bedeckt München

Buschbrände:"Unser Lebenssystem ist viel verletzlicher, als wir vor ein paar Jahren gedacht haben"

October 27, 2020, Chino Hills, California, USA: Flames from the Blue Ridge Fire burns above homes along Coyote St. in C

Feuer in Kalifornien bedrohen immer öfter auch Wohngebiete.

(Foto: Watchara Phomicinda/imago images/ZUMA Press)

In Kalifornien brennt es - immer noch und schon wieder. Der Klimawandel sorgt für Brände ungekannten Ausmaßes. Feuerökologin Kirsten Thonicke über die Gefahren, die noch auf uns zukommen.

Von Maria-Mercedes Hering

SZ: In den vergangenen Wochen schienen sich die Brände in Kalifornien etwas abgeschwächt zu haben. Warum brennt es dort nun wieder so stark?

Kirsten Thonicke: Die Brandsaison geht in Kalifornien eigentlich bis in den November, manchmal bis in den Dezember hinein. Wir haben dort ja mediterranes Klima, also ähnlich dem im Mittelmeerraum. Da endet die Feuersaison, wenn der Winterregen einsetzt. Die Feuer, die jetzt dort auftreten, gehören also noch zur diesjährigen Feuersaison. Die Gefahr war noch gar nicht vorbei.

Welchen Einfluss hat der Klimawandel generell auf die Gefahr von Waldbränden?

Bei den Waldbränden ist es eine indirekte Beeinflussung: Durch die Trockenheit oder die extreme Hitze ist das Feuerrisiko größer geworden. Beides ist durch den Klimawandel sehr viel wahrscheinlicher geworden, der Klimawandel hat da statistisch nachweisbar einen Beitrag geleistet. Und wenn Feuer ausbrechen, sind auch deren Auswirkungen viel schlimmer, weil die Feuer sehr intensiv brennen.

Kann man sagen, dass es auf der Welt heute mehr brennt als vor 20 oder vor 50 Jahren?

Nein, das kann man nicht. Wenn Sie jetzt die weltweite Waldbrandfläche zusammenzählen, dann ist der Trend laut den Satellitendaten über die letzten 20 Jahre sogar rückläufig. Aber dieser Trend wird durchbrochen von extremen Jahren, die eben noch extremer ausfallen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Zeigt sich das auch in Kalifornien?

Ja. Hier sind die Feuer auf eine extreme Trockenheit zurückzuführen. Kalifornien hatte in den vergangenen zehn Jahren schon mit einer Mega-Dürre zu tun, die über mehrere Jahre anhielt. Dann kam wieder ein relativ feuchtes Jahr und jetzt war es wieder extrem trocken. Die Vegetation ist immer noch oder war schon wieder extrem gestresst durch diese Trockenheit.

Hinzu kam eine spezielle Konstellation: dass ein Wettersystem mit sehr vielen Regenwolken und Gewitterwolken auf eine Luftmassegrenze stieß. Das hat zu sehr vielen Blitzschlägen im August geführt. Die haben die Brände entfacht, die zu diesem Megafeuer geführt haben und damit einen Monat früher die Feuersaison eröffnet haben.

Kirsten Thonicke, PIK

Feuerökologin Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

(Foto: PIK)

Wird der Mensch in Zukunft mit solchen heftigen Feuern leben müssen?

Auf jeden Fall. Mit der Erwärmung haben wir es auch mit stärkeren oder häufigeren Klimaextremen zu tun. Die bewirken mehr Dürre oder Hitzewellen in bestimmten Regionen. Diese wiederum führen zu mehr Feuer, sodass es immer wieder zu diesen extremen Feuerereignisse kommen kann.

Schon jetzt, bei weniger als einem Grad Temperaturunterschied durch die globale Erwärmung, sehen wir einen extremen Ausschlag in der Klimavariabilität. Bei 1,5 oder zwei Grad wird das wahrscheinlich noch öfter oder noch schlimmer passieren. Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen.

Was bedeutet das konkret?

Thonicke: Nicht umsonst wird in den USA diskutiert, ob es nicht Gebiete geben könnte, die nicht mehr bewohnbar sind, weil die Gefahr von Bränden so groß und für die Leute der Stress enorm groß ist, wenn sie andauernd evakuiert werden und ihre Häuser abbrennen.

Es könnte dann Gegenden geben, in denen man wegen der Feuergefahr gar nicht mehr leben kann?

Genau. Viel größere Flächen oder Regionen sind vielleicht ohnehin durch die zunehmenden Hitzewellen betroffen, die hohen Temperaturen machen es für den Menschen unmöglich, dort weiter zu wohnen. Diese Gebiete könnten, solange dort noch etwas wächst, zusätzlich von Feuern, auch Megafeuern betroffen sein. Im Death Valley wurden am 16. August 2020 zum Beispiel 54 Grad Celsius gemessen, die wahrscheinlich höchste gemessene Lufttemperatur, seitdem dort 1913 die Aufzeichnungen begannen.

Diese Hitzewellen erfassen immer größere Gebiete, zum Beispiel im Süden der USA, in Pakistan, im Iran oder in anderen tropischen Regionen. Das ist eine der großen Herausforderungen. Wir selbst und unser Lebenssystem sind viel verletzlicher, als wir vor ein paar Jahren vielleicht noch gedacht haben.

© SZ/che
Brandgefaehrlich Teaser

SZ PlusUmweltschutz
:Brandgefährlich

Wälder gehen in Flammen auf, immer größere Flächen brennen monatelang. Wird der blaue Planet zum Feuerball? Und welche Rolle spielt dabei die Klimakrise?

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite