Süddeutsche Zeitung

Aderlass & Co:Bluten für die Gesundheit

Aderlass, Schröpfen, Blutegeltherapie - Humoraltherapieverfahren sind Relikte falscher medizinischer Vorstellungen.

Colin Goldner

Eine ungeahnte Wiedergeburt erleben seit geraumer Zeit Verfahren, die auf das "Erfahrungsgut der Volksmedizin der vergangenen Jahrhunderte" abstellen. Insbesondere den Methoden der sogenannten Humoraltherapie, deren Ziel es ist, eine gute "Mischung der Körpersäfte" (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) herbeizuführen, wird nachgerade wundertätige Wirksamkeit zugeschrieben.

Die Humoraltherapie, die auf die bis in die Neuzeit hinein gültige Säftelehre des römischen Arztes Galenus von Pergamon zurückgeht (2. Jahrhundert unserer Zeit), umfasst neben Blutegeltherapie, Baunscheidtieren und Cantharidenbehandlung vor allem das Schröpfen und den Aderlass.

Die modernen Vertreter dieser Verfahren bemühen sich zwar, im Gewande des Wissenschaftlichen aufzutreten und verweisen auf jahrhundertelange Tradition. Doch die Methoden sind lediglich als Relikte schlichtweg falscher Vorstellungen über physiologische Abläufe und die Ursache von Erkrankungen zu sehen.

Aderlass

Beim Aderlass wird dem Patienten meist in der Ellenbeuge oder am Hals mittels einer Flügelkanüle venöses Blut abgezapft ("ausgeleitet"). Nach willkürlicher Maßgabe werden dabei etwa zehn bis 15 Prozent der Gesamtblutmenge entnommen, was etwa einem Prozent des Lebendgewichtes entspricht. Bei einem 80-kg-Patienten bedeutet dies den schlagartigen Verlust von bis zu 800 Millilitern Blut.

Als Indikationen für den Aderlass werden vor allem Stauungsödeme, degenerative Veränderungen des Bewegungsapparates, Lungenödeme, Hauterkrankungen und Stoffwechselstörungen angegeben. Insbesondere aber soll regelmäßiger Aderlass - wenigstens dreimal pro Jahr - dem "Druckabbau im Blutkreislauf" dienen, was angeblich der Gefahr von Schlaganfall, Herzinfarkt und Bluthochdruck vorbeugt.

Zudem soll der Aderlass durch die "Ableitung giftigen Blutes" die Selbstheilungskräfte des Körpers bei jedweder akuten oder chronischen Erkrankung unterstützen.

Tatsächlich ist nichts davon auch nur ansatzweise belegt. Lediglich in seltenen Fällen, etwa bei einer übermäßigen Vermehrung von Blutzellen wie bei Polycythaemia vera, kann die Methode die Behandlung unterstützen.

Hingegen kann Aderlass bei Durchblutungsstörungen im Gehirn oder bei Blutgerinnungsstörungen hochgefährlich werden, desgleichen bei Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris oder Anämie.

Die Behauptung eines szenebekannten "Ganzheitsmediziners", der Aderlass sei eine "gut verträgliche Behandlungsmaßnahme, die in der Regel von Patienten gern angenommen wird", weist allenfalls auf die Verantwortungslosigkeit von Alternativheilern hin, diese untaugliche Methodik überhaupt noch anzuwenden.

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Bluten für die Gesundheit

Schröpfen

Auch beim "Schröpfen" handelt es sich um ein obsoletes Verfahren. Hierbei wird die Haut des Patienten beidseitig der Wirbelsäule mit einem Skalpell kreuzförmig angeritzt ("skarifiziert"). Auf die blutende Stelle wird eine glockenförmige Glaskuppel mit fünf bis sechs Zentimetern Durchmesser aufgesetzt.

Diese Kuppel, der sogenannte Schröpfkopf, wird zuvor mit Hilfe eines brennenden Wattebausches vakuumiert, so dass beim Aufsetzen Sog auf die Haut ausgeübt wird (wahlweise werden auch Plastikschröpfköpfe verwendet - "Heilsauger" -, bei denen der Sog durch Zusammendrücken der Kuppel entsteht).

Der Schröpfkopf füllt sich innerhalb weniger Minuten mit Blut, was eine ähnliche Heilwirkung freisetzen soll wie der Aderlass. Allerdings ist das Schröpfen als genauso unsinnig zu bewerten und geht mit den gleichen Risiken einher wie dieser.

Auch in seiner "unblutigen" Form, bei der die Haut nicht angeritzt wird, sondern durch den Vakuumsog lediglich Blutergüsse auf der Haut hervorgerufen werden - es soll dies bei Durchblutungsstörungen, Rückenschmerzen, Asthma und sogar Tuberkulose hilfreich sein -, ist das Schröpfverfahren völlig untauglich.

Die Behauptung, es ließen sich durch die auf den Rücken aufgesetzten Schröpfköpfe "reflektorisch" innere Organe erreichen, ist doppelter Unsinn: Derlei Reflexbahnen gibt es nicht.

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Baunscheidtieren

Im Jahre 1851 trat der Bonner "Mechanikus" Carl Baunscheidt (1809-1874) mit einer revolutionären Heilmethode an die Öffentlichkeit: dem nach ihm selbst benannten Baunscheidtieren.

Das Verfahren besteht aus oberflächlicher Reizung der Haut mit Hilfe eines mit 25 bis 30 feinen Nadeln bestückten Instruments, des sogenannten Lebensweckers.

Die auf einer kleinen Scheibe angeordneten Nadeln werden mittels einer Schnappfeder bis zu zwei Millimeter tief in die Haut geschnellt - wahlweise wird auch ein nadelbestückter Rollapparat ("Vitralisator") verwendet -, anschließend wird das solcherart "gestichelte" Areal mit einem Spezialöl eingerieben.

Auf der Haut bilden sich nach einiger Zeit eitrige Pickel, die als erwünschtes Zeichen für die giftausleitende Wirkung des Verfahrens angesehen werden. Die Pickel verschwinden nach ein bis zwei Wochen von selbst.

Das von Baunscheidt eingesetzte stark hautirritierende Crotonöl, hergestellt aus dem Samen eines ostindischen Wolfsmilchgewächses, wird heute (offiziell) nicht mehr verwendet: Es ist mittlerweile als extrem kokarzinogen bekannt, das heißt: es verstärkt die krebserregende Wirkung anderer Stoffe. Heute werden crotonölfreie Hautreizstoffe eingesetzt (Cantharidenpaste, Wacholder-, Nelken- oder Senföl) und sogar "trockenes" Baunscheidtieren wird praktiziert.

Bluten für die Gesundheit

Baunscheidtieren soll dazu beitragen, im Blut gebundenen Giften und Schlacken den "Weg nach außen eröffnen". Insbesondere kräftigt es angeblich "schlaffe Organe" und harmonisiert das hormonelle Geschehen. Vor allem aber soll das Verfahren - möglichst regelmäßig vorgenommen - bei Arthrosen, Neuralgien, entzündlichen Prozessen und Muskelverhärtungen helfen. Tatsächlich gibt es keinerlei ernstzunehmende Indikation für das Baunscheidtieren. Sämtliche Behauptungen über die angeblichen Wirk- und Heilkräfte des Verfahrens sind komplett aus der Luft gegriffen.

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Bluten für die Gesundheit

Blutegeltherapie

Schon seit dem Altertum gilt der Blutegel (Hirudo medicinalis), ein bis zu fünf Zentimeter langer Süßwassersaugnapfringelwurm, als eine Art Allheilmittel. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein wurde er gegen eine Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt.

Mit Aufkommen der wissenschaftlichen Medizin verschwand er in der Versenkung und tauchte erst mit beziehungsweise nach dem Ersten Weltkrieg wieder als therapeutisches Hilfsmittel auf. Heute spielt er nur noch eine randständige Rolle, beispielsweise in der postoperativen Nachsorge gefäßchirurgischer Veneneingriffe. Da es indes durch unvermeidliche Keime auf den Saugnäpfen zu Infektionen kommen kann, wird in der klinischen Praxis eher zu pharmazeutischen Produkten gegriffen, die aus dem Speichel des Blutegels hergestellt sind.

Als bevorzugte Einsatzbereiche von Blutegeln gelten Gelenkschwellungen, schlecht resorbierbare Blutergüsse und lokale eitrige Prozesse.

Vielfach gilt der Blutegeleinsatz aber auch, ähnlich wie der Aderlass, als "allgemein stoffwechselverbessernde, blutreinigende und blutflussbegünstigende Maßnahme". Es werden bei gesundheitlichen Störungen jeder Art - vor allem auch "zur Vorbeugung" - einfach ein paar Egel angesetzt. Die Ansatzstelle wird völlig willkürlich festgelegt.

Der Patient wird an den vorgesehenen Stellen mit einem Skalpell angeritzt, anschließend werden die Egel angesetzt. Die vollgesogenen Würmer fallen nach ein bis zwei Stunden ab oder werden mit einem Spatel abgehoben.

Gelegentlich werden sie auch mit Salz bestreut oder mit Essig betupft, um sie zum Abfallen zu bewegen. Es folgen bis zu zwölf Stunden anhaltende Nachblutungen, die bei zehn angesetzten Egeln einen Blutverlust von bis zu einem halben Liter bedeuten können.

Einen tragfähigen Beleg für die behaupteten Wirkungen einer Blutegelbehandlung gibt es nicht. Es finden sich noch nicht einmal verlässliche Angaben zur Menge des abzulassenden Blutes, sprich: zur Anzahl der anzusetzenden Egel. Auch bleibt offen, in welchem Zeitraum eine Behandlung mit Egeln wiederholt werden soll.

Laut Angaben eines einschlägigen Internetanbieters sollte eine Blutegeltherapie "nur von erfahrenen Therapeuten" durchgeführt werden. Was darunter zu verstehen ist, zeigt sich auf derselben Seite: Eine Komplettausbildung umfasst sieben Unterrichtsstunden und kostet 80 Euro. Anderweitig lässt sich eine Ausbildung zum "zertifizierten Blutegeltherapeuten" auch schon in drei Stunden absolvieren. Kosten: 30 Euro.

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Bluten für die Gesundheit

Cantharidentherapie

Bluten für die Gesundheit

Unter Cantharidentherapie ist eine aus der mittelalterlichen Volksheilkunde stammende und bis heute fortgeführte Behandlungsform zu verstehen, die als "Ausleitungsverfahren" den Körper von "üblen Säften" zu befreien sucht.

Sie bedient sich einer Substanz namens Cantharidin, die aus der sogenannten Spanischen Fliege gewonnen wird. Dabei handelt es sich um einen kleinen Wüstenlaufkäfer (Lytta vesicatoria Fabricius), der bereits im Altertum als Potenzmittel und Aphrodisiakum bekannt war.

Bis heute wird der getrocknete Käfer zu weiterer Verwendung einfach zerrieben. Für die "klassische" Cantharidenbehandlung werden aus dem Käferpulver sogenannte Vesikanzien hergestellt. Das sind zähklebrige Pasten, die an bestimmten Stellen auf die Haut aufgetragen werden.

Das bis zu handtellergroße Behandlungsareal wird nach dem Auftragen der Paste mit einem Pflaster abgedeckt. Durch die Giftwirkung des Cantharidins wird auf der Hautoberfläche eine Entzündung hervorgerufen, aus der sich nach zehn bis 24 Stunden eine flüssigkeitsgefüllte "Brandblase" entwickelt.

Diese wird punktiert, fakultativ wird das entnommene Wundserum am Rande des Behandlungsareals oder andernorts intramuskulär reinjiziert. Anschließend wird ein steriler Wundverband aufgebracht, der bis zur Abheilung der Wunde nach eineinhalb bis zwei Wochen gelegentlich erneuert wird.

Der medizinische Zubehörhandel führt "zu zeitgemäßer Behandlung" auch vorgefertigte "Cantharidenpflaster" im Sortiment, deren Auflagefläche bereits mit Cantharidin präpariert ist.

Als Indikationen für eine Cantharidentherapie werden Rheuma, Arthrosen und Neuralgien genannt, daneben auch Neurodermitis und Erkrankungen des Hals-Nasen-Ohren-Bereiches.

Tatsache ist: Cantharidenbehandlung ist ein völlig nutzloses Primitivverfahren, das gleichwohl mit enormen Risiken einhergeht: Das in den Speicheldrüsen der Spanischen Fliege produzierte Cantharidin ist ein stark zellschädigendes Nervengift, das, wenn es direkt in den Kreislauf gelangt, selbst in geringen Mengen tödlich wirken kann. Zudem verstärkt es die Wirkung krebserzeugender Substanzen.

Die gelegentlich zur Hautreizung verwendeten Alternativmittel Ameisenspiritus (verdünnte Ameisensäure), Cayennepfeffer, oder Terpentin machen das Verfahren nicht sinnvoller.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.

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