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70 Jahre Hiroshima und Nagasaki:"Japaner hatten Angst, dass die Hibakushas ansteckend sind"

Weiß man, warum die Strahlung diese Alltagskrankheiten auslöst?

Nein, das ist eine offene Frage, die nicht einfach zu klären ist. Ich vermute, dass es mit den Blutgefäßen zu tun hat, bei denen - je nach genetischer Veranlagung - eine unterschiedliche Strahlensensibilität vorliegen kann. Bei Strahlenexposition könnten die Blutgefäße brüchig werden und durchlässig für Krankheitserreger. So ließen sich diese Alltagskrankheiten womöglich erklären. Aber das ist bislang Spekulation.

Können die Schäden auch vererbt werden, wie Sie angedeutet haben?

Bis heute haben die Nachsorgeuntersuchungen der Söhne und Töchter der Überlebenden zum Glück kein erhöhtes Krebsrisiko ergeben. Das ist überraschend, aus Tierversuchen ist bekannt, dass Krebsrisiko bei Mäusen durchaus vererbt werden kann. Genau das ist bei den Überlebenden nicht statistisch nachzuweisen. Für die Überlebenden der Katastrophe ist es sehr wichtig, das zu wissen. Jahrzehntelang waren sie eine Art geächtete Kaste in Japan.

Inwiefern?

In der japanischen Gesellschaft bezeichnete man die Überlebenden der Abwürfe als Hibakushas, "Explosionsopfer". Sie haben sich organisiert, weil sie lange diskriminiert wurden. Man konnte ihnen ja häufig die Verbrennungen und die Strahlenschäden ansehen. Viele Japaner hatten Angst, dass die Hibakushas ansteckend sind, und dass auch ihre Kinder Schäden vererbt bekommen. Deshalb wurden sie gemieden und litten entsprechend darunter.

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Hält sich diese Vorstellung bis heute?

Ein ähnlicher Effekt hat sich leider nach Fukushima gezeigt: In der Bevölkerung gab es große Vorbehalte gegenüber den Betroffenen aus den evakuierten Gebieten. Sie wurden nicht mit der gebührenden Hilfsbereitschaft aufgenommen, es gab eine echte Flüchtlingsproblematik. Dabei ist Japan wegen der Erdbeben und Tsunamis eigentlich Großkatastrophen gewöhnt, man hilft sich gegenseitig. Doch hier kamen die Vorurteile völlig unreflektiert wieder zum Vorschein. Für ein aufgeklärtes Land ist das erstaunlich.

Was bedeutete das für den Hilfseinsatz?

Zum Glück hatte man nach Fukushima keine Strahlenerkrankten, es wurde rechtzeitg evakuiert und kontaminierte Nahrung wurde aus dem Verkehr gezogen. Die Hauptfolgen des Reaktorunglücks waren schwerste psychische Traumata. Nach dem Reaktorunglück wurden deshalb sinnvollerweise keine Strahlenkliniken, sondern mehrere neue psychiatrische Kliniken gebaut, um den Menschen bei der Bewältigung zu helfen.

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