Abtreibung Im Zweifel allein

Die Hölle auf Erden sind die Zweifel, und Johanna Ziegler hofft damals, dass jemand ihr sagt, was auf sie zukommt. Es kann ihr aber keiner sagen, und zwischen dem schlimmsten und dem besten Szenario klafft ein Spalt, der sie quält. Nur ihr Freund sieht klar, er sagt, das schafft er nicht. Sie denkt, sie würde es schon schaffen, aber weiß nicht, ob sie es soll.

Es fehlt Johanna Ziegler in jenen Tagen nicht an Ratschlägen von Ärzten und Freunden. Was ihr fehlt, ist jemand, der sich auskennt in den existentiellen Fragen des Daseins. Darf ich über das Leben meines Kindes entscheiden? Muss ich es, und was für ein Leben ist es eigentlich?

Sie stellt sich vor, wie ihr Kind sie fragt, warum es nicht Fahrrad fahren kann. Sie überlegt, was passiert, wenn sie alt wird und ihr Sohn zurückbleibt. Sie hat Angst vor Leid, dem des Kindes, sagt sie.

Eine Woche kämpft sie dann, allein und mit sich. Ihr Bauch sagt: Behalt' es, es ist dein Kind. Ihr Kopf sagt: Das wäre egoistisch, es wird so leiden. Sie spricht mit ihrem Sohn, er reagiert darauf, "so nah wie mein Kind stand mir überhaupt noch nie jemand". Eine letzter Arztbesuch, dann presst sie eine Entscheidung aus sich heraus. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn jetzt gehen lassen will", sagt sie und guckt zum Bild ihres Sohnes. "Ich habe ihm erklärt, dass er sehr krank ist und ich ihn erlösen will." Es laufen jetzt Tränen über ihr Gesicht, so viele, dass sie nicht weitersprechen kann.

Ratlos zwischen Krankheit und Tod

Es gibt nicht viele Menschen, die geübt sind, aus solchen Katastrophen zu führen. Renate Brünig ist so eine, sie sitzt in einer Gesundheitsberatungsstelle des Landes Berlin, neben einem Gynäkologenstuhl und hinter einem Tisch, auf dem immer Taschentücher liegen. Renate Brünig ist Pastorentochter und Ärztin, sie hat mal das erste Frauenhaus Westberlins gegründet, jetzt gilt sie als Seelsorgerin der Extraklasse.

Zu Brünig werden, kurz gesagt, die geschickt, denen sonst keiner hilft. Muslimische Mädchen, die heimlich abtreiben müssen, um sich vor der Familie zu retten. Schwangere, die verdrängt haben, was in ihnen wächst. Und Paare, die nach einer Pränataldiagnose einen Spätabbruch erwägen und ratlos zwischen Krankheit und Tod herumirren.

Was dann beginnt, ist die Suche nach einer Lösung, die erträglich ist - und trägt. "Es war mir immer wichtig, dass die Frauen eine Entscheidung treffen, hinter der sie ein Leben lang stehen können", sagt Renate Brünig, die hier manchmal Wochen berät, bis klar wird, ob ein Paar sich von einem Kind trennt.

Diese Zeit ist lebensentscheidend, nicht nur fürs Baby, und die Ärztin fordert seit langem mehr solche Beratungen. Nur dass es eben nicht die Beratungen sind, die die Unionspolitiker meinen.

Wie weit reichen die Kräfte?

Mehr Druck auf Frauen durch Strafandrohung für Ärzte, das funktioniert nicht, glaubt die Ärztin, und die meisten Humanmediziner sind in ihren Augen auch noch gar nicht qualifiziert, bei Spätabbrüchen zu beraten. Sie wissen zwar viel über Medizin, aber kaum etwas über psychosoziale Beratung, und geraten im Gespräch bald in ein moralisches Dilemma, weil sie ihre eigenen Positionen nicht professionell reflektiert haben.

Wie stehe ich zu Tod und Behinderung, wo habe ich blinde Flecken in meiner Biographie, die verhindern, dass ich ein Paar unvoreingenommen begleite? Das sind nur einige der Fragen, die Renate Brünig in einem Curriculum stellt, das sie fürs Bundesfamilienministerium erarbeitet hat.

Es dient der Fortbildung von Beratern, die mehr ins Auge fassen müssen als den Schutz des ungeborenen Lebens. Eine Frau kann an einer späten Abtreibung zerbrechen, eine Familie kann aber auch an einem kranken Kind zerbrechen, und ein behindertes Baby kann daran kaputtgehen, dass es seinen Eltern an Kraft und Liebe fehlt.

Die Kunst guter Beratung ist also herauszufinden, wie weit die Kräfte der Eltern tragen - und sie dann dahin zu führen, wo es wehtut. "Manche reden vom Leid des Kindes und müssen erst mal annehmen, dass es um ihr eigenes Leid geht", sagt die Ärztin. Andere wollen gar nicht so genau wissen, was mit ihrem Kind los ist.

Sie ermutigt sie, sich mit Krankheitsbildern zu befassen, mit dem Abbruch selbst und dem Abschied. Viele Frauen haben Angst, ihr totes Kind nochmal anzuschauen, aber wenn sie es wagen, erleben sie oft, dass es da ein Verzeihen geben kann. "Ich zeige ihnen, dass es überlebbar ist", sagt Renate Brünig. Sie weiß, dass dazu nicht jeder bereit ist.

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