Süddeutsche Zeitung

Absurde Studien:Warum selbst Fruchtfliegen frustsaufen

Seit es wissenschaftliche Studien gibt, ist der Wahnsinn in der Welt: Hamster werden depressiv, wenn sie bei Licht schlafen. Hochhackige Schuhe sind gut für den Orgasmus (der Frau). Männer werden dümmer, wenn sie Blondinen betrachten. Und selbst Fruchtfliegen haben einen guten Grund, wenn sie Alkohol trinken.

Hilmar Klute

Er war kaum älter als zwanzig Jahre, als er sich die Frage vorlegte, ob das, was wir täglich sehen, nicht das Ergebnis unserer alles in allem unzuverlässigen Nerven und Muskeln sein könnte. Also nahm Isaac Newton eine lange Nadel zur Hand und fing an, sich das Ding in die Augenhöhle einzuführen, ließ sie ein wenig zwischen Augapfel und Lid spielen und zog sie dann unter Schmerzen wieder heraus, um seine Erfahrungen in einem seiner Notizhefte niederzulegen.

Ein anderes Mal setzte sich Newton ins Freie vor einen Spiegel, weil er doch mal wissen wollte, wie lange ein Mensch in die Sonne starren kann, ohne wahnsinnig zu werden. Bei beiden Versuchen stellte er fest, dass sich vor seinem Auge weiße und farbige Kringel tummelten, immerhin dies. Heute, im Zeitalter der inflationären Studien, weiß man zumindest, dass Isaac Newton zwar schon relativ nah dran war, er aber zielführender hätte bohren können, wenn er sich mit der Nadel etwas weiter hinten im Hirn umgeschaut hätte.

Es ist ja so: Von den Dingen, die uns täglich bewegen, sind nur die wenigsten hinreichend erklärt. Die Liebe gehört nicht dazu, die damit verbundene oder unabhängig von ihr auftretende schlechte Laune auch nicht, und die Frage, warum wir sterben müssen, und vor allem: wann, muss vermutlich auf immer unbeantwortet bleiben. Andererseits sind wir unablässig von Erklärungsangeboten umgeben, die Wissenschaft versorgt uns regelmäßig mit Antworten auf unsere Fragen, ja, sie gibt uns sogar Antworten auf Fragen, die wir nie gestellt haben, entweder, weil wir zum Beispiel wissen, dass sich regelmäßiges Wandern positiv auf den Cholesterinspiegel auswirkt (Studie des Berufsverbandes Deutscher Internisten). Oder weil wir finden, dass die Handreichung, ein Föhn auf maximaler Stufe dürfe nicht lauter als achtzig Dezibel sein, nicht so entscheidend ist (Studie des deutschen Öko-Instituts). Und dass Hamster, wenn sie nachts bei Licht schlafen, depressiv werden (Studie der Ohio State University Columbus), ist nur für jene überraschend, die nur gut schlafen können, wenn irgendwo eine Funzel brennt. Fast jeden Tag weist uns irgendein Forscherteam mit einer Studie auf Wahrheiten hin, die entweder evident, verstiegen, verstörend oder in einer Weise überflüssig sind, dass man eigentlich lieber wissen möchte, warum erwachsene Wissenschaftler ihre Zeit und ihre Mittel dafür hergeben.

Im Bad brauchen Männer nur sechs Minuten weniger als Frauen. Diesen geringen Zeitabstand bei der Morgentoilette hat TNS Infratest ermittelt, und es waren Befragte beiderlei Geschlechts, die einräumten, das Duschen stünde für sie bei der Hygiene an erster Stelle. Und hier eine entweder enttäuschende oder ermutigende Neuigkeit für romantisch veranlagte Menschen, die bisher immer dachten, Frauen schauten Männern als Erstes ins Gesicht, ja vor allem in die Augen: Frauen schauen beim Mann als Erstes auf den Penis. Im Centers for Behavioral Neuroscience in Atlanta mussten Männer und Frauen pornographische Fotos betrachten. Die Männer haben den abgebildeten Frauen als erstes ins Gesicht geschaut. Muss die Kulturgeschichte der sexuellen Nachstellung neu geschrieben werden? Und schließlich eine Forschungsfrucht, die nur Hochnäsige für evident und damit überflüssig halten: Selbstzweifel machen unzufrieden.

Schlangen im Gebüsch

Diese und andere Erkenntnisse werden täglich über Presseagenturen in die Redaktionen gespült, auf Internetforen, mal ernst, mal frivol diskutiert und in Fachzeitschriften wie dem European Journal of Physics oder dem Mathematics Magazine und im Laborjournal im seriösen Ton der Wissenschaftler erörtert. Dass Selbstzweifel unzufrieden machen, hat der Heidelberger Psychologe Steve Ayan herausbekommen, und wenn man diese These mit aller gebotenen Plattheit auf die Umtriebe der Wissenschaft münzen möchte, könnte man sagen: Ein Teil jener Studien, die mit grotesken Ergebnissen aufwarten, sind unter Ausschaltung bestimmter Zweifel zustande gekommen.

Gerd Antes, der Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums am Institut für Medizinische Biometrie und Medizinische Informatik, kann eine erfrischende Schärfe in seine Stimme legen, wenn er den Gehalt bestimmter Erhebungen nachmessen soll. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass Frauen, die kurz vor dem Eisprung stehen, am besten geeignet sind, Schlangen in Gebüschen zu entdecken. Die Nachricht liest sich auf den ersten Blick erfreulich, denn immerhin löst sie das dringliche Problem, welche Frauen man vor Büsche stellen kann, in denen es vor Schlangen wimmelt, die man unbedingt einfangen sollte. Gerd Antes sieht sich allerdings in seiner Annahme bestätigt, dass viele Wissenschaftler ihre Daten wie in einem Mixer zusammenmanschen, um ein irgendwie originelles Ergebnis zu produzieren.

"Diese Studie ist absolut schrottig", sagt Antes. Ihr Ergebnis sei vermutlich dadurch zustande gekommen, dass ein Eimer Daten hergenommen und fröhlich zusammengemixt worden sei. "Die vielen Daten, welche der These entgegenlaufen, werden einfach unterschlagen." Schubladenproblem nennt Antes diese allzu gängige Praxis, unliebsame Daten oder Ergebnisse, welche die gewünschte These nicht belegen, zu verschweigen: "Das ist eine schamlose Verletzung von Wissenschaftsprinzipien", sagt Antes, und sie finde sich auch in ernst zu nehmenden Studien. Aber die stehen auf einem anderen Blatt.

Besonders großes Hallo ertönt bei Studien, welche die alten Mysterien der Menschheit beleuchten und unter Umständen sogar bestätigen. Eines davon ist die Vorstellung, dass Wasser ein Gedächtnis habe. Der französische Immunologe Jacques Benveniste hat darlegen wollen, dass einstmals mit Molekülen angereichertes Wasser selbst in hochverdünntem Zustand Heileffekte ausgeben könne. Der Japaner Masaru Emoto meinte sogar beweisen zu können, dass Wasser Gefühle speichern könne - diese und weitere verzweifelte Versuche, das Wasser zu einem liebevollen und heiltätigen Freund der Menschheit zu erklären, scheiterten an der Nichtbeweisbarkeit und der Unseriosität der Forschungsmethoden. Nicht zuletzt ist das Scheitern der Forschung an der Frage, ob Wasser sich an nützliche Atome erinnert, auch ein Rückschlag für die Homöopathie, deren Regeln teilweise auf derlei gefühlten, aber nicht beweisbaren Wirkungen beruhen.

In der seriösen Wissenschaft werden derartige Fehlleistungen natürlich mit Häme und Schadenfreude zur Kenntnis genommen, aber all jene, die hoffen, dass es jenseits der gedeuteten Welt Kräfte gibt, die ihnen hilf-, wenn nicht sogar segensreich sein können, sind enttäuscht. "Hinter derartigen Studien steckt immer auch der Wunsch, den eigenen Glauben abzusichern", sagt Gerd Antes. Das ist das Gegenteil von Fortschrittsdenken. Und natürlich steht noch eine weitere, weniger ideelle Größe hinter den Erhebungen, nämlich die Bereitstellung von Drittmitteln, die zu einem Überschuss an Forschung und Subgruppen-Experimenten führt.

Weil Wissenschaftler wissen, dass ihnen im Allgemeinen die Fähigkeit zum Humor eher abgesprochen wird, betreiben sie lustige Forschung hin und wieder als Sport. An der Havard University wird regelmäßig der ig-Nobelpreis vergeben, ig steht für das englische Wort ignoble, unwürdig. Der unglückselige Jacques Benveniste bekam ihn 1991 für seine, wie gesagt, schwer haltbare These, dass Wasser ein Gedächtnis besitze; auch der unermüdliche Erich von Däniken wurde ausgezeichnet, natürlich für seine Bemühungen, den Einfluss der Wimmeleien im Weltall auf unser tägliches Leben darzulegen. Und im vergangenen Jahr wurde den Biologen Daryll Gwynne und David Rentz auf die Schultern geklopft, weil sie nachweisen konnten, dass sich die tropischen Prachtkäfer (Buprestidae) am allerliebsten mit braunen Bierflaschen paaren.

Im Regen rennen oder gehen?

Manchmal liest man derartig abwegige Studien allerdings auch mit einem vorschnellen Kopfschütteln, beispielsweise die Antworten des italienischen Physikers Franco Bocci auf die Frage, ob man im Regen trockener bleibt, wenn man rennt oder ob es besser ist, langsam zu gehen. Die Antwort mag auf der Hand liegen, nämlich, dass Schnelligkeit den größeren Schutz vor Nässe garantiert. Aber Bocci hat sich ziemlich ins Zeug gelegt, um diese scheinbare Evidenz zu beweisen und sogar zu relativieren. Er hat mit Quadern und Ellipsen experimentiert und konnte den schlanken Menschen empfehlen, mit der Windgeschwindigkeit zu gehen, das bedeutet für den Mitteleuropäer langsam zu gehen. Dicke allerdings täten gut daran, sich zu beeilen, weil sie aufgrund ihres Körpervolumens mehr Flüssigkeit abkriegten als Dünne. Kurios und damit unnütz? "Das ist eine ernsthafte Studie", sagt Gerd Antes, denn sie käme beispielsweise dem Flugverkehr zugute, wenn es zu entscheiden gilt, welche Geschwindigkeit eine Maschine in einem dichten Regengebiet aufnehmen sollte.

Eine andere Studie dagegen könnte Menschen, deren Leben eigentlich unter einem günstigen Stern steht, Mut machen, wenn sie sich nicht in ihrer bizarren Überkonditionierung selbst torpedieren würde. Für die International Study of Infarct Survival haben Mediziner 17.187 Patienten daraufhin untersucht, ob sie mit Aspirin oder einem Placebomittel besser vor Herzinfarkt geschützt seien. In ihrem Eifer haben die Wissenschaftler eine Subgruppe hinzugezogen, bestehend aus Menschen, die das astrologische Sternzeichen Steinbock tragen. Bei ihnen, so das Resultat, sei Aspirin besonders wirksam, während die Träger der Sternzeichen Waage oder Zwilling keinen Vorteil gegenüber Placebo hätten.

Männer haben größere Füße als Frauen

Damit ist das Elend vieler Studien markiert: Die einen beziehen Gruppen mit ein, deren Eigenschaften eher wenig zum Erkenntnisgewinn beisteuern, die andern verzichten auf entsprechende Vergleichsgrößen, um das gewünschte Ergebnis zu produzieren. Denn der Sensationsbefund, dass Menschen, die große Füße haben, mehr Geld verdienen als solche mit kleinen Füßen - diese Studie gibt es tatsächlich - kommt ohne den Hinweis aus, dass das Geschlecht hier berücksichtigt werden sollte, kurz gesagt, dass Männer nun einmal im Schnitt größere Füße vorweisen können als Frauen. Man nennt solche nicht berücksichtigten Messgrößen Confounder, es ist ein Desiderat, mit dem viele Studien zu einem Ergebnis getrieben werden, vor allem die absurden und die spekulativen.

Zu den letzteren gehört jene kürzlich vom Amsterdamer Van Gogh Museum herausgegebene Untersuchung, welches wohl das letzte Bild gewesen sein mag, das Vincent van Gogh gemalt hatte. Nun wusste man schon länger, dass van Gogh in den letzten zwei Monaten seines Lebens manisch alle Leinwände bepinselt hatte, derer er habhaft werden konnte. Dann ging man alte Aufzeichnungen von van Goghs Bruder Theo durch und stieß auf die Beschreibung des Bildes "Baumwurzeln", das im Amsterdamer Museum hängt. Einer der Beweisgründe für die Annahme, "Baumwurzeln" sei van Goghs letztes Werk, lautete, der Künstler habe jedes Bild beendet. Nun könnte der Confounder die fehlende Messgröße sein, dass Vincent van Gogh in den letzten Monaten seines Lebens irrer war als je zuvor, und warum sollte er in seinem Irrsinn nicht auch mal vergessen haben, ein Bild fertigzumalen?

In der Welt der wissenschaftlichen Studie wird dagegen kaum ein Irrsinn vergessen. Und besonders der Irrsinn der Liebe, der in der Sexualität publikumswirksamen Ausdruck findet, wird erforscht wie ein noch nicht entdeckter Kontinent. Die italienische Urologin Maria Cerruto hat bei Frauen zwischen 29 und 49 Jahren die Beckenmuskulatur abgetastet und ist zu dem unumkehrbaren Schluss gekommen, dass Frauen, die hochhackige Schuhe tragen, schneller zum Orgasmus kommen. Interessant wäre eine Anschlussstudie darüber, ob Männer, die diese Studie gelesen haben, die Schuhgeschäfte stürmen und alles Hochhackige aufkauften, was sie in die Finger kriegten.

Eine Gruppe belgischer Forscher kam immerhin so weit, dass sie glaubte, die Fähigkeit von Frauen zum vaginalen Orgasmus an deren Gangart feststellen zu können. Und kann man sich einen unvoreingenommeneren Wissenschaftler vorstellen als den Sozialpsychologen Thierry Meyer, der herausgefunden hat, dass Männer in Wissenstests wesentlich miserabler abschneiden, wenn sie vorher Fotos von Blondinen anstelle von Brünetten angeschaut haben? Das liegt, so Meyer daran, dass Männer ihre Hirnaktivität automatisch reduzieren, um sich mit blonden Frauen auf eine Stufe stellen zu können.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Meyer irgendwie Probleme mit Frauen hat oder lediglich über die Welterfahrung einer Fruchtfliege verfügt, aber wie soll man das beweisen?

Auch Fruchtfliegen frustsaufen

Bei Fruchtfliegen wurde zuletzt nur festgestellt, dass sie Alkohol trinken, wenn sie zu wenig Sex hatten. Diese Studie, vorgenommen an der University of California in San Francisco, ist eine vollkommen seriöse biologische Untersuchung. Sie besagt, dass sich Fruchtfliegen per Alkohol den Botenstoff Neuropeptid F aneignen, den sie sonst nur durch den Geschlechtsverkehr beziehen. In der medialen Präsentation geht diese Forschung natürlich als sexy Schenkelklopfer durch, weil er nahelegt, dass sich Männer zu Recht den Helm vollgießen, wenn sie, na ja.

Seriöse Wissenschaftler werfen ihren sinnlos experimentierenden Kollegen gerne vor, sie seien nicht ergebnisoffen, sondern verfolgten die Absicht, eine These auf Teufel komm raus zu unterfüttern. Ein Verfahren, das der Schweizer Psychologe Willibald Ruch zur Tugend gemacht hat. Ruch ist Professor an der TU Zürich und beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Humors auf Mensch und Gesellschaft, und seine neueste Studie geht so: Ruch und seine Mitarbeiter haben einer Reihe von Probanden verschiedene Witze vorgelegt. Blondinenwitze, wie sie Thierry Meyer schätzt, waren darunter, aber auch subtile, komplizierte und das Abstraktionsvermögen fordernde Scherze.

"Diejenigen, die Blondinenwitze mochten, hörten auch Schlagermusik", sagt Ruch, aber das Interessante an der Studie ist ihre letzte Eskalationsstufe: Menschen, die Blondinenwitze mögen, Schlagermusik goutieren, die sind auch für die Todesstrafe. Dies zu evaluieren war das Ziel der Studie, und wenn man seinen Erhebungen eine Theorie zugrunde lege, sei das Ganze durchaus logisch: "Wenn man es schafft, all diese Daten so weit wie möglich auseinander zu platzieren", sagt Ruch, "dann ist es nicht mehr skurril, sondern elegant."

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Quelle:
SZ vom 22.09.2012/mahu
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