschung der Forscher bestanden die Schalen aus recycelten Papyrus-Abfällen.

Von Hubert Filser

Mit bloßem Auge ließ sich die Inschrift an der Fußplatte nicht erkennen. Nur das Gesicht auf der Maske der ägyptischen Mumie von Chiddingstone Castle war zu sehen, kein Hinweis auf die Person, die vor gut 2000 Jahren im Alten Ägypten im Wüstensand begraben worden war.

Nun machte eine vom britischen Physiker Adam Gibson entwickelte Scantechnologie die verborgenen Zeichen sichtbar. "Irethorru - Das Auge von Horus wacht gegen meine Feinde" steht darauf. Der Tote Irethorru - ein Name, der in Ägypten damals etwa so gebräuchlich war wie es Peter, Michael oder Max heute in Deutschland sind - beschwor den Schutz des oft als Falken dargestellten Gottes Horus.

Im Rahmen des Pilotprojekts "Deep Imaging Mummy Cases"-Projekts entwickelte Gibson mit seinen Kollegen vom University College in London eine Technologie, um etwa die aus verschiedenen Papyrus-Schichten geformten Masken der Toten genauer untersuchen zu können. Die Mumie von Chiddingstone Castle diente dabei als Testobjekt. Licht unterschiedlicher Frequenzen kann Papyrusschichten durchdringen und verborgene Tinte zum Leuchten bringen.

So ließ sich das Geheimnis der Mumie entschlüsseln, ohne die Harze und Klebepasten aus der Hülle zerstören zu müssen. Die Forscher suchen dabei in verschiedenen Wellenlängen-Bereichen nach charakteristischen Spuren chemischer Elemente. So enthält ägyptische Tinte etwa Eisenverbindungen, die sich mit dem Licht einer passenden Wellenlänge gezielt zum Leuchten bringen lassen.

Englische Adelige luden einst zu Partys, bei denen Mumien ausgewickelt wurden

Die Technologie ergänzt eine Reihe von Verfahren wie Computertomografie, mit deren Hilfe Archäologen ins Innere der Sarkophage, der Schalen und auch der Toten selbst schauen konnten, ohne die Behälter und die Mumien zu beschädigen. Das Verfahren von Gibson ermöglicht es, tieferliegende Papyrusschichten in der Schale der umwickelten Mumien zu lesen. Zur Überraschung der Forscher bestanden die Schalen der Mumie von Chiddingstone Castle aus recycelten Papyrus-Abfällen. Auf den ersten Blick erscheinen die Texte darauf unspektakulär:

Es handelt sich meist um Steuer-Verzeichnisse oder Einkaufslisten. Doch geben genau solche Alltagstexte einen wertvollen Einblick ins Leben der einfachen Menschen im Alten Ägypten. "Diese Masken stellen eine der besten Bibliotheken aus recyceltem Papyrus dar, der ansonsten weggeworfen worden wäre", sagt Gibson. Die Inschriften ergänzen damit die eher propagandaartigen Texte aus berühmten Königsgräbern wie dem von Tutanchamun, die das Leben der Pharaonen möglichst ruhmreich darstellen.

Dass sich auf englischen Landgütern wie Chiddingstone Castle Mumien finden, hängt übrigens mit einer Gepflogenheit britischer Adliger im 19. Jahrhundert zusammen. Es war damals chic, vor Gästen Mumien auszuwickeln, in der Hoffnung, darin Schmuck oder Medaillons zu finden. Die Mumie von Chiddingstone Castle hat diese Phase unbeschadet überlebt und enthüllt nun auf wissenschaftliche Weise eines ihrer Geheimnisse.

© SZ vom 03.01.2018/fehu
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