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Abtreibung:Im Zweifel allein

Sie hat sich im Wohnzimmer jetzt einen Altar aufgebaut, mit Kerzen, Räucherstäbchen und einem Foto von ihrem toten Sohn, das ihre Mutter kurz nach der Geburt aufgenommen hat. Manchmal spricht sie mit dem Bild, setzt es sich auf den Schoß, legt ihren Arm darum, mehr bleibt nicht zum Festhalten.

Es ist noch nicht lange her, da dachte Johanna Ziegler noch, es sei ihr nicht so dringend mit dem Kinderkriegen. Sie ist so eine Frau, die ehrgeizig ist im Beruf, selbständig, nur in Herzensdingen ängstlich, wie sie findet.

Nach dem Abitur studiert sie Tanzpädagogik und geht ans Theater, dann aber auf Nummer sicher und in einen Elektronikkonzern. Als sie ihren Freund trifft, einen Orchestermusiker, will er ein Kind, sie will noch ein bisschen warten. Als sie mit 36 schwanger wird, ist es umgekehrt.

Doch, sagt sie, "da gab's Krach", aber sie hat sich damals sofort entschieden, "eine Abtreibung kam für mich überhaupt nicht in Frage". Die Beziehung zu ihrem Freund gerät in eine Krise, die zu ihrem Kind dagegen gedeiht.

Sie besucht es oft per Ultraschall, lässt am Ende des dritten Monats seinen Nacken vermessen, um herauszufinden, ob es am Down-Syndrom leidet. Und wenn schon, denkt sie noch, "das sind doch fröhliche Kinder". Ihr Freund sieht das anders, er will kein Kind, das nicht selbständig leben kann, der Arzt aber beruhigt die beiden. Alle Tests sind unauffällig.

Am Ende des fünften Monats, sie ist jetzt schon ziemlich rund, fährt sie mit dem Kindsvater zu ihrem Pränataldiagnostiker am Ku'damm und freut sich, weil man bei so einer Feindiagnostik zum ersten Mal das Gesicht des Babys auf dem Bildschirm sieht. Sie liegt da noch nicht lange, da freut sie sich nicht mehr. "Ach, da ist ja das Köpfchen", sagt der Arzt, dann sagt er nichts mehr, sie guckt, sieht seinen Blick. "Stimmt was nicht?", fragt sie, dann kommt der Nebel.

"Ruckzuck läuft das nicht"

Heribert Kentenich ist so ein Doktor wie aus dem Fernsehen, ein smarter Frauenversteher mit einem Ohr für Wünsche, die sich nicht von allein erfüllen. Er leitet die DRK-Frauenklinik im Berliner Westend und eines der größten Zentren für Reproduktionsmedizin Deutschlands.

Hier werden Babys unterm Mikroskop gezeugt, hier warten Eizellen auf Verpflanzung, hier wird abgetrieben, psychologisch betreut, und es gedeihen hier wohl auch Zweifel am Segen dessen, was technisch so alles möglich ist.

Kentenich ist der Motor, der die Union in Sachen Spätabbruch antreibt, er berät sie im Auftrag der Bundesärztekammer und fordert neben mehr ärztlicher Beratung nach schlimmen Diagnosen auch eine exakte Buchführung darüber, wer warum spät abtreibt. Das dokumentieren manche Ärzte nicht, um ihre Patientinnen zu schützen. Fragt man Kentenich, warum er das ändern will, sagt er: "Sie wollen in Deutschland doch auch wissen, wie viele Morde geschehen."

Abtreibung und Mord in einem Atemzug, das klingt nach militanten Lebensschützern, zu denen will Kentenich aber nicht gehören. Eine Frau, die sich nicht in der Lage sieht, ein Kind auszutragen, soll eine Abtreibung kriegen, sagt er.

Aber er sieht eben oft fassungslose Paare, die vor zwei Stunden erfahren haben, dass das Kind, auf das sie sich gefreut haben, krank ist. Jetzt wollen sie eine Abtreibung, sofort, damit der Albtraum schnell vorbeigeht. "Ruckzuck" aber, sagt Kentenich, läuft das hier nicht.

Er bremst also, wenn er einen Konflikt für "emotional offen" hält, und schickt die Frau zu einer weiteren Beratung, bis eine "reife Entscheidung" fällt. Das klingt so, als gingen viele die Sache eher leichtfertig an - und müssten nur lange genug bearbeitet werden, um sich für ein behindertes Kind zu entscheiden. So will Kentenich das natürlich nicht gesagt haben. Er will nur verhindern, sagt er, dass Frauen unter Schock Entscheidungen treffen, die sie später bereuen.

Als Johanna Ziegler bei ihrem Pränataldiagnostiker liegt und er mit der Sonde auf ihrem Bauch herumkurvt, da breitet der Schreck sich wie Nebel in ihr aus. "Erweiterte Gehirnkammer", hört sie und "Wasseransammlung im Kopf". Der Arzt wirkt erschüttert und sagt ihr noch, dass niemand sie für einen Abbruch verurteilen würde. Sie will das gar nicht hören und hat nur einen Gedanken: "So schlimm wird's schon nicht sein. Ich geb' das Kind nicht mehr her."

Was sie dann erlebt, ist ein Beratungsmarathon, der sie nach Pränataldiagnostikern und einer Kinderärztin mehrfach zu ihrer Gynäkologin führt, zu einem Humangenetiker und einem Experten für Spina bifida, also für offenen Rücken.

Sie erfährt, dass ihr Sohn ein Loch im Rückgrat hat, aus dem Nervenfasern austreten. Man erklärt ihr, dass ihrem Sohn ein Ventil in den Kopf eingebaut werden kann, damit er keinen Wasserkopf kriegt. Er wird vermutlich querschnittsgelähmt sein und inkontinent, immer wieder operiert werden müssen. Eine geistige Behinderung ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Kann sein, dass er im Rollstuhl Abitur macht. Kann sein, dass er ein Pflegefall wird.

Lesen sie auf der nächsten Seite, warum niemand Johanna Ziegler helfen konnte...