Süddeutsche Zeitung

60 Jahre Hiroshima:Leo Szilard - Vater und Gegner der Atombombe

J. Robert Oppenheimer steht für die Entwicklung der Atombombe, Albert Einstein hat ihre Erforschung angeregt. Doch der geistige Vater der Waffe war der Physiker Leo Szilard, der sich gegen den Abwurf der Bomben über Japan einsetzte, wie kein anderer. Sein Leben ist eine Geschichte von Wissenschaft, von Verantwortung und vom Scheitern.

Denkt man an die Wissenschaftler, die die Atombombe gebaut haben, fällt einem zuerst J. Robert Oppenheimer ein, unter dessen Leitung das Projekt stand - und vielleicht Albert Einstein.

Dessen Brief an US-Präsident Roosevelt, in dem der berühmte Physiker warnte, die Nazis könnten eine Superbombe bauen, führte dazu, dass die Amerikaner das Manhattan-Projekt ins Leben riefen, an dessen Ende Little Boy und Fat Man standen, Hiroshima, Nagasaki und der Kalte Krieg.

Ein Name, der in diesem Zusammenhang eher selten fällt, ist Leo Szilard. Doch es war das Engagement des 1898 in Ungarn geborenen Szilard, auf den sich das ganze Projekt letztlich zurückführen lässt. Er war der Visionär und Initiator der Bombe - die zugleich die große Tragödie seines Lebens werden sollte.

Szilard hatte bereits im September 1933 die Möglichkeit einer Kettenreaktion mit Atomkernen vorhergesagt, die sich durch Neutronenbeschuss auslösen lassen würde. Unter seinen Kollegen war die Idee jedoch heftig umstritten. Führende Forscher wie Lord Rutherford, Enrico Fermi und Otto Hahn glaubten nicht daran, dass Kerne sich überhaupt spalten ließen.

Doch Szilard war in der Szene der Kernphysiker eine wichtige Stimme. Er galt als einer der unkonventionellsten Denker. Immer wieder überraschte er seine Kollegen mit originellen Vorstellungen - die er aber meist nicht selbst weiter verfolgte, sondern anderen überließ.

"Er war mit seinen Ideen so großzügig wie ein Maori-Häuptling mit seinen Frauen", berichtete etwa Jacques Monod, einer der bekanntesten Biologen seiner Zeit.

So wurden seine Überlegungen durchaus ernst genommen - auch wenn sie zum Teil angeregt wurden durch den Science-Fiction-Roman "A World Set free" von H.G. Wells. Wells, Autor von "Krieg der Welten" hatte schon 1914 eine Welt beschrieben, in der die Menschheit die Atomenergie als unerschöpfliche Energiequelle benutzt - und einen Atomkrieg führt.

Flucht aus Deutschland

1933 war Szilard, der als Jude geboren wurde und in Berlin studiert hatte, bereits aus Deutschland nach England migriert. Spätestens nach dem Reichstagsbrand war ihm klar, wohin Deutschland steuern würde. Sein Geld hatte er schon 1930 auf eine Schweizer Bank in Sicherheit gebracht. In London setzte er sich dann mit Erfolg für andere emigrierte Wissenschaftler ein, während er selbst lange keinen Job fand.

1934 dann reichte er eine Patentschrift beim britischen Patentamt ein, in dem zum ersten Mal eine nukleare Kettenreaktion und die Idee der Kritischen Masse beschrieben wurde. Doch damit seine Daten nicht veröffentlicht wurden, übertrug er das Patent der Britischen Admiralität.

In den folgenden Jahren warnte Szilard immer wieder vor einem bevorstehenden Krieg. "Ein Jahr, bevor Hitler den Krieg beginnt, werde ich auswandern", kündigte er an. Und als Deutschland 1938 große Teile der Tschechoslowakei annektierte, kehrte er von einer Reise nach Amerika nicht mehr nach Europa zurück.

"Die Welt steuert auf ein Unglück zu"

In den USA hörte er Anfang 1939 von einem Phänomen, das die Berliner Wissenschaftler Otto Hahn und Fritz Straßmann beobachtet hatten: Beim Beschuss von Uran mit Neutronen war Barium entstanden - erstmals hatten Physiker einen Atomkern gespalten. Und Szilard hatte Recht behalten.

Sofort machte er sich - mehr geduldet als erwünscht - in den Laboratorien der Columbia University in New York daran, seine zweite Annahme zu überprüfen: Bei der Spaltung würden Neutronen frei - die Voraussetzung für eine Kettenreaktion. Am 3. März 1939 bewiesen Lichtblitze, die Szilard mit seinem Kollegen Walter Zinn auf einer Fernsehröhre beobachtete, dass seine Überlegungen auch hier zutrafen.

"In dieser Nacht", so erinnerte sich Szilard später, "hatte ich keine Zweifel, dass die Welt auf ein Unglück zusteuert."

Wenige Tage später bestätigten der Nobelpreisträger Enrico Fermi in New York und Frédéric Joliot in Paris die Resultate Szilards.

Dies, so wusste Szilard, bedeutete die Möglichkeit der Bombe.

Noch hatte er Hoffnung, die Entwicklung einer solchen Waffe mit Hilfe seiner Kollegen zu verhindern. Alle beteiligten Wissenschaftler, so forderte er, sollten ihre Ergebnisse geheim halten.

Insbesondere Joliot sandte er etliche Briefe mit der Bitte, seine Daten nicht zu veröffentlichen. Doch Joliot hörte nicht auf ihn - und da der Franzose seine Forschungsergebnisse publizieren würde, sah auch Fermi keinen Sinn mehr darin, seine Daten zurückzuhalten.

Im Frühsommer 1939 wurden alle Ergebnisse - auch die von Szilard selbst - veröffentlicht. Damit hatten die deutschen Wissenschaftler wie Heisenberg und von Weizsäcker das theoretische Handwerkszeug zur Verfügung, um die von Szilard vorausgesagte Bombe zu bauen - wenn sie an genug Uran kommen würden.

Das Metall aber wurde vor allem von einer belgischen Firma in Belgisch-Kongo gefördert. Belgien, so schloss Szilard, konnte einen Uran-Export nach Hitler-Deutschland verhindern.

Der Brief an Roosevelt

Wie Szilard wusste, hatte Albert Einstein, mit dem er einige Patente zusammen eingereicht hatte, gute Kontakte zur belgischen Königin Elisabeth. Zusammen mit Eugene Wigner, einem ebenfalls aus Ungarn stammenden Kollegen, besuchte er Einstein in dessen Urlaubsdomizil auf Long Island.

Nach einer langen Diskussion entschieden sich die drei, dass Einstein einen Brief an US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt schicken sollte, um ihn vor der drohenden Entwicklung einer Atombombe durch Nazi-Deutschland zu warnen. Man müsste also, so der Schluss, selbst die Möglichkeit untersuchen, eine solche Bombe zu bauen.

Gemeinsam entwarfen die drei Physiker einen ersten Brief, der dann von Szilard überarbeitet und in einer langen und kurzen Version verfasst wurde. Am 2. August 1939 unterschrieb Albert Einstein beide Briefe.

Der Nobelpreisträger und Pazifist erklärte später: "Meine Beteiligung an der Erzeugung der Atombombe bestand in einer einzigen Handlung: Ich unterzeichnete einen Brief an Präsident Roosevelt [...]."

Der längere der beiden Briefe wurde an Roosevelt übergeben, als in Europa bereits der Krieg ausgebrochen war. Doch zunächst geschah nicht viel.

Erst im Herbst 1940 wurde Fermi und Szilard genug Geld zur Verfügung gestellt, um an der Entwicklung eines Atomreaktors zu arbeiten - wobei allerdings die handwerkliche Arbeit überwiegend Fermi und sein Team leisteten. Szilard dachte lieber nach, ohne sich körperlich anzustrengen.

Nach ersten Erfolgen des Fermi-Szilard-Teams kam die US-Regierung zum Schluss, dass die Atombombe möglich sei - und auch die Deutschen sie entwickeln könnten. Und diesmal blieben die wissenschaftlichen Ergebnisse - wie von Szilard gewünscht - geheim.

Das Manhattan-Projekt beginnt

Alle Arbeiten im Zusammenhang mit der Kernenergie wurden schließlich unter dem Code-Namen "Manhattan-Projekt" zusammengefasst, die Leitung dem Physiker J. Robert Oppenheimer übertragen.

Weitere wichtige Wissenschaftler waren drei weitere geflüchtete Ungarn, Edward Teller, der spätere Vater der Wasserstoffbombe, Johann von Neumann und Eugene Wigner, die mit Szilard die "ungarische Konspiration" bildeten, wie Szilard selbst es nannte.

Die Hauptarbeit wurde anfänglich in den Metallurgischen Labors der Universität von Chicago geleistet. Geld spielte jetzt keine Rolle mehr. Im Dezember 1942 dann gelang die erste Kettenreaktion in Fermis und Szilards Neutronen-Reaktor.

Szilard, wieder einmal bestätigt, erklärte, dieser Tag würde als schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit eingehen. In diesem Jahr notierte er, die Bomben würden Unheil über die Welt bringen, "auch wenn wir sie als erste haben und den Krieg gewinnen.

Während seine Forscher-Kollegen mit dem unkonventionell arbeitenden Szilard schon genug Probleme hatten, ihn aber aufgrund seines Genies zu schätzen wussten, wollte der militärische Leiter des Manhattan-Projekts, General Leslie Groves, den geistigen Vater der Atombombe sogar als "ausländischen Feind" einsperren lassen. Denn: der 1943 eingebürgerte Szilard war einfach nicht bereit, sich den militärischen Sicherheitsbestimmungen unterzuordnen.

Auch hatte der Physiker Probleme damit, dass zunehmend das Militär das Kommando über die Wissenschaftler übernahm.

Als Oppenheimer, Fermi und etliche weitere Physiker schließlich nach Los Alamos in der Wüste New Mexicos umzogen, blieb Szilard in den Metallurgischen Labors und arbeitete weiter an der Entwicklung eines Kernreaktors.

Der Sinneswandel

Dann kam das Frühjahr 1945 - und plötzlich war alles anders. Nach den Erfolgen der Alliierten in Europa war abzusehen, dass Deutschland nicht nur den Krieg verlieren würde, sondern auch keine Atombombe entwickelt hatte.

Auf Hitler-Deutschland hätte Leo Szilard eine Atombombe geworfen, um eine deutsche Kernwaffe zu verhindern. Doch dieser Feind war so gut wie besiegt.

Szilard beschloss deshalb, sich erneut an Roosevelt zu wenden, in der Hoffnung, die Gefahren aus der Büchse der Pandora, die er geöffnet hatte, ließen sich mit internationaler Kontrolle bändigen. Auch wollte er verhindern, dass die Bombe eingesetzt würde.

Wieder suchte er Einsteins Unterstützung - und bekam sie. Für den 8. Mai war ein Treffen mit Roosevelts Frau Eleanor geplant. Doch Roosevelt, der bereits einmal auf den Nobelpreisträger gehört hatte, starb am 12. April 1945.

Im Weißen Haus saß jetzt Harry S. Truman. Als Vizepräsident war er von Roosevelt jedoch nicht in die Außenpolitik eingebunden worden. Von der Atombombe erfuhr Truman erst am 25. April, als er schon 13 Tage im Amt ist.

Leo Szilard wurde deshalb an James Byrnes verwiesen. Byrnes war einer der engsten Vertrauten Roosevelts gewesen, wurde gar als "assistant president" tituliert, obwohl er nie einen Posten in der ersten Reihe erhalten hatte. Nun war Byrnes der Berater des neuen Präsidenten.

Am 28. Mai traf Szilard mit Byrnes zusammen. Der spätere Außenminister Byrnes aber interessierte sich nicht besonders für den unbequemen Szilard und sein Anliegen.

Er sorgte sich bereits um die Sowjetunion und sah in der Bombe ein mögliches Druckmittel gegen Stalin. Und immerhin, so Byrnes zu Szilard, hatten die USA zwei Milliarden Dollar für die Entwicklung der Bombe ausgegeben. Dafür müsste man dem Kongress schließlich ein Resultat vorweisen.

Eine Bombe auf Japan - ohne Vorwarnung

Schon neun Tage bevor sie Truman informierten, hatten sich im Pentagon General Groves, Colonel Tibbets sowie einige Offiziere und Wissenschaftler getroffen, um mögliche Ziele für die Atombombe festzulegen.

Ende April 1945 rief Truman das Interim-Komitee ins Leben, eine aus Politikern, Militärs und Wissenschaftlern - darunter Oppenheimer und Fermi - zusammengesetzte Sachverständigenkommission, die ihn in Fragen der Atombombenpolitik beraten sollte.

In der entscheidenden Sitzung am 31. Mai 1945 empfahl das Komitee Truman, die Atombombe baldmöglichst gegen Japan einzusetzen - ohne Vorwarnung. Neben Kriegsminister Henry Stimson war Byrnes der einflussreichste Politiker in diesem Gremium.

Nach der Sitzung vom 31. Mai suchte Byrnes Truman auf und plädierte persönlich für den Einsatz der Bombe. Dabei erwähnte er nur die höchste Schätzung, wie viele amerikanische Soldaten bei einer Land-Invasion Japans fallen würden: 500.000.

Unter diesem Eindruck stimmte Truman dem Einsatz der Atombombe zu - so wie vom Interim-Komitee vorgeschlagen: ohne Vorwarnung. Dokumentiert ist, dass zumindest ein wissenschaftlicher Protest Truman bald darauf erreicht hat.

Der Ingenieur Oswald C. Brewster, der bei frühen Versuchen die Uran-Isotope zu trennen geholfen hatte, schrieb am 24. Mai 1945 einen eindringlichen Appell an den Präsidenten.

Über Kriegsminister Stimson gelangte der Brief in Trumans Büro: "Dieses Ding darf auf Erden nicht zugelassen werden", schrieb Brewster. "Wir dürfen nicht das meistgehasste und meistgefürchtete Volk der Erde werden, wie gut unsere Absichten auch sein mögen." Am 2. Juni kam der Brief zurück zu Stimson - ohne Kommentar des obersten Kriegsherren.

Der Franck-Report

Auch viele Mitarbeiter des Manhattan-Projekts in Chicago waren nicht mit einem atomaren Überraschungsangriff auf Japan einverstanden. An der Universität wurde eine Kommission von sieben Forschern beauftragt, einen Bericht über die Konsequenzen der Atomenergie zu erstellen.

Der Franck-Report, an dem Leo Szilard maßgeblich beteiligt war, forderte den Kriegsminister Stimson am 11. Juni auf, die Waffe in einer öffentlichen Demonstration den Vertretern anderer Länder vorzuführen. Danach sollte Japan ein Ultimatum gestellt werden.

Stimson gab den Bericht an den Wissenschaftlichen Ausschuss unter Oppenheimer weiter - doch der blieb bei seiner Empfehlung, die Bombe militärisch einzusetzen.

Am 16. Juli begann das Atomzeitalter, als in der Wüste von New Mexico die Zündung der ersten Plutonium-Bombe erfolgreich verlief. "Was für eine Explosion!", schrieb General Groves in einem Memorandum an Truman.

Leo Szilard aber gab nicht auf. Während General Grove sich bemühte, Beweise dafür zu finden, dass der Emigrant ein Verräter war, entwarf Szilard am 17. Juli eine eigene Petition, in der er forderte, Japan zumindest zu warnen und die Chance auf eine Kapitulation zu geben.

"Viele von uns neigen dazu, zu sagen, dass einzelne Deutsche die Schuld mittragen an den Handlungen Deutschlands im Krieg, da sie ihre Stimme nicht zum Protest dagegen erhoben haben. Ihre Verteidigung, dass ein Protest nicht genutzt hätte, erscheint kaum akzeptabel, obwohl diese Deutschen sich durch einen Protest in Lebensgefahr gebracht hätten.

Wir sind in der Position unsere Stimmen ohne solches Risiko zu erheben, auch wenn wir uns den Missmut derjenigen zuziehen, die derzeit die 'Atomkraft' kontrollieren", begründete Szilard seine Petition gegenüber seinen Kollegen.

Seine Petition unterschrieben insgesamt 70 der Atomforscher, darunter auch Eugene Wigner. Szilard schickte das Dokument nach Washington, doch man muss davon ausgehen, dass Truman das Papier niemals gesehen hat.

"Frauen und Kinder sind kein Ziel"

Eine Woche später, am 25. Juli, schrieb der US-Präsident während der Konferenz der Vier Siegermächte in Potsdam in sein Tagebuch: "Wir haben die schrecklichste Bombe in der Geschichte der Welt entdeckt."

Er habe, so schrieb er in sein Tagebuch, seinem Kriegsminister Stimson aufgefordert, "die Waffe nur so anzuwenden, dass militärische Objekte und Soldaten und Seeleute das Ziel sind, und nicht Frauen und Kinder."

Der schriftliche Befehl Trumans lautete: "Release when ready" - abwerfen, sobald einsatzbereit.

Ebenfalls am 25. Juli gab General Groves dem Kommandeur der United States Army Strategic Air Forces, General Carl Spaatz, die Order, "so bald das Wetter nach dem 3. August einen Bombenabwurf auf Sicht zulässt, Ihre erste Spezialbombe auf eines der Ziele abzuwerfen: Hiroshima, Kokura, Niigata und Nagasaki.

Keine Rede war davon, dass es sich hierbei nicht um rein militärische Ziele handelte, sondern um Städte.

Truman wusste, was er tat. Die Wissenschaftler hatten die Auswirkungen der Bombe erforscht. Was niemand vorausgesehen hatte, war das Ausmaß der Schäden durch radioaktive Strahlung.

Für den US-Präsidenten war die Sache klar: Mittels der neuen Superwaffe wollte er Japans sofortige Kapitulation erzwingen. Deswegen musste der Einsatz unbedingt gelingen. Dazu brauchten die USA den Überraschungseffekt, der durch eine Warnung Japans, wie vielfach gefordert, verloren gegangen wäre.

Am 6. August stieg über der japanischen Stadt Hiroshima der Atompilz auf.

"Truman hatte überhaupt nicht verstanden, worum es ging"

Leo Szilard erklärte später in einem Interview: "Truman hatte überhaupt nicht verstanden, worum es ging. Das zeigt die Sprache, die er verwendete.

Auf dem Weg zurück von Potsdam erklärte er der New York Times zum Bombenabwurf über Hiroshima:'Wir haben zwei Milliarden Dollar im größten wissenschaftlichen Spiel in der Geschichte gesetzt, und gewonnen.' Das beleidigt meinen Sinn für Verhältnismäßigkeit."

Harry S. Truman hat immer zu seiner Entscheidung gestanden. Bald nach der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis am 6. und 9. August 1945 trat der Leiter des Manhattan Projects, Robert Oppenheimer zurück.

Beim Abschied von Harry Truman sagte er: "Mr. Präsident, ich habe Blut an meinen Händen." Doch der mächtigste Mann der Welt erwiderte nur: "Wenn hier an jemandem Blut klebt, dann an mir."

1958 bestätigte er dem Stadtrat von Hiroschima per Brief, dass er den Einsatz der Bombe unter vergleichbaren Umständen wieder befehlen würde.

"Einer der größten Fehler in der Geschichte"

Leo Szilard erfuhr von der Zerstörung der Stadt wie die meisten Menschen aus dem Radio. Am nächsten Tag hielt er fest: "Der Einsatz der Bombe gegen Japan ist einer der größten Fehler in der Geschichte, [...]. Ich habe getan, was ich konnte, um das zu verhindern, aber ohne Erfolg." Den Abwurf der zweiten Atombombe auf Nagasaki wenige Tage später hielt er für eine reine Grausamkeit.

Szilard, überzeugt davon, dass die Russen die Bombe ebenfalls entwickeln würden, sagte nun einen Rüstungswettlauf der Großmächte voraus.

Den Rest seines Lebens bemühte er sich darum, diesen Rüstungswettlauf zu bremsen.

So gründete er ein Jahr nach dem Krieg zusammen mit Albert Einstein das Emergency Committee of Atomic Scientists. Ziel der Organisation war es, die Öffentlichkeit vor den Gefahren zu warnen, die von Atomwaffen ausgingen, und die friedliche Nutzung der Kernenergie zu fördern. Fernziel der Wissenschaftler war der "Weltfrieden".

1947 schrieb er einen Brief an Josef Stalin - und das US-Justizministerium drohte ihm mit Gefängnis. Sein Vorschlag war, Stalin und Truman sollten sich in einer Radioansprache zum jeweils anderen Volk sprechen. (1988 wurde die Idee von Ronald Reagan und Michael Gorbatschow umgesetzt.)

Mit Nikita Chruschtschow sprach Szilard persönlich und empfahl die Einrichtung einer direkten Telefonverbindung zwischen Washington und Moskau.

Kampf gegen die Wasserstoffbombe

Darüber hinaus organisierte er Konferenzen, auf denen Wissenschaftler aus Ost und West über Wege zum Frieden und Sicherheit diskutierten. 1950 versuchte er die Entwicklung der Wasserstoffbombe durch seinen alten Freund Edward Teller zu stoppen - erneut bemühte er sich vergeblich.

Auch die Kennedy-Regierung fand 1961 keine Gnade in den Augen des genialen Wissenschaftlers: "In Washington hat Weisheit derzeit keine Chance, sich durchzusetzen", stellte Szilard fest und warnte vor einer nuklearen Krise. Ein Jahr später stand die Welt aufgrund der Kuba-Krise kurz vor dem 3. Weltkrieg.

Zusammen mit anderen gründete Szilard den "Council for a Livable World", eine Organisation von Wissenschaftlern, die sich in den USA bis heute bemühen, Einfluss auf die Politik zu nehmen, um die Abrüstung voranzutreiben.

Die Physik, die sich zu einem Werkzeug der Zerstörung entwickelt hatte, hatte Szilard 1948 aufgegeben und sich - im stolzen Alter von 48 Jahren - der Wissenschaft vom Leben zugewendet: der Biologie. Auch hier machte er sich bald einen Namen als origineller Forscher. 1959 dann erkrankte er an Blasenkrebs, den er mit Hilfe einer selbst entwickelten Strahlentherapie besiegte.

Am 30. Mai 1964 starb Leo Szilard an den Folgen eines Herzanfalls im Schlaf. Er wurde 66 Jahre.

In einem Vorwort zu einer Sammlung von Science-Fiction-Geschichten*, die Szilard verfasste, stellte der deutsche Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker fest: "Das quälende Schicksal dessen, der weiter in die Zukunft sieht als seine Mitmenschen und der verstanden wird, wenn es zu spät ist, ist ihm nicht erspart geblieben. Verzweiflung mag ihn deshalb oft angewandelt haben. Aber er hat ihr nie erlaubt, ihn zur Untätigkeit zu zwingen."

*Leo Szilard: Die Stimme der Delphine. Utopische Erzählungen. rororo 1961

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