2. Dezember 2011, 18:38 Sozialverhalten "Fairness ist eine Voraussetzung für Zusammenarbeit"

Der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello hat die Kooperation bei Menschen und anderen Primaten studiert. Er hat einiges zu sagen über den Zusammenhalt in Zeiten der Finanzkrise und des Klimawandels.

Interview: Werner Siefert

Als Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello bahnbrechende Studien zur Kooperation bei Menschen und Primaten sowie zur Entstehung der Sprache veröffentlicht. An diesem Freitag wird ihm der mit 1,2 Millionen Schweizer Franken dotierte Klaus J. Jacobs Forschungspreis verliehen.

Primatenforscherin Jane Goodall mit einem Gorilla im Zoo von Melbourne. Menschen können Gesten sehr viel besser interpretieren als andere Primaten.

(Foto: dpa)

SZ: Herr Tomasello, Experten streiten sich derzeit, welche Krise nun eigentlich herrscht: eine Banken-, eine Finanz- oder eine Euro-Krise? Die Klimakrise vergessen sie darüber. Erleben wir eine Krise der Kooperation, in welcher der Egoismus triumphiert?

Michael Tomasello: Das kann sein. Unsere Bereitschaft zu helfen, stellt nur den einen Teil unseres Wesens dar. In gleicher Weise achten wir auf unseren Vorteil. Und unterschiedliche Lebensumstände kehren unterschiedliche Aspekte dieses Janus-Charakters hervor. Hat jemand Hunger, wird er mit Nahrung weniger großzügig sein, ganz einfach. Es gibt Bedingungen, die jeweils kooperatives oder egoistisches Verhalten entstehen lassen. Wir sollten darauf achten, Bedingungen zu schaffen, die Kooperation ermöglichen.

SZ: Welche wären das?

Tomasello: Die erste lautet: Menschen sind hilfsbereiter, wenn Nutzen wie Lasten, Rechte wie Pflichten fair verteilt werden. Fairness ist eine Voraussetzung für Zusammenarbeit. Die zweite ist: Die biologischen Wurzeln der Kooperation liegen in der Gruppe - und das hat Folgen. Wenn man sich heutige Jäger-Sammler anschaut, fällt auf, dass sie alle sehr egalitär sind. Die Mitglieder teilen erwirtschaftete Nahrung, privater Besitz dagegen zählt kaum etwas.

Aber seit der Erfindung der Landwirtschaft vor gut 10.000 Jahren haben wir begonnen, in riesigen Städten mit vielen Menschen, Sprachen, Religionen und Kulturen zu leben. Diese Umgebung stellt diese kooperative Grundeinstellung auf die Probe. Je weiter man sich von seiner Kerngruppe wie etwa der Familie entfernt, umso schwieriger wird es, das Miteinander aufrechtzuerhalten.

SZ: Sind deshalb politische Projekte wie das vereinte Europa vom Scheitern bedroht?

Tomasello: Kooperation über große Räume wird es nur geben, wenn Menschen das Gefühl haben, zu einer großen Gruppe zu gehören. Der entscheidende Kontext, dem die menschliche Kooperation entspringt, war die gemeinschaftliche Jagd. Menschen arbeiteten auf ein Ziel hin, um ein Tier zu erbeuten. Wenn zwei einander brauchen, um eine Beute zu erlegen, dann steht es in meinem Interesse, dem anderen zu helfen.

Wenn Menschen voneinander abhängig sind, kümmern sie sich umeinander, weil sie sich brauchen. Politiker müssen die wechselseitigen Abhängigkeiten der Nationen untereinander verstärken und hervorkehren. Wenn Deutschland und andere vom Wohl und Wehe Italiens abhängen, dann ist die Bereitschaft größer, helfend einzuschreiten.

SZ: Die Hilfsbereitschaft sinkt also, wenn der Sparsame die Schulden des Verschwenders bezahlen soll und nichts dafür bekommt.

Die Erfindung des Zeigens war nach Ansicht von Michael Tomasello einer der ersten Schritte zu Sprache und Kultur.

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Tomasello: Das nennt sich Trittbrettfahren und stellt die entscheidende Bedrohung der Kooperation dar. Schwindler müssen deshalb entweder bestraft oder ausgeschlossen werden. Wenn in einer Jäger-Sammler-Gesellschaft jemand seine Aufgabe nicht erfüllte, dann ging beim nächsten Mal niemand mehr mit ihm jagen - und er erhielt nichts zu essen. Wenn ein Land seinen Pflichten nicht nachkommt oder falsche Angaben macht, muss dies sanktioniert werden.

SZ: Das globale Zusammenleben benötigt nicht mehr Mitgefühl, sondern ein auf der Basis von Fairness austariertes Beziehungsgeflecht?

Tomasello: Ja! Das Wichtigste ist, die Institutionen so zu strukturieren, dass sich jeder, damit meine ich Personen, Gruppen, Organisationen, Nationen, fair behandelt fühlt. Die Menschen besitzen ein natürliches Verständnis davon, dass der eine nicht besser oder schlechter ist als der andere.

Jeder weiß: Ich habe selbstsüchtige Motive, aber der andere hat sie auch. Wenn ich also ein größeres Stück vom Kuchen abhaben möchte, so muss ich wissen, dass der andere dies ebenso will. Das ist die Basis für Verhandlungen. Darum geht es: das Verhandeln von Interessen. Alle, die an einem öffentlichen Gut teilhaben, etwa ein stabiles Klima, müssen das Gefühl haben, gleich behandelt zu werden. Das lässt die Leute auch Schwierigkeiten akzeptieren.

SZ: Der Evolutionsbiologe Robin Dunbar hat ausgerechnet, dass Jäger-Sammler-Gemeinschaften einst aus rund 150 Personen bestanden. Das menschliche Hirn lernte damals, solche sozialen Gefüge zu meistern. Bewältigt dieses Organ auch sieben Milliarden Menschen?

Tomasello: Es würde uns leichtfallen, etwa beim Klimaschutz zu einer Lösung zu kommen, wenn die Erde von Invasoren aus dem Weltall bedroht werden würde. In diesem Fall verstünden wir uns leicht als ein Jagdtrupp mit gemeinsamen Interessen. Aber bei den aktuellen Problemen können wir nicht auf andere deuten, die an allem schuld sind. Wir haben uns die Suppe selbst eingebrockt.

SZ: In der Jäger-Sammler-Gemeinschaft dient soziale Ächtung, sprich Klatsch und Tratsch, dazu, Schmarotzer zur Aufrichtigkeit zu erziehen. Funktioniert das auch zwischen Nationen?

Tomasello: Nichts anderes passiert ja im Augenblick, vermittelt durch das internationale Netz der Medien. Da werden Vergehen angeprangert. Auch wenn Beobachter den Eindruck gewinnen, Staaten seien so hartleibig, dass Kritik an ihnen abpralle, so glaube ich doch, dass auf lange Sicht weder Griechen noch Italiener oder irgendwer den Schwarzen Peter haben wollen. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns hier auf Strukturen zubewegen, die Fairness auf globalem Niveau einfordern und sicherstellen.

Man darf im Übrigen nicht vergessen: Die Idee der Überstaatlichkeit ist extrem jung. Es ist noch nicht lange her, da besaßen Deutschland oder Italien keine staatliche Einheit. Wenn wir heute im globalen Maßstab denken müssen, so sollten wir beachten: Es wird dauern, bis sich die Menschen geistig darauf eingestellt haben. Als Amerikaner bin ich aber ganz optimistisch, dass wir das schaffen werden - genug Zeit vorausgesetzt.

SZ: Wieso sind Menschen überhaupt in der Lage, riesige Gesellschaften zu bilden? Sieht man von den Ameisen ab, ist das in der Biologie einzigartig.

Tomasello: Das ist das zentrale Problem in der Evolution des Menschen. Wieso können wir hier sitzen und reden, in diesem Land, mit den Autobahnen und Strom- und Telefonleitungen, in diesem Gebäude mit den Computern? Wieso gibt es diese extrem großen und strukturierten Gesellschaften? All dies beruht auf Kooperation. Menschen sind um vieles kooperativer als alle anderen Affen.

SZ: Das ist bereits am Verhalten von Kleinkindern abzulesen.

Tomasello: Wir sollten nicht vergessen, dass auch Kinder egoistisch sind. Aber: Sie unterstützen andere Menschen recht vorbehaltlos. Wir bringen sie ins Institut, da ist jemand, den sie nicht kennen - und sie helfen ihm, einfach so. Sie tun das selbst dann, wenn ein Spiel sie fesselt. Wir haben viele Belege, dass die Kinder das nicht etwa von ihren Eltern lernen. Ob die Mutter dabei ist oder nicht, spielt keine Rolle.

Ob mit oder ohne Belohnung, sie helfen. In einer neuen Studie konnten wir zeigen: Wenn Kinder jemanden sehen, der Hilfe braucht, dann wollen sie, dass etwas passiert. Es stellt sie zufrieden, wenn sie sehen, dass der Person geholfen wird, sie müssen das nicht selbst tun. Das Hilfsmotiv ist sehr früh im Leben da, und es ist, davon bin ich überzeugt, die Grundeinstellung.

SZ: Sie vermuten sogar, dass die Sprache einen kooperativen Charakter hat?

Tomasello: Wenn Sie von einem Wesen ausgehen, das komplett egoistisch ist, wieso sollte es einem anderen, ebenso selbstsüchtigen, Aufmerksamkeit schenken, wenn dieses mit dem Finger in eine Richtung deutet? Die einzige Reaktion wäre: "Da ist schon wieder dieser Kerl und versucht egoistisch zu sein. Wieso sollte mich das interessieren?" Wenn dieses Wesen jedoch etwas anzubieten hat, etwas, das mir, wenn auch geringfügig, von Nutzen sein könnte, dann fange ich an, mich dafür zu interessieren. Nämlich: Was will er mir mit seiner Geste sagen, wieso deutet er in diese Richtung?

SZ: Die beiden beginnen sich für das Gleiche zu interessieren ?

Tomasello: Wenn man mit Kooperation generell startet, dann entsteht eine geteilte Aufmerksamkeit. Wir arbeiten zusammen, also ist unsere Intention geteilt. Ich weiß, was deine Ziele sind, du weißt, was meine Ziele sind. Stellen Sie sich eine Situation vor, in der ein Lehrer einem Novizen etwas beibringen wollte. Der Schüler bemüht sich, eine Steinklinge herzustellen, der Experte sagt ihm, wie es geht: "Mach es so! So!", und er wird dabei eine Zeigegeste verwenden. Der Lehrer lädt seinen Schüler ein, ihn zu imitieren. Dieser fragt sich, wieso vollführt er diese verrückten Bewegungen? Er versetzt sich in den Lehrer hinein und handelt so, als ob er an dessen Stelle wäre, weil er grundsätzlich davon ausgeht, dass der Lehrer ihm helfen will.

SZ: Die Erfindung des Zeigens war also einer der ersten Schritte auf dem Weg zu Sprache und Kultur?

Tomasello: Es entstand als ein Mittel, um kooperative Aktivitäten zu koordinieren. Es diente dazu, die Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Ziel zu lenken. In der Zeigegeste vereinen sich viele Elemente, die man für Sprache und Kultur benötigt: Es hat die kognitive Komponente, die Intentionen und Schlussfolgerungen erlauben, aber beides funktioniert nicht ohne die kooperative Infrastruktur. Wer sich in die Absichten eines anderen hineinversetzt, der wird ein Werkzeug nicht jedes Mal neu erfinden müssen.

Er überlegt sich: Wozu war diese Form eines Schabers gut, wieso hat sie der Erfinder genau auf solche Weise ausgeführt? Wenn er die Intention dahinter erschließt, wird es ihm ein Leichtes sein, das Gerät nicht nur zu reproduzieren, sondern weiterzuentwickeln. Dieser Wagenheber-Effekt lässt Kultur entstehen.

SZ: Und Sprache?

Tomasello: Wir starten bei der kooperativen Struktur der Kommunikation, bei der Jagd entsteht das Zeigen, mit ikonischen Gesten oder Pantomime kommen sukzessive symbolische Anteile hinzu. Damit haben wir den Weg zur Sprache, ich würde sagen, zu zwei Dritteln bereits zurückgelegt. Jetzt fehlt "nur" noch der konventionelle Teil. "Wir" nennen das einen "Stift", und unsere Kinder denken nicht einmal mehr darüber nach, dass dies ein Stift ist.

SZ: Die technische Kultur erweitert seit ein paar Jahrhunderten mit Büchern, Zeitungen, Radio, Fernsehen und zuletzt dem Internet zusehends auch die kommunikativen Möglichkeiten - und trifft so ins Herz des Menschenseins, denn der Homo sapiens entstand ja auf Basis der Kommunikation. Keine Frage also, dass sich die neuen sozialen Medien auf die sozialen Beziehungen auswirken - aber wie?

Tomasello: Das ist alles so neu, dass wir es kaum beurteilen können. Ich bin gerade alt genug, um Erinnerungen an das erste Fernsehen zu haben, ich war sechs oder sieben Jahre alt. Damals konnte man sehen, was Menschen anderswo in der Welt tun, ohne sein Zuhause zu verlassen. Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie ein globales Bewusstsein. Heute bekommen wir in Windeseile Nachrichten aus allen Teilen der Welt, und es ist schwer für eine Regierung, den Informationsfluss zu kontrollieren.

Die Leute teilen zwar Verrücktheiten mit, aber das ist Teil der Offenheit. Es war daneben interessant zu beobachten, dass die neue Form der Kommunikation bei der Lösung des Koordinationsproblems hilft. Es lautet: Ich kooperiere, wenn alle anderen auch kooperieren. Da gab also einer in Kairo bekannt, auf den Tahrir-Platz kommen zu wollen, aber nicht alleine, weil ihn sonst die Polizei verhaften würde. Als Zehntausende ihre Bereitschaft per Mobiltelefon bekundeten, konnte die Demonstration stattfinden. Das ist natürlich etwas Gutes!