22. Dezember 2010, 10:42 Wissenschaft und Internet Kontrolle aus dem Netz

"Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert", warnen manche Wissenschaftler. Deshalb wächst die Bedeutung von Blogs, die die Arbeit der Forscher kritisch begutachten.

Von Christina Berndt

Rosie Redfield lässt nicht locker. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hatte Anfang Dezember gerade die Geschichte von Bakterien in die Welt gesetzt, die angeblich von Arsen leben können und die Chancen für außerirdisches Leben erhöhen, da begann die wackere Mikrobiologin von der University of British Columbia auch schon, die Bakterien-Aliens auf ihrer Webseite auseinanderzunehmen.

"Ein weiterer Grund, warum die Schlussfolgerung von Wolfe-Simon so unwahrscheinlich ist", schreibt die Mikrobiologin Rosie Redfield in ihrem Blog über die Ergebnisse der Nasa-Wissenschaftlerin Felisa Wolfe-Simon (kleines Bild).

(Foto: screenshot/AFP)

Die Arbeit sei eine "schändliche Analyse", giftet Redfield. "Ich weiß nicht, ob die Autoren einfach schlechte Wissenschaftler sind oder ob sie gewissenlos die ,Es gibt Leben im Weltall'-Agenda der Nasa erfüllen."

Die zähe Frau mit pink gefärbten Haaren belässt es nicht bei Beschimpfungen. Sie führt auch harte wissenschaftliche Argumente an; zusammengenommen sind ihre Ausführungen inzwischen länger als die Publikation, die sie so kritisiert. Und Redfield ist vielleicht die aggressivste, aber längst nicht die einzige Kritikerin.

Im Netz tobt ein Kampf über Wohl und Wehe einer Entdeckung, die gerade erst durch eine Publikation in Science geadelt wurde. Das ist immerhin eines der prestigeträchtigsten Fachmagazine einer Wissenschaftswelt, in der die Publikationsliste über den Fortgang von Forscherkarrieren entscheidet. Noch hält die Entdeckerin der Arsen-Bakterien den Science-Schutzschild vor ihre Arbeit. Sie finde es unangemessen, Wissenschaft in Blogs zu diskutieren, sagt Felisa Wolfe-Simon, die sich selbst Eisenlisa nennt (weil Fe das chemische Zeichen für Eisen ist). Jeder sei eingeladen, seine Kritik an Science zu schicken, damit sie darauf reagieren könne.

Doch diese Haltung geht an der Realität vorbei. Wissenschaft wird längst nicht mehr nur vor dem Abdruck von Koryphäen im Auftrag der Fachzeitschriften begutachtet. Weblogs entwickeln sich unaufhaltsam zu einem Wissenschaftskorrektiv, wie es die klassische Wissenschaft lange vermisst hat.

So unangreifbar wie einst sind die Fachzeitschriften ohnehin nicht mehr. Darüber traut sich auch Rosie Redfield zu spekulieren: Wahrscheinlich hätten die Science-Redakteure die Einwände der Gutachter gegen die Arsen-Publikation einfach verworfen, weil sie zu gierig darauf waren, die aufsehenerregende Entdeckung abzudrucken.

Dass Bedenken von Gutachtern schlicht unbeachtet bleiben, hat auch Peter Krammer vom Deutschen Krebsforschungszentrum erlebt. Vor kurzem hat er ein Manuskript, das ihm fragwürdig erschien, zusammen mit zehn Mitarbeitern ausführlich verrissen. Die Zeitschrift hat es trotzdem gedruckt.

Umso härter ist die Kritik im Netz. Vor allem ein Blog hat es sich zur Aufgabe gemacht, schlechte Wissenschaftler anzugreifen, die Seite "Retraction Watch" der Journalisten Ivan Oransky und Adam Marcus. Sie haben schon zahlreiche Autoren zum Rückzug gezwungen. Nobelpreisträgerin Linda Buck musste zwei hochrangige Arbeiten zurückziehen, weil einer ihrer Mitarbeiter gefälscht hatte; der Gentherapie-Experte Savio Woo zog gleich vier Veröffentlichungen zurück und feuerte zwei seiner Postdocs. Und vor kurzem musste der deutsche Anästhesie-Professor Joachim Boldt gehen, als Ungereimtheiten in seiner Forschung öffentlich wurden.

Womöglich hat sich das traditionelle Publikationssystem überlebt. Denn trotz der Begutachtung durch Forscherkollegen werden immer wieder auffallend schlechte Arbeiten veröffentlicht. "Es scheint keine Hypothese zu trivial zu sein, keine Ergebnisdarstellung zu obskur, keine Schlussfolgerung zu ungerechtfertigt, um gedruckt zu werden", sagt der Publizist Drummond Rennie.

Die Zahl der Publikationen ist in den letzten 30 Jahren ins Unermessliche gewachsen. Dass dabei auch Unsinn publiziert wird, ist nicht überraschend. Das Ausmaß des Unsinns aber sei "alarmierend", meint der Bioinformatiker Neil Saunders. Er hat ausgerechnet, dass die Zahl der Publikationen in der Biomedizin seit 1977 auf das Vierfache gestiegen ist; die Zahl der zurückgezogenen Publikationen aber ist in derselben Zeit um den Faktor 550 angewachsen.

"Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert", meint auch Peter Krammer. Das liege vor allem daran, dass das Geld knapp und der Druck entsprechend hoch sei. Wissenschaft sei ein gnadenloses Geschäft geworden, es werde "auf Teufel komm raus publiziert". Es gehe vielen Forschern nicht mehr darum, der Natur auf den Grund zu gehen, sondern Publikationen anzuhäufen, um berühmt zu werden. Dass dies nicht auf unrühmliche Weise geschieht, dabei könnte die Kontrolle durch die Blogs durchaus helfen.

Auch das klassische System mag selbstkontrollierend sein, wie es dessen Verfechter immer wieder betonen. Aber der Prozess dauert lange. Erst wenn Ungereimtheiten nicht mehr zu übersehen sind, publizieren die Journale eine "Expression of concern", was man mit "Heilige Scheiße!" übersetzen müsse, so Oransky und Marcus. Dann überlegen sie erst einmal weiter, oft jahrelang.

Das mag bei einem Paper über Teilchenphysik nur bedeuten, dass in der Zwischenzeit Abermillionen Euro in die falsche Forschung gesteckt werden. Bei medizinischen Arbeiten aber geht es um die Gesundheit von Menschen. So hat der britische Arzt Andrew Wakefield, der behauptete, die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln bei Kleinkindern könne Autismus hervorrufen, zahlreiche Eltern davon abgehalten, ihre Kinder impfen zu lassen. Es dauerte zwölf Jahre, bis der Lancet die Arbeit zurückzog.

Zwölf Jahre aber sind eine lange Zeit. "In dieser Zeit kommen Leute, die unlautere Ergebnisse publiziert haben, mitunter auf wichtige Positionen und setzen dort ihre Kultur der Unmoral fort", sagt Krammer. "Es ist eine zynische Einstellung, dass sich die Wissenschaft mit der Zeit selbst heilt." Die Wissenschaft sei nur durch eins zu retten, meint er: "Der Druck muss raus." Dass Wissenschaftler bei Förderanträgen an die Deutsche Forschungsgemeinschaft nur noch fünf Publikationen auflisten dürfen, sei ein wichtiger Schritt. Zugleich müsse es Institutionen geben, vor denen sich Fälscher und Pfuscher fürchten. "Blogs scheinen mir eine gute Möglichkeit zu sein."

Die Zeitschrift Science aber bleibt dem System vorerst treu. Sie hat am Montag ein Interview mit der kritisierten Autorin Wolfe-Simon unter dem Titel "Im Auge des Sturms" ins Netz gestellt; die fachliche Kritik werde erst im März im Heft abgedruckt, so eine Sprecherin.