17. Mai 2010, 21:48 Bildung Schluss mit der Dressurschule!

"Es ist kein Naturgesetz, dass Kinder die Lust am Lernen verlieren!" Der Neurobiologe Gerald Hüther über die Folgen von Druck in der Bildung.

Interview: Simone Kosog

Gerald Hüther, 57, ist Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen.

Es kommt darauf an, dass die Kinder begeistert bei der Sache sind, sagt der Neurobiologe Hüther.

(Foto: Foto: AP)

SZ Wissen: Herr Hüther, was braucht ein Kind für seine Entwicklung?

Gerald Hüther: Kinder brauchen eine Gemeinschaft, in der sie sich wohlfühlen, sie brauchen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können - wenn der Vater jeden Abend über die Arbeit flucht, ist es schwierig für ein Kind, selbst ein positives Verhältnis dazu zu entwickeln. Und Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können. Jedes Kind hat den Drang, sich auszuprobieren und zu zeigen, dass es etwas kann.

SZ Wissen: So lernt es dann zum Beispiel Laufen und Sprechen.

Hüther: Genau! Am Anfang gibt es diese Aufgaben für Kinder noch, aber dann kommen die Erziehungsmaßnahmen ins Spiel: Erwachsene machen die Vorgaben und glauben, dass die Kinder Klavier spielen lernen sollen oder Schwimmen oder Englisch.

SZ Wissen: Sind das denn keine Aufgaben?

Hüther: Aus der Perspektive des Kindes - und das ist die einzige, die in diesem Zusammenhang zählt - gibt es nur Aufgaben, die es sich selbst sucht. Wenn Eltern oder Erzieher zu wissen glauben, was das Beste für das Kind ist, sind das lediglich Pflichten, die das Kind nicht für sich, sondern für seine Eltern erfüllt.

SZ Wissen: Es gibt Kinder, deren Tage so verplant sind, dass kaum Zeit zum Spielen bleibt.

Hüther: Eine Katastrophe! So ein Kind verliert seine Freiheit, weil es seine Potenziale nicht entfalten kann. Aus neurobiologischer Sicht ist das freie Spiel das beste Training für Kindergehirne überhaupt, für die Entwicklung der Persönlichkeit ist das ganz entscheidend.

SZ Wissen: Was passiert, wenn Erwachsene die Aktivitäten in die Hand nehmen?

Hüther: Kinder suchen immer nach Herausforderungen, die ein bisschen über dem liegen, was sie bereits können. Sie legen die Latte immer ein bisschen höher. Wenn nun die Erwachsenen die Übung anleiten, legen sie die Latte meist so, dass sie für einzelne Kinder zu niedrig ist. Für die sind die Aufgaben dann uninteressant, sie machen Krach und verweigern sich. Für andere hängt die Latte viel zu hoch, sie reagieren auf die gleiche Weise. Und die dritte Gruppe, für die die Latte die richtige Höhe hätte, kann die Aufgaben nicht erfüllen, weil alle anderen Krach machen.

SZ Wissen: Sollen denn Eltern und Erzieher die Kinder nicht motivieren?

Hüther: Es gibt keine Motivation von außen. Wir haben lediglich die Möglichkeit, die Motivation, die ein Kind von vornherein mitbringt, nicht kaputt zu machen.

SZ Wissen: Wie sollen sich Erwachsene also verhalten?

Hüther: Sie tun den Kindern einen großen Gefallen, wenn sie sich weniger einmischen und ihnen Raum für eigene Erfahrungen lassen. Denn eines wissen wir heute sicher: Lernen ist nur nachhaltig, wenn es erfahrungsbasiert ist. Es muss unter die Haut gehen! Das ganze Auswendiglernen kann man vergessen.

SZ Wissen: Wie sieht dann die ideale Schule aus?

Hüther: Sie muss individuell auf die Kinder eingehen und ihre Begeisterung wecken, oder besser: die Begeisterung erhalten. Jedes Kind kommt mit Entdeckerfreude und Gestaltungslust auf die Welt, und es ist kein Naturgesetz, dass es irgendwann die Lust am Lernen verliert. Eine gute Schule erkennt man daran, dass die Kinder morgens gern hingehen und traurig sind, wenn die Ferien beginnen.

SZ Wissen: Früher wurde niemand gefragt, ob ihm das Lernen Spaß macht.

Hüther: "Schule muss wehtun!" Mit dieser Haltung werde ich immer wieder bei meinen Vorträgen konfrontiert. Da kommt dann zum Beispiel ein Mann auf mich zu und sagt: "Ich hab das auch alles erlitten und bin trotzdem Professor geworden." Ich erwidere dann meistens: "Wer weiß, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie Spaß gehabt hätten?" Dann werden die Leute oft sehr nachdenklich.

SZ Wissen: Trotzdem: Eltern wollen, dass ihre Kinder später ein gutes Leben führen, und die meisten sehen in einer erfolgreichen Schulbildung und anschließendem Studium die beste Voraussetzung dafür.

Gerald Hüther hält das freie Spiel für das beste Gehirntraining der Kinder.

(Foto: Foto: privat)

Hüther: Das Gymnasium ist aber keine Lebensqualifikation, und das Studium auch nicht! Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen sehr verunsichert sind. Die meisten glauben immer noch, es käme auf Mathe, Englisch und Deutsch an, aber es kommt darauf an, dass die Kinder begeistert Mathe, Englisch, Deutsch und was auch immer lernen. Wichtig ist nicht, die Kulturgüter zu überliefern, sondern den Geist anzuzünden, der die Kulturgüter hervorgebracht hat. Dann bekommen wir von ganz allein hervorragende Weltentdecker.

SZ Wissen: Was sind denn für Sie echte Lebensqualifikationen?

Hüther: Das sind die sogenannten Metakompetenzen, die auf der präfrontalen Rinde verankert sind. Dazu gehören Empathiefähigkeit, Handlungsplanung, Frustrationstoleranz oder Impulskontrolle. Nur wenn ein Kind diese Fähigkeiten ausbilden kann, wird es zu einer starken Persönlichkeit heranwachsen. Aber man kann das nicht unterrichten, auch keine Noten dafür vergeben, also kommen diese Qualifikationen in den allermeisten Schulen nicht vor.

SZ Wissen: Die Gesellschaft dürfte dann nur schwache Persönlichkeiten hervorbringen.

Hüther: Ich bin davon überzeugt, dass viele Probleme genau damit zusammenhängen: Magersucht und Drogen, aber auch Lernschwierigkeiten wie Legasthenie. Wenn sich Kinder nicht als jemanden erleben können, der etwas bewirken kann, wenn es ihnen an Erfahrungen in komplexen Lebenswelten mangelt, wenn sie nicht Körper, Geist und Emotionalität schulen können, scheitern sie.

SZ Wissen: Viele Menschen sehen die Lösung in mehr Disziplin. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf private englische Internate, in denen es streng zugeht, und sie lesen Bücher wie "Lob der Disziplin" von Bernhard Bueb, dem früheren Leiter des Internats Schloss Salem.

Hüther: Ein fataler Trugschluss! Das Kind soll in eine Form gepresst werden. Strengere Regeln, mehr Druck und schärfere Maßnahmen führen aber nicht zu Disziplin, sondern nur zu Gehorsam, und gehorsame Menschen hatten wir im letzten Jahrhundert zur Genüge.

SZ Wissen: Und Disziplin ist etwas anderes?

Hüther: Auch Disziplin hat mit Erfahrung zu tun: Es geht darum, dass Kinder die Gelegenheit haben, den Nutzen von Regeln zu erleben. Nehmen Sie den Film "Rhythm is it!". Darin hat ein Choreograf mit 250 Kindern eine Tanzaufführung einstudiert. Er hat sie begeistert, indem er ihnen gesagt hat: "Ich weiß, dass ihr das könnt, aber das funktioniert nur, wenn ihr euch an die Regeln haltet." Die Schüler machten mit, weil sie die Regeln als sinnvoll und notwendig erlebten: Sie kamen pünktlich, hielten sich an Vorgaben und führten Anweisungen aus. Das ist Disziplin!

SZ Wissen: Es geht also nicht nur um Spaß?

Hüther: Natürlich nicht! In dem Moment, wo Eltern alle Schwierigkeiten von ihrem Kind fernhalten, schränken sie es wieder ein und machen es unfrei. Ein Kind braucht die Möglichkeit, auf Berge zu steigen!

SZ Wissen: Wie wird sich die Schullandschaft in den nächsten Jahren entwickeln?

Hüther: Wir müssen das System der Dressur- und Abrichtungsschule überwinden, dafür braucht es mutige Eltern, Lehrer und Rektoren. Ich bezweifle, dass das staatliche System diesen Sprung schnell genug schafft. Die Privat- und Alternativschulen werden sich immer mehr durchsetzen. Aber ich bin zuversichtlich: Es ist wunderbar viel Bewegung zu spüren

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