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Absurde Studien:Das Gedächtnis des Wassers

Besonders großes Hallo ertönt bei Studien, welche die alten Mysterien der Menschheit beleuchten und unter Umständen sogar bestätigen. Eines davon ist die Vorstellung, dass Wasser ein Gedächtnis habe. Der französische Immunologe Jacques Benveniste hat darlegen wollen, dass einstmals mit Molekülen angereichertes Wasser selbst in hochverdünntem Zustand Heileffekte ausgeben könne. Der Japaner Masaru Emoto meinte sogar beweisen zu können, dass Wasser Gefühle speichern könne - diese und weitere verzweifelte Versuche, das Wasser zu einem liebevollen und heiltätigen Freund der Menschheit zu erklären, scheiterten an der Nichtbeweisbarkeit und der Unseriosität der Forschungsmethoden. Nicht zuletzt ist das Scheitern der Forschung an der Frage, ob Wasser sich an nützliche Atome erinnert, auch ein Rückschlag für die Homöopathie, deren Regeln teilweise auf derlei gefühlten, aber nicht beweisbaren Wirkungen beruhen.

In der seriösen Wissenschaft werden derartige Fehlleistungen natürlich mit Häme und Schadenfreude zur Kenntnis genommen, aber all jene, die hoffen, dass es jenseits der gedeuteten Welt Kräfte gibt, die ihnen hilf-, wenn nicht sogar segensreich sein können, sind enttäuscht. "Hinter derartigen Studien steckt immer auch der Wunsch, den eigenen Glauben abzusichern", sagt Gerd Antes. Das ist das Gegenteil von Fortschrittsdenken. Und natürlich steht noch eine weitere, weniger ideelle Größe hinter den Erhebungen, nämlich die Bereitstellung von Drittmitteln, die zu einem Überschuss an Forschung und Subgruppen-Experimenten führt.

Weil Wissenschaftler wissen, dass ihnen im Allgemeinen die Fähigkeit zum Humor eher abgesprochen wird, betreiben sie lustige Forschung hin und wieder als Sport. An der Havard University wird regelmäßig der ig-Nobelpreis vergeben, ig steht für das englische Wort ignoble, unwürdig. Der unglückselige Jacques Benveniste bekam ihn 1991 für seine, wie gesagt, schwer haltbare These, dass Wasser ein Gedächtnis besitze; auch der unermüdliche Erich von Däniken wurde ausgezeichnet, natürlich für seine Bemühungen, den Einfluss der Wimmeleien im Weltall auf unser tägliches Leben darzulegen. Und im vergangenen Jahr wurde den Biologen Daryll Gwynne und David Rentz auf die Schultern geklopft, weil sie nachweisen konnten, dass sich die tropischen Prachtkäfer (Buprestidae) am allerliebsten mit braunen Bierflaschen paaren.

Im Regen rennen oder gehen?

Manchmal liest man derartig abwegige Studien allerdings auch mit einem vorschnellen Kopfschütteln, beispielsweise die Antworten des italienischen Physikers Franco Bocci auf die Frage, ob man im Regen trockener bleibt, wenn man rennt oder ob es besser ist, langsam zu gehen. Die Antwort mag auf der Hand liegen, nämlich, dass Schnelligkeit den größeren Schutz vor Nässe garantiert. Aber Bocci hat sich ziemlich ins Zeug gelegt, um diese scheinbare Evidenz zu beweisen und sogar zu relativieren. Er hat mit Quadern und Ellipsen experimentiert und konnte den schlanken Menschen empfehlen, mit der Windgeschwindigkeit zu gehen, das bedeutet für den Mitteleuropäer langsam zu gehen. Dicke allerdings täten gut daran, sich zu beeilen, weil sie aufgrund ihres Körpervolumens mehr Flüssigkeit abkriegten als Dünne. Kurios und damit unnütz? "Das ist eine ernsthafte Studie", sagt Gerd Antes, denn sie käme beispielsweise dem Flugverkehr zugute, wenn es zu entscheiden gilt, welche Geschwindigkeit eine Maschine in einem dichten Regengebiet aufnehmen sollte.

Eine andere Studie dagegen könnte Menschen, deren Leben eigentlich unter einem günstigen Stern steht, Mut machen, wenn sie sich nicht in ihrer bizarren Überkonditionierung selbst torpedieren würde. Für die International Study of Infarct Survival haben Mediziner 17.187 Patienten daraufhin untersucht, ob sie mit Aspirin oder einem Placebomittel besser vor Herzinfarkt geschützt seien. In ihrem Eifer haben die Wissenschaftler eine Subgruppe hinzugezogen, bestehend aus Menschen, die das astrologische Sternzeichen Steinbock tragen. Bei ihnen, so das Resultat, sei Aspirin besonders wirksam, während die Träger der Sternzeichen Waage oder Zwilling keinen Vorteil gegenüber Placebo hätten.

Männer haben größere Füße als Frauen

Damit ist das Elend vieler Studien markiert: Die einen beziehen Gruppen mit ein, deren Eigenschaften eher wenig zum Erkenntnisgewinn beisteuern, die andern verzichten auf entsprechende Vergleichsgrößen, um das gewünschte Ergebnis zu produzieren. Denn der Sensationsbefund, dass Menschen, die große Füße haben, mehr Geld verdienen als solche mit kleinen Füßen - diese Studie gibt es tatsächlich - kommt ohne den Hinweis aus, dass das Geschlecht hier berücksichtigt werden sollte, kurz gesagt, dass Männer nun einmal im Schnitt größere Füße vorweisen können als Frauen. Man nennt solche nicht berücksichtigten Messgrößen Confounder, es ist ein Desiderat, mit dem viele Studien zu einem Ergebnis getrieben werden, vor allem die absurden und die spekulativen.

Zu den letzteren gehört jene kürzlich vom Amsterdamer Van Gogh Museum herausgegebene Untersuchung, welches wohl das letzte Bild gewesen sein mag, das Vincent van Gogh gemalt hatte. Nun wusste man schon länger, dass van Gogh in den letzten zwei Monaten seines Lebens manisch alle Leinwände bepinselt hatte, derer er habhaft werden konnte. Dann ging man alte Aufzeichnungen von van Goghs Bruder Theo durch und stieß auf die Beschreibung des Bildes "Baumwurzeln", das im Amsterdamer Museum hängt. Einer der Beweisgründe für die Annahme, "Baumwurzeln" sei van Goghs letztes Werk, lautete, der Künstler habe jedes Bild beendet. Nun könnte der Confounder die fehlende Messgröße sein, dass Vincent van Gogh in den letzten Monaten seines Lebens irrer war als je zuvor, und warum sollte er in seinem Irrsinn nicht auch mal vergessen haben, ein Bild fertigzumalen?