18. Mai 2012, 15:51 Erdbeben und Tsunamis Wie gefährdet Japans Atomkraftwerke sind

Bei den japanischen AKW ist der Schutz vor Erdbeben und Tsunamis trotz des Super-GAUs 2011 nicht verbessert worden. Die Regierung wiegt sich aufgrund ihrer Risikokarten in Sicherheit. Doch unabhängige Experten warnen: Das Material ist wertlos.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Die See von Japan ist ein Meer der Atomkraftwerke. 35 der 50 noch intakten Reaktoren Japans stehen an der Westküste des Landes, die man in Tokio abfällig die "Rückseite Japans" nennt. Vor zwei Wochen ist hier, auf der nördlichen Hauptinsel Hokkaido, der Reaktor Tomari-3 zur Routinewartung abgeschaltet worden - der letzte Meiler, der noch am Netz war.

Sprung ins Ungewisse: Die Bevölkerung der westjapanischen Präfektur Fukui lebt mit einem guten Dutzend Atomreaktoren. Doch Tsunamis sind auch dort jederzeit möglich.

(Foto: Reuters)

Öffentlicher Druck hat bisher verhindert, dass die Kernkraftwerke Japans nach ihren Routine-Wartungsarbeiten wieder ans Netz gehen dürfen; zu tief sitzt der Schock nach der dreifachen Kernschmelze in der Anlage Fukushima I, die das inzwischen "Tohoku" genannte Beben ausgelöst hat. An der See von Japan liegen aber auch die Atomkraftwerke, die Premier Yoshihiko Noda möglichst schnell wieder anfahren möchte, insbesondere Oi-3 und -4 nördlich von Osaka. Hinzu kommen 15 Reaktoren an der Ostküste von Südkorea, die normalerweise Strom nach Japan liefern.

Die Erdbebensicherheit und der Schutz vor Tsunamis dieser insgesamt 50 Atommeiler ist eher fraglich und seit der Katastrophe vom März 2011 nicht verbessert worden. Die japanische Regierung verweist dazu auf offizielle Risikokarten, die von einer staatlichen Kommission erarbeitet werden. In der Präfektur Fukui, wo die Anlage Oi steht, sind sie hellgelb eingefärbt.

Das bedeutet, ihr Erdbeben-Risiko sei vergleichsweise gering: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich binnen 30 Jahren ein Beben von mindestens Stärke 6 auf der siebenstelligen japanischen Shindo-Skala ereignet, beträgt weniger als drei Prozent. (Anders als die im Westen übliche Skala, der die freigesetzte Energie zugrundeliegt, orientiert sich die Shindo-Skala an den örtlichen Beschleunigungen des Erdbodens.)

Im Gegensatz dazu weisen die Karten für die Region westlich von Tokio ein Risiko von "26 Prozent oder mehr" aus. Das ist die höchste Stufe der Vorhersage; für die Hauptstadt selbst sprechen die Staats-Seismologen sogar von 70 Prozent.

Dass sich Japans Regierung bezüglich ihrer Meiler an der Westküste in relativer Sicherheit wiegt, liegt vor allem an diesen Erdbeben-Voraussagen. Sie leiten aus historischen Daten ab, wiehäufig Erdbeben in den einzelnen Regionen Japans zu erwarten seien und rechnen diese für die Zukunft hoch. Der Seismologe Robert Geller von der Universität Tokio nennt diese Risikoanalyse "Sciencefiction". Das Kartenwerk sei "nicht nur wertlos, sondern gefährlich". So reicht die Statistik der Risikokarten nicht weiter zurück als ins 19. Jahrhundert.

Doch im Jahr 1026 gab es beispielsweise das "Iwami-Beben" vor der Stadt Matsue in der japanischen See, das einen gewaltigen Tsunami auslöste. Die historischen Chroniken datieren die Katastrophe auf den 23. Tag des fünften Monats im dritten Jahr der Manju-Zeit, nach westlicher Zeitrechnung der 16. Juni 1026. Die Tsunami-Fluten schwappten tief ins Land hinein, rissen ganze Dörfer nieder und ihre Bewohner mit. Das internationale Tsunami-Institut in Nowosibirsk schätzt ihre Höhe auf zehn Meter.

Auf solche Wellen sind die Reaktoren der Westküste Japans nicht ausgelegt. Die Fluten dürften damals auch die Küste der heutigen Präfektur Fukui erreicht haben, wo auf einem kurzen Küstenstreifen 13 Reaktoren stehen, dazu der Versuchsreaktor Monju, ein schneller Brüter. Fukui ist eine der ärmsten Präfekturen Japans, doch die Steuereinnahmen und Zuschüsse der AKW-Betreiber haben einigen Gemeinden Wohlstand gebracht. Dafür war man in Fukui bisher bereit, über Nuklearzwischenfälle hinwegzusehen.

(Foto: SZ-Karte)

"Ich will nicht sagen, dass es morgen ein Erdbeben wie im Jahre 1026 geben könnte", sagt Geller. Aber früher oder später sei es unvermeidlich. Und ein Risiko von drei Prozent in 30 Jahren in den offiziellen Karten übersetzt sich zu fünf Prozent in den 50 Jahren, die Kernkraftwerke in Betrieb sind. "Wenn ein derartiges Beben einen hohen Tsunami verursacht, der in der relativ flachen See von Japan womöglich stärker als im Pazifik ist", erklärt er, "dann ist es russisches Roulette, was die Regierung mit den Kernkraftwerken dort macht."

Unterstützung bekommt Geller von Katsuhiko Ishibashi, einem emeritierten Professor der Uni Kobe. Er warnt seit Jahren eindringlich, kein japanisches Kernkraftwerk sei ausreichend gegen Erdbeben und Tsunamis geschützt. An einem Beispiel sagte er sogar den Ablauf der Katastrophe von Fukushima voraus. Aber damit wurde er nicht gehört. Prognosen einzelner Erdbeben wagt er keine mehr: "Sollte ich ein AKW als besonders gefährdet herausheben, schlägt die Natur woanders zu. Das ist ihre Ironie. Alle AKWs in Japan sind erdbebengefährdet."

Beide Experten halten darum das offizielle System der Bebenvorhersage für untragbar. Die Erdplatten, die tief unter der Oberfläche gegeneinander drücken und Spannungen aufbauen, hielten sich nicht an irgendwelche Perioden, Zyklen oder Zeitpläne, schon gar nicht in menschlichen Zeitmaßstäben. Geller ist überzeugt: Man werde nicht errechnen können, wann und an welcher Stelle zwei tektonische Platten dem Druck nachgeben und zu gleiten beginnen, da Erdbeben wie Lawinen und Verkehrsstaus einer "selbstorganisierten Kritikalität" unterliegen. So nennen Mathematiker komplexe Systeme, in denen es erkennbare Ursachen und Risiken gibt, aber keinen Einzelfaktor, der das Ereignis auslöst.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich keines der schweren Beben Japans in einer Gegend ereignet, die auf den Risiko-Karten mit roter Farbe ausgewiesen waren, also als besonders gefährdet galten, sagt Geller. Die Staats-Seismologen waren 1995 von dem Erdbeben in Kobe und den beiden "Chuetsu-Beben" 2004 und 2007 an der See von Japan genau so überrascht wie von den Stößen am 11. März 2011. "Die staatliche Erdbebenvorhersage sollte abgeschafft werden", findet Geller. "Seit dem 11. März 2011 erst recht."

Kenji Satake, ebenfalls Professor an der Universität Tokio und einer der staatlichen Seismologen, widerspricht und verteidigt die offiziellen Prognosen: "Das Beben vom 11. März ist mit 99 Prozent vorausgesagt worden", beharrt er. "Es war das Beben mit der höchsten Wahrscheinlichkeit in Japan. Vor der Küste von Miyagi (der Präfektur nördlich von Fukushima; Anm. d. Red.) ereignet sich alle 37 Jahre ein solches Beben." Das letzte der Serie hatte es dieser Lehre zufolge 1978 gegeben.

In der Tat ist die Küste nördlich von Miyagis Hauptstadt Sendai auf einer anderen Risiko-Karte, jener für Beben mit weniger als Shindo 6, rot eingefärbt. Die Forscher hatten Satake zufolge nur mit einem Beben der geologischen (im Westen gebräuchlichen) Magnitude von 7,5 gerechnet. Tatsächlich erreichten die Erdstöße aber die Magnitude 9,0. Das 180-Fache der für möglich gehaltenen Energie wurde freigesetzt.

Satake rechtfertigt diesen ernsten Fehler des Prognosesystems, indem er sagt, am 11. März hätten sich mehrere Beben zugleich ereignet. "Niemand hat mit einer Stärke 9,0 gerechnet." Offenbar ist in dem staatlichen System nie definiert worden, an welchen Kriterien der Erfolg von Erdbeben-Prognosen zu messen sei.

Geller hat für die Erklärungen seines Kollegen und der offiziellen Seismologen nur Hohn übrig: "Jetzt behaupten sie einfach, es seien halt fünf Beben gleichzeitig gewesen, das kann man doch nicht Prognose nennen." Jenseits dieses Streits ist das wirkliche Problem in Japans Atomwirtschaft ohnehin, dass sie sich nicht einmal nach den fragwürdigen Prognosekarten der Staats-Seismologen richtet.

Das liegt zum einen daran, dass die Kraftwerke älter sind als diese seismologische Forschung. Als Japan in den 1960er-Jahren begann, AKWs zu planen, wusste man wenig über historische Beben. Obwohl an der Sanriku-Küste ganz im Nordosten noch viele Menschen lebten, die sich an die großen Tsunami-Katastrophen von 1896 und 1933 erinnerten, beachteten weder die Reaktor-Bauer noch die Regierung ihre Erzählungen.

Zum anderen wurden viele später gewonnene Erkenntnisse einfach ignoriert. Als im vergangenen Jahrzehnt wissenschaftliche Daten über das große Jogan-Erdbeben vom Jahre 869 bekannt wurden, wollte man in Tokio davon nichts hören. Anhand von Sedimenten konnten Archäologen dem Tsunami von 869 eine Wellenhöhe von bis zu 40 Metern in engen Tälern nachweisen. In der Ebene von Sendai, wo die Küste flach ist, fanden sie mehr als vier Kilometer weit im Inland Spuren des Tsunami.

Daraus schließen sie, dass die Flutwelle 869 am Standort von Fukushima 1 etwa die gleiche Höhe erreichte wie jene von 2011: 14 Meter. In offiziellen Anhörungen warnten Geologen den AKW-Betreiber Tepco und die Regierung vor solchen Wellen. Eine Tepco-interne Untersuchung ergab zudem, dass das Kraftwerk den Erschütterungen des Jogan-Bebens nicht standgehalten hätte. Aber die Studie verschwand in einer Schublade.

Wenn wir Erdbeben nicht voraussagen können, muss man alle Städte sicherer machen", sagt Geller. Man müsse in ganz Japan mit sehr schweren Beben rechnen, warnt der Forscher. Die untauglichen Prognosen wiegten die Menschen außerhalb der angeblichen Hochrisiko-Zonen in falscher Sicherheit. Gerade auch an der See von Japan, zumal dort einige Kernkraftwerke direkt über seismischen Bruchlinien stehen, Tsuruga in Fukui zum Beispiel. Aber nach der offiziellen Risikokarte gehört Fukui zu den am wenigsten gefährdeten Gebieten Japans.